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Prêt-à-Porter „Sex sells“ wird zum Ladenhüter

08.03.2004 ·  Wenig nackte Haut, kaum Dekolletés und gar keine Miniröcke: Die Modenschauen in Paris zeugen von einem neuen Konservatismus. Züchtig ist in!

Von Anke Schipp
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Die Models spazieren entspannt den Laufsteg entlang, ihre Ballerina-Röcke schwingen bei jedem Schritt, ihre Garderobe sitzt perfekt, die Haare sind hochgesteckt oder in sanfte Wellen gelegt. Frank Sinatra säuselt dazu heiser „I've got you deep in my heart“. Ein großer Teil der Kollektionen bei den Pariser Prêt-à-Porter-Schauen für den nächsten Herbst und Winter vermittelt das Gefühl, als würde man an einem verregneten Sonntag mittag einen alten Film anschauen. Die Frau, die uns dort begegnet, trägt die Jacke ihres Twinsets locker über der Schulter, während sie der Hausangestellten Weisung erteilt. Wenn sie etwas ganz Verrücktes macht, fährt sie Vespa oder geht bei ihrem Juwelier frühstücken. Schreikrämpfe bekommt sie nur, wenn ein fremder Mann sie im Pyjama überrascht. Aber natürlich passiert auch dann nichts Unzüchtiges.

Die neuen Kollektionen sind das genaue Gegenteil des Frauenbildes, das bis vor kurzem die Mode bestimmte: Noch im Winter trug man die Sparversion des Minirocks, „Mikromini“ genannt, Hotpants und Schaftstiefel. Das war die Mode für Popsternchen wie Christina Aguilera und Britney Spears, die in bunten Videos ihre kaum bedeckten Hüften kreisen ließen und mit Madonna Zungenküsse austauschten. Mit dem jetzt vollzogenen Kurswechsel tun sich einige Fragen auf: Kann die Mode des 21. Jahrhunderts wirklich wie die Ausstattung eines 50 Jahre alten Kinofilms wirken? Wird Britney Spears demnächst im knielangen Bleistiftrock die Bühne betreten? Und: Wie konnte es dazu kommen?

Glanz der Neunziger erloschen

Hinweise auf einen neuen Konservatismus gab es zwar schon im vergangenen Jahr. Endgültig kippte die Stimmung aber erst, als sich die Ereignisse überschlugen: Gucci trennte sich von Tom Ford, dem Vorreiter des „sexy look“; die letzten Folgen von „Sex and the City“ wurden abgedreht; und dann noch Janet Jacksons atavistischer „Nipplegate“-Auftritt beim Superbowl - Amerika stand kopf, seine Celebrities leisteten vorauseilend Abbitte: Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung hätte man sie für die langweiligsten Kleider aller Zeiten nominieren können. Und sogar die notorische Skandalnudel Paris Hilton ließ sich für die März-Ausgabe der „Elle“ im züchtigen weißen Anzug engelsgleich fotografieren. Jetzt ist die Wende also da und der Glanz der hedonistischen Neunziger, der noch in das neue Jahrtausend strahlte, endgültig erloschen.

Die Mode ist das sichtbarste Zeichen dafür. Ihre Schöpfer haben sich vorgenommen, noch mal von vorne anzufangen - genauer gesagt, mit dem Jahrzehnt, das das bürgerlichste von allen im 20. Jahrhundert war: die fünfziger Jahre. Der Amerikaner Michael Kors gehört zu den Designern, die früher alles im Programm hatten: Miniröcke, Hotpants, tiefe Ausschnitte. Dann war es ihm genug: „Plötzlich konnte ich diese ganzen sexy Kleider nicht mehr sehen.“ Seine Abschiedskollektion für Celine ist damenhaft und elegant, inspiriert von Audrey Hepburn. Kors empfindet diese Entwicklung als konsequent: „Wenn etwas zu sehr in eine Richtung geht, schwenkt die Mode wieder genau in die andere Richtung. Britney Spears hat den Bogen überspannt. Mittlerweile sehe ich junge Frauen, die wieder mehr Stil haben.“ Prüderie ist in der Mode kein Makel mehr. „Man hat einfach realisiert: Du mußt nicht nackt sein, um sexy zu wirken.“

