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Pornographie Generation Hardcore

29.10.2007 ·  Mit dem Internet ist Pornographie praktisch überall und jederzeit verfügbar geworden, der Jugend droht angeblich die sexuelle Verwahrlosung. Jetzt schlägt die Zeitschrift „Emma“ wieder Alarm. Doch worauf beruhen Alice Schwarzers Erkenntnisse überhaupt?

Von Alexander Marguier
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Bei der „Emma“ werden bereits die Höschen knapp: „Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass man mittlerweile Mühe hat, eine ganz normale Unterhose zu kaufen?“, hieß es in der zurückliegenden Ausgabe des „politischen Magazins von Frauen“. Und natürlich war das Thema nicht die aktuelle Dessous-Mode, sondern - hello again - Pornographie.

Das von Alice Schwarzer herausgegebene Flaggschiff des Feminismus zieht knapp zwanzig Jahre nach seiner „PorNo“-Offensive jetzt wieder in eine Schlacht, die viele schon für verloren hielten. Aber der publizistische Kampf gegen die angeblich alles überwuchernde Obszönität geht weiter, gefochten wird mit teilweise groben Behauptungen wie ebenjener, dass selbst „rührend altmodische Wäschegeschäfte“ inzwischen so durchpornographisiert seien, dass sie nur noch String-Tangas im Angebot hätten.

„Ich hatte den Eindruck, Stimmung ist jetzt soweit“

Porn-Chic in der Kunst, Nackt-Darstellerinnen in Nachmittags-Talkshows, in jeder größeren Stadt die jährliche „Erotik-Messe“: alles kalter Kaffee, möchte man denken und sich über den allgemeinen Sittenverfall mit einem guten Buch (oder einer Hardcore-DVD) hinwegtrösten.

Alice Schwarzer jedoch meint es offensichtlich ernst. Über den Anlass der wiederaufgewärmten Anti-Porno-Kampagne von „Emma“ befragt, gibt sie zu Protokoll, in letzter Zeit habe sich „alles so verdichtet“: „Es gibt neue alarmierende wissenschaftliche Erkenntnisse über neuropsychologische Veränderungen nach Pornokonsum, die Presse hat wieder vermehrt über Pornographie berichtet. Ich hatte einfach den Eindruck, die Stimmung ist jetzt so weit.“ Das ist nicht ganz falsch beobachtet, besser gesagt: Der jüngste Anti-Porno-Zug drohte diesmal ohne die „Emma“ abzufahren, aber deren Gründerin ist gerade noch rechtzeitig aufgesprungen.

Rudel-Bums bei Halbwüchsigen

Begonnen hat das, was sich nach dem Willen Alice Schwarzers zu einer großen Debatte auswachsen soll, mit einem Artikel im „Stern“. Anfang Februar dieses Jahres erschien ausgerechnet in dem Magazin, das von „Emma“ 1978 wegen sexistischer Titelbilder erfolglos verklagt worden war, eine Geschichte über den Einfluss pornographischen Materials auf Kinder und Jugendliche, die wohlgemerkt fast alle aus schwierigen Verhältnissen stammten.

Die Schilderungen lasen sich mehr als erschreckend, der „Stern“ zitierte Sozialpädagogen, Streetworker, Pfarrer und Therapeuten mit Berichten von der neuen Sex-Front: Rudel-Bums bei Halbwüchsigen; eine Elfjährige, die wissen wollte, „ob sie noch normal ist, weil sie noch nie Sex hatte“; ein Sechsjähriger, der seinen Mitschülerinnen die Hosen runterzog und so tat, als hätte er Verkehr mit ihnen. Auch wir griffen das Thema auf, sprachen mit vielen Jugendlichen, mit Erziehern und mit Wissenschaftlern (siehe auch: Sind Jugendliche völlig oversexed?). Das Ergebnis war differenzierter und deutlich weniger dramatisch als im „Stern“ - was nicht heißt, dass deswegen Entwarnung gegeben werden könnte.

