Home
http://www.faz.net/-gum-6u4ks
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Prêt-à-porter Stille Tage im Klischee

05.10.2011 ·  Abwarten und Champagner trinken als Daseinsform: Beim Prêt-à-porter herrschen zugleich Aufbruchstimmung und Unsicherheit. Notizen aus einer flauen Saison.

Von Alfons Kaiser, Paris
Artikel Bildergalerie Lesermeinungen (0)
© Helmut Fricke Prêt-à-porter: Zwischen neuer Sachlichkeit und Opulenz

Am Ende einer langen Woche steht Annette Weber, frisch von Chanel kommend, um halb zwölf am Morgen schon im zweiten Kleid des Tages, vor der Pagode in Paris und zuckt mit den Schultern: Echte Modemomente hat sie nicht erlebt. Und wenn schon die Chefredakteurin der deutschen „Instyle“ zweifelt, die gewissermaßen von Berufs wegen zu Begeisterung verpflichtet ist: Kann dann überhaupt jemand diese Modesaison für Frühjahr und Sommer 2012 anders als flach nennen?

Abwarten - und Champagner trinken. Das ist vielleicht die wichtigste Daseinsform des Prêt-à-porter. So viele Debüts, so viel Aufwand, so viele Partys, aber keine rechte Stimmung. Die teils unerträgliche Hitze macht die Sache nicht besser. In der Lanvin-Schau gibt es fast Ohnmächtige, weil sich das Modezelt in den Tuilerien mangels Klimaanlage und dank Überfüllung von außen und von innen aufheizt. „Wir brauchen keine Kühlung“, sagt eine Pariserin. „Wenn es heiß ist, fahren wir immer ans Meer.“

Die unergründlich untergründig flaue Stimmung könnte auch daran liegen, dass das herrschende Modesystem an Autorität verliert. Diese Woche wird als die erste Prêt-à-porter-Saison in die Modegeschichte eingehen, in der mehr Fotografen draußen vor der Tür stehen als drinnen am Ende des Laufstegs. Vor den Schauen von Chloé, Céline, Dior, Lanvin, Chanel, Louis Vuitton überall das gleiche Bild: Die Laufstegfotografen, mal sind es 80, mal 100, mal 120, schleppen ihre Koffer, Stehleitern und Sechshunderter-Objektive ins Zelt - um brav jeden Look aufzunehmen und an die Nachrichtenagenturen, Internetseiten, Zeitschriften und Zeitungen zu senden.

Marc Jacobs ganz klassisch

Draußen vor der Tür stehen die Ich-AGs, die Blogger mit ihren kleinen Kameras, mal sind es 120, mal 150, die auf die besten Looks der Besucherinnen fliegen. Die Fotografen drinnen sind unsichtbar in ihrer schwarzen Ecke. Die draußen stehen im hellen Licht, werden auch selbst fotografiert und sind zu Stars geworden, mit Assistenten, Werbeaufträgen, „Vogue“-Verpflichtungen, Bilderbüchern: Tamu, Garance, Scott, Yvan, Tommy, Craig, Hanneli, Bill und all die anderen stellen das System der Komplettlooks und damit auch die großen Marketingstrategien in Frage. Der Weg in die ganz große Öffentlichkeit führt nicht mehr nur über den Laufsteg, sondern immer öfter über den Kies der Tuilerien: Die Pariserin schlechthin, Inès de la Fressange, vor der Chloé-Schau am häufigsten fotografiert, widerlegt mit ihrer Ich-weiß-nicht-von-wem-Hose für 60 Euro jede noch so kluge Markenstrategie.

Was soll man da machen? Die Modehäuser müssen sich auf ihre Designer verlassen - zumal die Modemanager oft nicht vom Fach sind, wie etwa der kommende Mann bei Louis Vuitton, der bisher für Danone Joghurt vermarktet hat. „Qualität und Tradition“ macht Konzern-Chef und Berlusconi-Gegner Diego Della Valle geltend, der in Paris seine beiden großen Marken Tod’s und Hogan groß präsentiert. Delphine Arnault, die kommende starke Frau im LVMH-Konzern, zeigt stolz die von dem Künstler Anselm Reyle umgestalteten Dior-Taschen. Karl Lagerfeld hält gleich mehrfach hof. An neuen Produkten fehlt es nicht, an neuen Läden auch nicht, wie man allein am frischen DSquared-Laden an der Rue du Faubourg Saint-Honoré erkennt.

