11.09.2006 · Vor zwei Jahren erschütterte ein Aids-Skandal die kalifornische Pornoindustrie. Ein Darsteller hatte sich mit dem HI-Virus infiziert und drei seiner Partnerinnen angesteckt. Danach sollten Kondome für sicheren Sex sorgen. Doch heute heißt es wieder: „Business as usual“.
Von Christiane Heil„Pornywood“ ist auf keiner Landkarte zu finden - und doch nicht zu verfehlen. Man stößt nicht nur darauf, wenn man von Hollywood aus über den Laurel Canyon fährt, sondern auch in DVD-Regalen, dem Internet und den einschlägigen Sendern des Bezahlfernsehens. „Pornywood“, eine Umschreibung für das San Fernando Valley im Norden von Los Angeles, gilt seit den siebziger Jahren als Zentrum der amerikanischen Sexindustrie. Mehr als 10.000 Filme aller möglichen Spielarten von „Oral Ecstasy“ bis „Bondage“ werden von dort jedes Jahr in Wohn-, Schlaf- und Hotelzimmer auf der ganzen Welt geschickt und bescheren den Studios geschätzte zehn Milliarden Dollar Umsatz.
Obwohl das Geschäft mit der sexuellen Phantasie dank Internet und Viagra-verkürzten Drehzeiten boomt, sind die Studiobosse des Valleys beunruhigt. Seit vor zwei Jahren die HIV-Infektion des Darstellers Darren James die Produktion für Wochen zum Stillstand brachte, versuchen Politiker und Gesundheitsexperten immer wieder, für das Geschäft mit dem Sex Regeln aufzustellen. Während kalifornische Politiker wie der Demokrat Paul Koretz Kondomzwang für alle Praktiken jenseits von Oralsex fordern, und Professor Thomas Coates, Aids-Experte an der University of California in Los Angeles, eine Liste sicherer Sexvarianten für die Pornoindustrie aufgestellt hat, lehnen die Studios jede Bevormundung von außen ab. „Wir sind eine Branche, die eigenverantwortlich auf das Einhalten der Regeln achtet“, meint Steven Hirsch. Seit er vor 22 Jahren die „Vivid Entertainment Group“, einen der weltweit erfolgreichsten Anbieter pornographischen Materials, gegründet hat, gilt der Dreiundvierzigjährige als „Porno-Pionier“. Nach der ersten Welle von HIV-Infektionen im San Fernando Valley ordnete er 1998 für alle „Vivid“-Produktionen Kondom-Pflicht an.
Gleichzeitig machte sich Hirsch für die strikten Gesundheitskontrollen der „Adult Industry Medical Health Care Foundation“ (AIM) stark. Die von dem früheren Pornostar Sharon Mitchell eröffnete Klinik hat in Kooperation mit den etwa 1200 Darstellern und 200 Studios des Valleys einen Standard an Tests entwickelt. Darsteller, die vor Beginn des Drehs nicht die vereinbarten Atteste zu HIV und anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Gonorrhö vorlegen, dürfen nicht vor die Kamera. Da „Dr. Mitch“ für die Produzenten abrufbereit alle Daten der einzelnen Darsteller speichert, kommt kein Talent der Pornozunft an ihr vorbei. Damit hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, Mitchell schlage Kapital aus der Aids-Angst der Darsteller.
