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Prozess wegen möglicher Sterbehilfe : Ein Prozess um Leben und Tod

Das Urteil im Prozess in Ulm könnte weitreichende Folgen für die Palliativmedizin haben Bild: dpa

Ist ein Kranker tatsächlich daran gestorben, dass sein Sohn, selbst Mediziner, und seine Frau einen Tropf mit Schmerzmitteln aufdrehten?

          Was sich am Abend des 28. Januar 2008 in einem Zimmer der Ulmer Uniklinik abgespielt hat, wird sich so schnell nicht aufklären lassen: Um 23.30 Uhr verließ der diensthabende Nachtdienstarzt das Zimmer, zurück blieb der 69 Jahre alte Patient Kurt A. Der Lungenfacharzt litt an einer „schweren idiopathischen Lungenfibrose“ im Endstadium, er brauchte Sauerstoff durch eine Atemmaske. An seinem Bett stand sein Sohn, Professor Martin A., auch er Mediziner, spezialisiert auf Transplantationschirurgie. Auch die Ehefrau des Patienten, Mechthild A., war im Sterbezimmer.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Kopfende des Krankenbettes stand eine Infusionspumpe. Kurt A. bekam über den Perfusor seit einigen Tagen Morphium. Das ist im Grunde keine therapeutische, sondern eine palliative Medikamentation. Das Morphin soll dem schwer kranken Mann die Angst vor dem Ersticken nehmen. Plötzlich riss er sich die Atemmaske vom Gesicht und erklärte, dass er nun bereit zum Sterben sei. Als die Schwestern das Krankenzimmer verlassen hatten, war der Morphin-Perfusor auf 5,5 Millimeter pro Stunde eingestellt. Der genaue Todeszeitpunkt von Kurt A. ist nicht feststellbar. Irgendwann zwischen 23.35 und 0.15 Uhr muss er gestorben sein. Auf der Anzeige der Infusionspumpe sind 99 Milliliter Morphin pro Stunde angezeigt. An der Spritze im Perfusor fanden sich später die Fingerabdrücke des heute 44 Jahre alten Medizin-Professors.

          Hat der Sohn also aktive Sterbehilfe geleistet, indem er die Morphin-Dosis erhöhte? Die Ulmer Staatsanwaltschaft bejahte diese Frage und erhob 2010 Anklage gegen Martin A. und seine Mutter wegen „gemeinschaftlicher Tötung auf Verlangen“. Der Fall zog große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Familie des Angeklagten hat, zum Schutz ihrer Interessen und ihrer Privatsphäre, den früheren hessischen Regierungssprecher und heutigen Medienberater Dirk Metz engagiert.

          Hat die hohe Morphindosis zum Tod geführt?

          Seit Mittwoch wird der Fall vor der zweiten Schwurgerichtskammer des Ulmer Landgerichts verhandelt. 14 Sachverständige hat das Gericht einbestellt. Es soll die Frage geklärt werden, ob die stark erhöhte Morphingabe zum vorzeitigen Tod des todgeweihten Patienten führte. Pneumologen, Intensivmediziner, Gerichtsmediziner und Palliativmediziner tragen nun Verhandlungstag für Verhandlungstag ihre Sicht der Dinge vor. Sicher ist, dass der Münchner Chirurg von der Klinikleitung ermächtigt war, in die Behandlung seines Vaters einzugreifen. Kurz vor dem 28. Januar soll es ein Gespräch der Angehörigen mit den Klinikärzten gegeben haben. Es soll ein schwieriges Gespräch unter Kollegen gewesen sein. Am Ende kam es zu einer ungewöhnlichen Übereinkunft: Die Klinik gestattete es dem Sohn, regulierend in die Therapie einzugreifen, also die Infusionspumpe zu bedienen. Darüber soll es sogar ein Protokoll geben.

          Die Verhandlung dreht sich deshalb weniger um die Frage, ob der Münchener Medizin-Professor tatsächlich die Morphingabe erhöht hat. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, ob die ungewöhnlich hohe Morphin-Dosis ursächlich zum Tod des Patienten geführt hat. Die Staatsanwaltschaft und ihre rechtsmedizinischen Gutachter sind dieser Auffassung. Die Verteidiger wollen diese Behauptung widerlegen. Sie bezeichnen Kurt A. als multimorbiden Patienten und wollen von der Frage, wer die Infusionspumpe bediente, eher ablenken. Sie wollen nachweisen, dass die hohe Morphin-Dosis nicht tödlich gewesen sein muss.

          „Das Morphin hat ihm den Rest gegeben. Es war mehr als ein Sechstel der Tagesdosis“, sagt Klaus Püschel, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein rechtsmedizinisches Gutachten verfasst hat. Er stützt sich dabei allerdings nur auf Akten, er hat den Toten nicht obduziert. Morphin sorgt für Atemlähmungen. Eine eindeutige Todesursache – ein Blutgerinnsel, eine Vergiftung oder eine ausgeprägte Herzleistungsschwäche – habe man bei Kurt A. nicht feststellen können. „Der Todeszeitpunkt ist eindeutig durch die Gabe von Morphin vorverlagert worden. Es war relativ zu viel“, sagt Puschel. Er wird dann von den Verteidigern des Angeklagten gefragt: „Was ist relativ zu viel? Gibt es einen Grenzwert, der beweist, dass das Morphin zu viel war?“ Püschel sagt, das Besondere sei eben die Erhöhung der Morphin-Dosis gewesen, deshalb müsse dieser Schritt einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf gehabt haben. Alle Gutachter, die nach Püschel zur dieser Frage Stellung nehmen, widersprechen dem Rechtsmediziner: Lungenfibrose, eine Lungenentzündung und die chronische Herzschwäche – das Herzgewicht habe bei 580 Gramm gelegen – könnten ebenfalls zum Tod geführt haben.

          „Ausschließen kann ich gar nichts“

          Bei Patienten mit einer Lungenfibrose, berichtet ein klinisch erfahrener Gutachter, könne die Wegnahme der Atemmaske binnen weniger Minuten zum Tod führen, durch den akuten Sauerstoffmangel, die Hypotoxie. Der Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger berichtet, er sei an der Obduktion von 20.000 Leichen beteiligt gewesen. Einmal habe er einen Mann gehabt, der sei im Keller neben einem Giftfass mit E605 gefunden worden – die Todesursache sei aber Herzschwäche gewesen. „Sie können, schwäbisch gesagt, immer Flöhe und Läuse haben.“ Die Aussagen über die Todesursache seien „spekulativ“. Schließlich fragte einer der Verteidiger resümierend noch einmal den Rechtsmediziner der Staatsanwaltschaft: „Können Sie ausschließen, dass der Tod des Patienten schon vor der Erhöhung der Morphin-Dosis eingetreten ist?“ – „Ausschließen kann ich gar nichts, das hilft nur dem Gericht nicht weiter.“

          Würde Martin A. wegen aktiver Sterbehilfe schuldig gesprochen, verlöre er seine Approbation und seine Existenzgrundlage. Auch für die Palliativmedizin hätte ein solches Urteil weitreichende Folgen: „Für die Palliativmedizin wäre das verheerend“, sagt Elke Muhl, Intensivmedizinerin an der Universitätsklinik Lübeck, „bei Atemproblemen ist Morphin das Mittel der Wahl. Einen Ersatz gibt es nicht. Die Ärzte würden sich in einer Grauzone bewegen.“

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