Fast hektisch reagieren die Modehäuser auf weiter wachsende Konkurrenz, ungewisse ökonomische Aussichten, fragile neue Märkte und verwirrende neue Wege der Öffentlichkeit. Die lange Suche nach einem John-Galliano-Nachfolger bei Dior zeugt von börsenhörigem Perfektionswahn. Die Rückbezüge auf den Markenkern bei Dior, Chanel, Balmain, Hermès, Céline, Mugler zeigen, dass man sich sicherheitshalber an Gewohntes hält und fatalerweise zuweilen im Klischee hängenbleibt. Marc Jacobs tritt nach seiner Louis-Vuitton-Schau sogar ganz klassisch in weißer Hose statt in schwarzem Rock vors Publikum. Und Givenchy lässt einen echten Klassiker wiederauferstehen: Da erscheint doch wirklich Gisele Bündchen, die man zum letzten Mal vor einem Jahr, zum vorletzten Mal vor vier Jahren auf dem Laufsteg sah. Das „Money Girl“ (gegen ihre 31 Millionen Dollar Jahresverdienst 2010 sind die nach neuen Gerüchten von Marc Jacobs bei Dior verlangten 14 Millionen Dollar fast Peanuts) kann sich Understatement leisten: Sie präsentiert den allerletzten von 40 starken Looks.

Mit Macht den neuen Märkten öffnen

Andererseits sucht die Mode natürlich nach Zukunft. Die Liste hoffnungsfroher neuer Designer ist so lang wie nie zuvor: Olivier Rousteing debütiert dekorierend bei Balmain, Ling Liu und Dawei Sun verspielt bei Cacharel, Claire Waight Keller superlässig bei Chloé, Humberto Leon und Carol Lim verwirrend bei Kenzo, Manish Arora metallisch-indisch bei Paco Rabanne, Jeanne Labib-Lamour bunt bei Ungaro. Und als ob das noch nicht genug neue Namen wären, verkündet auch Vionnet am Dienstag einen Wechsel: Rodolfo Paglialunga hört nach nur zweieinhalb Jahren auf, die Schwestern Barbara and Lucia Croce beginnen rechtzeitig vor dem 100. Jahrestag der Markengründung im kommenden Jahr.

All die migrationshintergründigen Namen zeigen, dass sich die Marken mit Macht den neuen Märkten öffnen wollen, die großen Zeiten in der Alten Welt also hinter ihnen liegen. Das öffnet die Augen für all die chinesischen Redakteurinnen und russischen Oligarchentöchter, die den Aufstieg neuer Welten verkörpern und den Deutschen die Plätze in der ersten Reihe rauben. Nach der Schauensaison, so klagt eine europäische PR-Frau, wird sie für Geschäftseröffnungen wochenlang in China unterwegs sein.

„Haben wollen!“

Gut jedenfalls, dass auch noch richtige Mode zu sehen ist. Zum Beispiel bei Yves Saint Laurent, wo Chefdesigner Stefano Pilati in 15 Minuten alle Gerüchte widerlegt, er könne bald von Raf Simons abgelöst werden: „Totgesagte leben länger“, sagt eine Chefredakteurin beim Hinausgehen. Oder bei Givenchy, wo Riccardo Tisci nach vielen düsteren Saisons eine mit wunderbaren Jacken auch gut verkäufliche Kollektion zwischen seinen persönlichen Avantgarde-Gefühlen und nostalgischen Hubert-de-Givenchy-Anwandlungen hinbekommt.

Und selbst Annette Weber war noch zu helfen. Denn in dieser seltsamen roten Pagode an der Rue de Courcelles tritt René Storck zum zweiten Mal in Paris auf. Der Kollektion aus locker fallenden west-östlichen Entwürfen fehlt nur - internationales Publikum. Da geht es dem Frankfurter Modemacher nicht anders als seinen Kollegen Jörg Ehrlich und Otto Drögsler aus Giebelstadt bei Würzburg. Die deutschen Gäste jedenfalls sind auch von dieser Kollektion angetan. Als der blaue Ballonrock um die Ecke biegt, flüstert eine Redakteurin: „Haben wollen!“ Viel mehr kann man von Mode heute nicht verlangen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

Jüngste Beiträge