Infektion mit ins San Fernando Valley gebracht
Sharon Mitchell war es aber auch, die vor zwei Jahren bei Darren James das HI-Virus entdeckte. James hatte in Brasilien in einem „no-condom“-Film mitgewirkt und von dort die Infektion mit ins San Fernando Valley gebracht. Bevor das Virus bei einem der monatlichen Routine-Tests entdeckt wurde, hatte der Vierzigjährige schon drei seiner Partnerinnen angesteckt. Die Aufregung in „Pornywood“ währte jedoch nur kurz. In den Monaten nach James' Diagnose bestand jeder vierte Darsteller auf sicheren Sex, heute wird nur noch jede fünfte heterosexuelle Szene mit Kondom gefilmt. „Die Erwachsenen-Unterhaltung ist ein Geschäft, das auf Phantasie beruht. Kondome passen einfach nicht in diese Welt“, mußte auch Steven Hirsch erfahren. Wie man hört, haben sinkende Einnahmen ihn bewogen, bei „Vivid“-Filmen nicht mehr auf geschützten Sex zu bestehen. „Ich bin aber zuversichtlich, daß die Aids-Gefahr durch die verlangten Check-ups gebannt ist.“
Selbst für Darsteller wie Marty Romano scheint wieder alles beim alten. Eigentlich habe er vor zwei Jahren anstelle von Darren James nach Brasilien fahren sollen, erzählt der Einundvierzigjährige, doch seine damalige Frau, die Pornodarstellerin Dominica Leoni, habe ihn nicht ziehen lassen. Dennoch filmt er heute weiter - mit der für die Branche typischen Abgeklärtheit ohne Kondom: „Früher hatte ich nur geschützten Sex, aber ,ohne' wird einfach besser bezahlt.“
An diesem Sommertag drehen Marty und das Team um Produktionsleiter Shailar nicht im San Fernando Valley, sondern an der Küste, in dem für seine Kanäle und entspannte Atmosphäre bekannten Städtchen Venice. Hier, wo John Travolta mit Olivia Newton-John in „Grease“ spazierengegangen ist und Richard Gere als „Ein Mann für gewisse Stunden“ mit Lauren Hutton auf der Promenade geflirtet hat, wird sich Pornostar Marty gleich seiner Kollegin Stacy Thorn widmen.
Ein paar Packungen Intimspülungen
Als Drehort hat das Produktionsteam von „Vivid“ wieder einmal das eklektisch ausstaffierte Strandhaus von Larry, einem Bildhauer, gemietet. Sein Atelier wird mit wenigen Handgriffen zum Lagerraum für Computer und Kameras umfunktioniert, die Maskenbildnerin plaziert ihre Schminkkoffer in seinem Büro und stellt ein paar Packungen Intimspülung in das Bad. Larry stört es nicht, daß Filmteam und Darsteller jeden Winkel seines Hauses in Beschlag nehmen. Ganz im Gegenteil: „Ich freue mich jedes Mal, wenn die Leute von ,Vivid' anrufen“, erzählt der Mittsechziger, der sich zur Feier des Tages sogar ein T-Shirt mit dem Firmenlogo angezogen hat. „Andere in meinem Alter sitzen zu Hause und langweilen sich, ich finde die Dreherei aufregend.“ Bei einer Miete von bis zu tausend Dollar je Drehtag ist Larry auch gerne bereit, den auf dem Nachbargrundstück hämmernden Handwerkern eine Baupause zu verordnen.
Heute sind die ersten Aufnahmen für „Debbie Does Dallas . . . Again!“: ein Cheerleader-Märchen um Debbie, die im fast wirklichen Leben eines Pornostars den Künstlernamen Stefani Morgan führt und zwanzig Jahre alt ist. Während sie in Larrys Büro von der Maskenbildnerin in die gemäß Drehbuch „unwahrscheinlich niedliche, blonde und viel zu sexy“ Kunstturnerin verwandelt wird, lernt sie fleißig ihre Zeilen. Im Vergleich zu den meisten anderen Pornos, die an nur einem Tag mit minimalem Budget gefilmt werden, ist „Debbie Does Dallas“ eine große Produktion. „Normalerweise lese ich das Drehbuch erst am Set, aber diesmal habe ich schon vor Wochen angefangen zu lernen“, strahlt Stefani/Debbie. Ihr blondes Haar ist mittlerweile so hoch toupiert, daß man um den ausreichenden Abstand zum leise rotierenden Deckenventilator fürchtet.
