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Veröffentlicht: 19.08.2013, 09:35 Uhr

Prozessauftakt im Transplantationsskandal „Das war meine Liebe zum Leben“

Im Göttinger Prozess um Organspenden wird rechtlich Neuland betreten. Es geht dabei nicht nur um den Angeklagten Aiman O., sondern vor allem um das deutsche System der Organtransplantation.

von , Göttingen
© dpa Daumen hoch: Der angeklagte Mediziner grüßt am Montag zwischen seinen Verteidigern Bekannte im Gerichtssaal.

Aiman O. betritt den Gerichtssaal mit einer Geste demonstrativer Zuversicht. Lächelnd winkt er seinen Bekannten hinter der Glasscheibe im Zuschauerraum zu, dann reckt er den Daumen nach oben. Auch während Staatsanwältin Hildegard Wolff die Anklageschrift verliest, schaut er immer wieder lächelnd hinüber und wirkt dabei bisweilen beinahe amüsiert. So sieht jemand aus, der nicht glaubt, dass ihm ein Gericht etwas anhaben kann.

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Aiman O. steht im Zentrum des größten Organspende-Skandals, der in Deutschland bislang verhandelt wurde. Als leitender Oberarzt der Transplantationchirurgie der Universitätsklinik Göttingen soll er Patientenakten gefälscht haben, um schneller an Spenderorgane zu gelangen. Kurz nachdem die Unregelmäßigkeiten am Göttinger Klinikum bekanntwurden, flogen ähnliche Machenschaften auch in Regensburg und München auf. Die Ereignisse erschütterten das Vertrauen vieler Bürger in das Gesundheitswesen. Die Organspende-Zahlen brachen ein, die Politik verschärfte die Kontrollen.

Ein Jahr nach dem anonymen Anruf bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation steht nur erstmals ein mutmaßlich Verantwortlicher vor Gericht. Seit Januar sitzt Aiman O. in Untersuchungshaft, seit Montag muss er sich vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Göttingen verantworten. Dem 46 Jahre alten Mediziner wird versuchter Totschlag in elf Fällen vorgeworfen.

Er soll gegenüber Eurotransplant, der zentralen Vergabestelle für Spenderorgane für Deutschland und sechs weitere europäische Länder, Falschangaben gemacht haben, damit seine Patienten in der Warteliste nach oben rutschten und schneller ein Spenderorgan bekamen. So soll er Kandidaten für eine Lebertransplantation etwa Nierenschäden und die Notwendigkeit von Dialysen angedichtet oder falsche Blutwerte angegeben haben, um seine Patienten hilfebedürftiger erscheinen zu lassen, als sie es tatsächlich waren. Zudem soll er Alkoholiker auf die Warteliste gesetzt haben, obwohl sie, entgegen den Richtlinien der Bundesärztekammer, in den vergangenen sechs Monaten getrunken hatten.

Laut Staatsanwaltschaft bekamen die Patienten durch die Manipulationen in kurzer Zeit Spenderorgane – schneller als andere, die es eigentlich dringender gebraucht hätten und deshalb möglicherweise starben. Aiman O. soll das zumindest billigend in Kauf genommen haben. Weil es aber unmöglich herauszufinden ist, welche Patienten in Folge der Falschangaben gestorben sein könnten, lautet die Anklage auf versuchten und nicht etwa auf vollendeten Totschlag.

Mit dieser Argumentation wagt sich die Staatsanwaltschaft Braunschweig auf juristisches Neuland. Selbst nach den Richtlinien der Bundesärztekammer für Lebertransplantationen sind Verstöße nur als Ordnungswidrigkeiten zu behandeln. Der Gesetzgeber hat erst nach den Vorfällen von Göttingen, München und Regensburg die Manipulation von Wartelisten unter Strafe gestellt. Steffen Stern, O.s Anwalt, sagt vor Gericht: „Für uns als Verteidigung ist das der Beweis, dass Manipulationen an Wartelisten nicht strafbar sind.“

Juristisch weniger heikel scheint die Lage bei drei weiteren Fällen zu sein, für die sich Aiman O. verantworten muss. Er soll drei Patienten eine Leber transplantiert haben, obwohl diese gar nicht so schwer erkrankt waren, dass sie ein Spenderorgan gebraucht hätten. Im Gegenteil: es war sogar schädlich. Alle drei Operationen führten letztlich zum Tod der Patienten. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Sollte O. schuldig gesprochen werden, drohen ihm mindestens drei Jahre Haft; seinen Beruf dürfte er wohl nie wieder ausüben.

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