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Nach „Flüchtlinge“ : „Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres 2016

Postfaktisch ist das Wort des Jahres 2016 – gefolgt von Brexit und Silvesternacht. Bild: dpa

Wenn Gefühle mehr zählen als Fakten, wird das mit dem Begriff „postfaktisch“ bezeichnet. Das Wort hat zuerst international und nun auch national Karriere gemacht.

          Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat das Adjektiv „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Damit fällt die Wahl auf dasselbe Wort wie beim kürzlich gekürten „Word of the Year 2016“ der Oxford Dictionaries: „post truth“. Wie die GfdS erläuterte, verweise das Kunstwort „postfaktisch“ darauf, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht“. Es gebe eine globale Entwicklung „von der Wahrheit zur gefühlten Wahrheit“. In diesem „tiefgreifenden politischen Wandel“ seien immer größere Bevölkerungsschichten „in ihrem Widerwillen gegen ,die da oben‘ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren“. Postfaktische Politik sei zum Beispiel die Aussage des künftigen amerikanischen Präsidenten Donald Trump, wonach der gegenwärtige Präsident Barack Obama die Terrororganisation „Islamischer Staat“ gegründet habe.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Deutsche Medien wurden im Herbst dieses Jahres auf das Wort aufmerksam, als Angela Merkel nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin die Wendung von den „postfaktischen Zeiten“ aufgriff. In dieser Zeitung tauchte das Wort 2016 erstmals Mitte Oktober auf. Die AfD, eine Kunstausstellung über Tetsumi Kudo und Donald Trump gehörten in den nachfolgenden Artikeln in der F.A.Z. zu den Themen, in denen das Wort Erwähnung fand. Nach einer Erklärung der GfdS ist für die Auswahl des Wortes, die in diesem Jahr zum 41. Mal vorgenommen wurde, nicht die Häufigkeit entscheidend, sondern seine Signifikanz, Popularität und sprachliche Qualität.

          Das Präfix „post“ steht laut GfdS für „die Vorstellung einer neuen Epoche“. Doch wenn von einem Zeitalter nach „dem Faktischen“ die Rede ist, wer bestimmt dann, was die Fakten sind? Könnte das nicht je nach Standort und Perspektive des Betrachters ganz unterschiedlich ausfallen? Natürlich sei das immer von Anschauungen abhängig, erklärte Lutz Kuntzsch, Mitglied der Jury und Leiter der Sprachberatung in der GfdS am Freitag. „Das ist eben bei Sprache der Fall, da kann man nichts machen.“ Gleichwohl gebe es zum Beispiel den Fakt, „dass die Leute nachweislich übertreiben“. Die Abweichung von Fakten habe eine neue Stufe erreicht; dafür stehe das Wort „postfaktisch“.

          Ein Adjektiv als Wort des Jahres ist ungewöhnlich

          Nach Auskunft von Peter Schlobinski, dem Vorsitzenden der GfdS, ist die Entscheidung der Jury einstimmig ausgefallen. „Brexit“, „Silvesternacht“, „Schmähkritik“, „Trump-Effekt“, „Gruselclown“ und „Burkiniverbot“ gehörten zu den Top Ten der anderen vorgeschlagenen Wörter. In den vergangenen Jahren hatten sich als Worte des Jahres „Flüchtlinge“, „Lichtgrenze“ und „GroKo“ durchgesetzt. Dass diesmal ein Adjektiv ausgewählt wurde, ist in der Geschichte der Jahreswörter ungewöhnlich. Nach Angaben der GfdS gab es das bisher nur einmal, und zwar im Gründungsjahr der Wahl: 1971 wurde „aufmüpfig“ zum Wort des Jahres erklärt.

          Während sich hierzulande über Sinn und Unsinn des postfaktischen Zeitalters der Kopf zerbrochen wird, hat man in Österreich ganz andere Sorgen: Wie die Forschungsstelle Österreichisches Deutsch am Freitag bekanntgab, wurde der Ausdruck „Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“ zum österreichischen „Wort des Jahres“ erklärt.

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