Seit Stefani Morgan vor einem Jahr in das San Fernando Valley kam, um sich bei „Vivid“ zu bewerben, lebt sie ihren Traum: „Ich mache genau das, was ich immer machen wollte - ich liebe Sex.“ Daß sie sich ihre Partner oder Partnerinnen nicht aussuchen kann und Zehntausende via Internet und DVD später zuschauen, schmälert ihre Freude dabei nicht. Freunde und Familie, erzählt Stefani, seien zu Beginn ihrer Karriere zwar schockiert gewesen, hätten ihren „Traumberuf“ aber nun akzeptiert: „Meine Freundinnen geben sogar mit mir an, sie finden es super, mit einer Pornodarstellerin auszugehen.“
Pornostar ohne Alkoholgenuß
Nachdem sie inzwischen mehr als ein Dutzend Pornos gedreht und intime Bekanntschaft mit einer Reihe von Hollywood-Erscheinungen wie Mötley-Crüe-Rocker Tommy Lee und dem Ex von Paris Hilton, Rick Solomon, gemacht hat, fiebert Stefani ihrem 21. Geburtstag entgegen. Dann hat der Pornostar endlich das Alter erreicht, um laut Gesetz auch ein Glas Wein trinken zu dürfen.
Für Stefani Morgans aktuellen Film hat „Vivid“ acht Drehtage eingeplant, für 5000 Dollar ein fünfzig Seiten langes Script schreiben lassen und mit Paul Thomas einen der berühmtesten Regisseure der Branche verpflichtet. „P.T.“, wie er von Team und Darstellern ehrfurchtsvoll genannt wird, gilt als der Fellini des San Fernando Valley. Nachdem P.T.s Hollywood-Karriere in den Siebzigern auch nach seinem Erfolg in „Jesus Christ Superstar“ nicht so recht in die Gänge kam, zog es ihn über den Laurel Canyon. Als Pornodarsteller stand und lag Thomas dort für ein paar hundert Klassiker wie „Double Penetration“ und „Fatal Erection“ vor der Kamera. Heute arbeitet der fast Sechzigjährige als Regisseur und Produzent. Große Veränderungen sieht er nicht: „Wir drehen weiter Geschichten über Menschen mit Sex, Sex, Sex. Der Sex ist nur ein bißchen härter geworden.“
Sagt's und erhebt sich, um Darstellerin Stacy Thorn zu animieren, die nach einer durchfeierten Nacht ein wenig auf Larrys breiter Couch geschlafen hat: „Stacy, steh auf, zieh dich aus und geh ins Schlafzimmer.“ Während Stacy sich auf dem Weg dorthin geübt ihrer Bekleidung entledigt, verwandelt die Filmcrew Larrys Schlafgemach mit wenigen Griffen in „Beckas“ Mädchenzimmer. „Becka“ ist im Cheerleader-Märchen das bebrillte Aschenputtel, das ihren Freund mit der besten Freundin im Bett erwischt. Marty Romano, der den untreuen „Hank“ spielt, ist ein Veteran der Erwachsenen-Unterhaltung. Nach einem Autounfall vor acht Jahren konnte er nicht mehr als Bodyguard und Türsteher arbeiten und fand sich plötzlich in der Pornoindustrie wieder: „Ich hatte vorher schon gegen Bezahlung mit Frauen geschlafen, da war das kein großer Schritt mehr.“ Ohne Protest zwängt sich Marty, ein Hell's-Angel-Typ mit geflochtenem Zopf, Motorradstiefeln, Silberringen und kunstvollen Tätowierungen, in sein Kostüm: ein rotweißes Cheerleader-Röckchen, das ihm die Maskenbildnerin reicht. Stacy räkelt sich derweil auf Larrys Bett. Sie trägt nichts außer ihren silikonunterfütterten Brüsten und einer tätowierten Spinne auf dem Unterarm. Bevor Paul Thomas „action“ ruft, wird die Oralsex-Szene ein paarmal geprobt. Dann rollt die Kamera, bis der Regisseur ein erlösendes „cut“ verkündet.
Die scheinbare Normalität solcher Drehs ist nach Luke Fords Meinung trügerisch: „Es ist der Sinn der Pornographie, gesellschaftliche Tabus zu verletzen.“ Ford, der das San Fernando Valley seit Jahren auf seiner Internetseite www.lukeisback.com kommentiert, hält daher das oft beschworene Aufgehen der Pornoindustrie im amerikanischen Mainstream für ausgeschlossen: „Egal, wie hübsch die Verpackung ist, darunter ist und bleibt es ein abstoßendes Geschäft.“