10.12.2006 · Alle sieben Minuten ein neues Date klingt verlockend. Das schnelle Kennenlernen möglicher Partner per Speeddating kommt immer mehr in Mode. Viele Männer nehmen die Sache durchaus ernst. Ein Praxistest von Anna Loll.
Von Anna LollDas schnelle Kennenlernen möglicher Partner per Speeddating kommt immer mehr in Mode. Unser Praxistest in Berlin und München zeigt, daß die Veranstaltung vielen Männern eine ernste Sache ist.
Der Ehrliche
In München beginnt es gleich mit einem Geständnis. „Seit zwei Jahren habe ich keine Freundin mehr. Meine Freunde meinen, daß es mir schwerfällt, jemanden kennenzulernen“, sagt der Blonde bemüht ehrlich, um dann schnell seinen Blick auf die Apfelsaftschorle zu konzentrieren. „Hoeneß“, wie er sich nennt, ist einer von 16 Männern und Frauen, die an dem organisierten Kennenlernen des Unternehmens „SpeedDating“ im Münchner Café „Luigi Tambosi“ teilnehmen.
Die Regeln sind klar: Alle sieben Minuten ein neues Date. Man nennt sich beim Spitznamen. Kreuzchen bei „Ja“ oder „Nein“ auf dem DIN-A5-Zettel, mit Durchschlag zum Mitnehmen. Wie viele Jastimmen er schon abgegeben hat? „Hoeneß“, Informatikstudent und 27 Jahre alt, will es nicht verraten. Dafür aber, was er sucht: „Eben eine Freundin. Die auch gerne Sport macht. Oder mit ins Kino geht.“
Der Prototyp
Auch in Berlin geht es um Erwartungen - allerdings um keine hohen. „Ich möchte einfach jemanden finden, der mit mir einkaufen geht“, sagt der Neunundzwanzigjährige. Und zwar ein Sofa. „Mehr will ich erst mal gar nicht.“ Leicht verlegen rührt er in seiner Rum-Cola. Sein äußeres Erscheinungsbild gleicht dem Prototyp des Mannes, der sich an solchen Abenden einfindet: Mit unsicherem Lächeln sitzen die Herren vor ihren schnell halbleeren Gläsern, die meisten arbeiten in einem technischen Beruf. Wie auch der diplomierte Informatiker mit heller Hose und blauem Rippenpullover. Er ist erst seit kurzem in der Stadt. In seinem Wohnzimmer mit dem hellen Laminat steht bis jetzt nur ein großer Fernseher.
„Ich traue meinem Geschmack nicht so richtig.“ Das Sofa solle crèmefarben sein. Aber ganz sicher ist er sich nicht. Genausowenig wie mit seiner Arbeit. 60 Stunden die Woche steht er für die technischen Probleme in einem medizinischen Labor zur Verfügung, auch samstags ist sein Telefon für den Bereitschaftsdienst eingeschaltet. Ewig wolle er das nicht machen. Überhaupt wollte er ursprünglich Philosophie studieren, doch seine Eltern hätten ihn von einem handfesteren Studium überzeugt. So sitzt er nun mit 18 anderen Singles zwischen 23 und 37 Jahren in der „Frühlingsbar“ in Mitte. Er ist nach Spandau gezogen, weil dort in der Nähe ein Golfplatz ist. Zeit, ihn zu besuchen, hat er aber bis jetzt nicht gehabt.
Der Anwalt
Der mißtrauische Anwalt nennt sich „Streiflicht“. Den meisten muß er erklären, woher der Spitzname kommt, sagt er in bezug auf die Kolumne der „Süddeutschen Zeitung“. Er trinkt ein Weißbier, kommt aus Duisburg und sei berufsmäßiger Idealist. Deswegen auch Umweltrecht. „Zu erzählen, daß es okay ist, daß jemand Tonnen Umweltgifte in den Fluß kippt - das kann ich nicht.“ Zum Glück konnte er aber angeblich zwischen vier Kanzleien als Arbeitgeber wählen. Was an der Selbstdarstellung stimmt und was nicht, weiß die teilnehmende Beobachterin nicht. Denn in sieben Minuten kann sich jeder für das verkaufen, was er gerne sein möchte.
Der Naturbegeisterte
Die wenigsten verstellen sich. Für viele ist Dating eine bitterernste Sache. „Wir alle haben Gefühle. Ich möchte eine Frau finden“, sagt „Naturefan“ in München. Eine Frau, mit der er zum Beispiel in den Englischen Garten zu den Rotbuchen gehen kann. Oder Wandern in Österreich. Er kommt aus der Nähe von München, kennt aber in der Stadt nicht viele Leute. Er ist viel im Labor, in dem er als Techniker arbeitet. Aber viel wichtiger sei doch sowieso die Freizeit.