Tiefdekolletiert mit Rollkragenpullover

In Paris spricht man von einer neuen Eleganz, Begriffe wie „lady-like“ fallen allenthalben, konservative Marken erleben einen Aufschwung, und wer mal schrill war, klebt sich jetzt das Etikett „seriös“ auf - selbst die exzentrischen englischen Designer. Julien Macdonald etwa, der am Freitag seine letzte Kollektion für Givenchy zeigte, verfolgt ein blickdichtes Konzept, indem er tiefdekolletierte Kleider sicherheitshalber mit einem Rollkragenpullover kombiniert. Alexander McQueen verpaßt der Frau gleich eine Art islamistische Komplett-Vermummung mit Kopftüchern aus Satin. Und John Galliano liefert zwar keine gediegenen Entwürfe, schickte aber für Dior seine Models mit Kreppsohlen auf den Laufsteg, über den sie in den vorangegangenen Saisons auf zwölf Zentimeter hohen Stöckelschuhen staksen mußten.

Auch die Werbung hat reagiert und ihre Aussagen entschärft. Noch vor zwei Jahren ließ Gucci in seiner Anzeigenkampagne sein Firmensignet in die Scham einer Frau rasieren. Jetzt sitzen Mann und Frau sittsam bekleidet am Pool. Daß die Mode konventioneller geworden ist, könnte jedoch auch andere Gründe haben. „Diese Sachen lassen sich einfach besser verkaufen“, sagt der amerikanische Modejournalist Tim Blanks in aller Nüchternheit. „Die Kleider sind jetzt tragbar. Das gefällt den Kundinnen.“ Allerdings sei nicht nur die Zeit offen zur Schau gestellter Sexualität vorbei, sondern auch die der Experimente: „Mit Avantgarde kann man keinen Umsatz erzielen.“

Recyclen der Vergangenheit

Einer, der darunter leidet, ist Malcolm McLaren, der gemeinsam mit Vivienne Westwood den Punk zur Mode erhob. Als Sänger der „Sex Pistols“ trug er einst zerrissene T-Shirts, als Besucher der diesjährigen Pariser Schauen hingegen helle Leinenanzüge. „Tatsächlich will man sich mit diesen eleganten Entwürfen von der Kultur der Straße absetzen, weil man glaubt, dort gebe es keine Werte“, sagt McLaren. „Aber das Gegenteil ist der Fall - die Designer haben keine Visionen mehr und recyceln die Vergangenheit. Ich sehe hier keine Mode, die das 21.Jahrhundert repräsentiert.“

Zwar versuchen die Pariser Designer, die alten Themen irgendwie aufzufrischen, aber bei einer Revitalisierung der fünfziger Jahre ist es zur Spießigkeit trotzdem nur ein kleiner Schritt. „Diese Cocktailkleider“, schreibt die „Herald Tribune“ spitz, „trugen früher Sekretärinnen, wenn sie ihre Bosse verführen wollten.“ Michael Kors wehrt ab: Die Celine-Frau „provoziert und kann gefährlich sein, auch wenn sie eine Lady ist - ein bißchen wie die Hitchcock-Frauen.“ „Aber waren die nicht frigide?“, fragt eine französische Journalistin. „Aber nein, die hatten viel Sex“, beruhigt Kors. Auch Lagerfeld sieht die Gefahr nicht: „Nur um zu zeigen, daß man anständig ist, braucht man ja nicht spießig zu sein.“
Dennoch empfinden viele Zuschauer die Pariser Schauen als Vorboten einer neuen Prüderie. Werden durchsichtige Stoffe künftig nicht mehr verkauft? Wird man mit Minirock von Türstehern abgewiesen? Schult Britney Spears zur Sekretärin um? „Ich bin zuversichtlich, daß wir die goldene Mitte finden und nicht jedes ,nasty-girl' jetzt zur Nonne wird“, sagt der Amerikaner Kors. „Das mit Janet Jackson hat die Mehrheit meiner Landsleute ohnehin gelassen gesehen. Wir sind nicht so provinziell, wie die Europäer denken.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.03.2004, Nr. 10 / Seite 61
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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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