Er liest gerne: Krimis, Thriller, Science-fiction, Sachbücher. In lauten Bars fühlt er sich unwohl, in Clubs geht er nicht. „Da kommt man ja nie dazu, sich wirklich mal zu unterhalten.“ Es sei schwierig, eine Frau anzusprechen. Deswegen hat er sich zum Speeddating angemeldet. „Auch wenn man hier letztendlich nicht wirklich viel Zeit hat, den anderen kennenzulernen.“ Nach den festgelegten Minuten kommt die hübsche Frau von „SpeedDating“ mit dunklem Pferdeschwanz und neon-orangefarbener Weste: „Runde vorbei!“ Oder: „War er nett?“
Der Sportliche
Viel kann nicht besprochen werden, aber trotzdem gehen schnell die Fragen aus. Erst: „Was machst du so?“ Dann: „Was machst du denn in der Freizeit?“ Viel wird über Sport erzählt, über Clubs, über Bars. Die Männer fahren viel Fahrrad. Selten Team-Sportarten, dafür haben die meisten keine Zeit, oder es fehlt der Partner. Wie auch bei „Harri“. Der Techniker vom Fernsehen mit den krausen Haaren reist gern mit dem Rad durch Südamerika. Sich dafür frei zu nehmen sei kein großes Problem. „Ich bin ja nun nicht so ein superwichtiger Chefredakteur.“
Der Alte
„Ich bin hier nicht in der richtigen Kategorie“, moniert der siebenunddreißigjährige „Hooge“. Er fühle sich zu alt. Es gibt zwar noch ältere Teilnehmer, aber die sitzen auf den Sofas nebenan, er nun mit den Studenten und Auszubildenden auf den Barhockern. Doch die Kategorie auf der Couch beginnt heute erst bei 38 Jahren. Jedenfalls tragen die Damen auf den Polstermöbeln häufiger Brillen und die Männer mehr Grau zu weniger Haaren. Bei der jüngeren Ausgabe des Speeddatings an der Bar ist das Publikum gemischter. Zwei Frauen aus Stuttgart, für zwei Wochen in Berlin, sind einfach nur so gekommen. Das findet „Hooge“ lustig: „Ist mal was anderes.“ Er selbst scheint ansonsten nicht so viel zum Lachen zu haben. Er ist Sozialarbeiter, ein harter Job. In der Freizeit spielt er Badminton.
Der Namhafte
„Marquiiii!“, sagt der Berliner ohne Berliner Akzent. Mit Französisch habe sein Spitzname aber nichts zu tun. „Aber wo das sagst, das mit dem Graf, da gefällt mir das ganz gut“, sagt der Zweiunddreißigjährige und wiegt den Kopf bedächtig neben einem Glas mit Plastiklilien. Der Mann von den Stadtreinigungsbetrieben hat nicht den originellsten Namen. Den hat der einunddreißigjährige „Hawk-online“ - die englische Übersetzung des eigenen Vornamens und der Verweis auf seinen Beruf.
Bis auf die Hakennase verweist allerdings wenig auf das Verhalten eines Jagdvogels, vielleicht noch das olivgrüne Outdoorhemd (“Camel“) und sein unternehmerischer Sinn. Seit vier Jahren ist er selbständig. Das erste Unternehmen ging im Konkurs unter, jetzt betreibt der Software-Entwickler seit eineinhalb Jahren einen Internetshop. „Aber auf ganz hohem Niveau.“ Das Unternehmen ist im Prenzlauer Berg. Bald wolle er den Laden aber vielleicht auch wieder verkaufen und wieder etwas Neues aufmachen. Auf eine Richtung hat er sich noch nicht festgelegt. Mit Technik soll es zu tun haben.
Der Lifestylige
Er sei hier, weil sich etwas ändern müsse, sagt „Summer-inside“. Und weil Speeddating „lifestyle“ sei. Er muß es wissen. Schließlich leitet der Siebenunddreißigjährige ein Magazin zum Thema. Hätte er gewußt, daß der Spitzname Verwendung findet, dann hätte er sich für „Killa“ entschieden. „Dann hätte jeder doch geguckt.“ Er dokumentiert die Antworten seiner Gesprächspartnerin mit Minus- und Pluszeichen im zugehörigen Kästchen. Er macht gerne viel Sport: „Board-Sport“. Aha.