„Das ist kaum noch zurückzuholen“

Der Sechsjährige aus Berlin-Neukölln, die Elfjährige aus Berlin Hellersdorf: krasse, traurige Schicksale von Kindern, die der „Stern“ in den sattsam bekannten Problemquartieren der Hauptstadt aufgelesen hat - und dies auch deutlich machte. Alice Schwarzer dagegen begibt sich weder in die Niederungen mühseliger Recherche-Arbeit, noch traut sie sich, ihre Quellen zu nennen.

In ihrem eigenen „Emma“-Beitrag zur Anti-Porno-Kampagne taucht das Personal aus der „Stern“-Geschichte zwar wieder auf, diesmal allerdings ins Allgemeine gehoben: „PädagogInnen berichten heute von sechsjährigen Jungs, die Vergewaltigung spielen, und elfjährigen Mädchen, die beunruhigt sind, weil sie noch nie Sex hatten.“ Als endzeitlicher Nachsatz folgt dann die Behauptung: „Das ist kaum noch zurückzuholen.“

Porno-Problem ist ein vieldiskutiertes Thema

Nicht nur Alice Schwarzer, auch Iris Radisch, Literaturkritikerin bei der „Zeit“, fühlte sich von der Geschichte im „Stern“ offensichtlich inspiriert, denn ihr Debattenbeitrag „Das ewige Rein-Raus“ baut ebenfalls auf die Erkenntnis, dass Schulkinder heutzutage wie selbstverständlich Gangbang-Vergewaltigungen imitierten oder Oralsex-Pornos nachspielten.

Ob ein „Stern“-Artikel als empirisches Fundament für diesen Befund taugt, wird schon deswegen nicht hinterfragt, weil er als Quelle tunlichst verschwiegen wird. Aber darauf kommt es auch überhaupt nicht an, denn Iris Radisch scheint weniger am Porno-Problem gelegen zu sein als vielmehr daran, der üblichen Schwarzer-Show erstmal ordentlich die Preise zu verderben.

Mit den „alten Waffen des Geschlechterkampfes“ sei die Jugend von heute jedenfalls nicht zu retten, so das reichlich diffuse Fazit in der „Zeit“, und überhaupt sei es wohl etwas überholt, wenn Alice Schwarzer immer noch „die Rocklängen der Töchter und Enkelinnen“ nachmesse. Die Vorstellung, dass eine 64 Jahre alte Feministin dem Röckchen einer achtundvierzigjährigen Literaturkritikerin mit dem Maßband zu Leibe rücken wolle, taugt allerdings bestenfalls fürs Kabarett.

Keine neuen Erkenntnisse zu dem Thema

Warum also die ganze Aufregung? Immerhin bleiben da ja noch die von Alice Schwarzer ins Feld geführten „neuen alarmierenden wissenschaftlichen Erkenntnisse“ über die Auswirkungen von Porno-Konsum auf das menschliche Sozialverhalten. Volkmar Sigusch, Nestor der deutschen Sexualwissenschaft, sagt dazu recht lapidar: „Es gibt keine neuen Erkenntnisse zu dem Thema.“ Außerdem hätte schon bei seinen eigenen Studien aus den siebziger und achtziger Jahren keine Schädigung der Versuchspersonen durch Pornographie festgestellt werden können.

Nun ist Sigusch mittlerweile 67 Jahre alt, und seit seinen Experimenten hat sich viel getan: Allein die Tatsache, dass durch neue Medien wie das Internet Pornobilder längst überall, jederzeit und praktisch für jeden frei verfügbar sind, eröffnet wahrlich neue Dimensionen. Doch auch eine jüngere Generation von Wissenschaftlern bleibt zumindest skeptisch, was die von Alice Schwarzer immer wieder behauptete Kausalkette vom Porno zur Gewaltausübung angeht.

Nicht jeder wird nach Porno-Konsum aggressiv

Professor Jakob Pastötter, Erziehungswissenschaftler und Präsident der „Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung“, weiß nur von einer Handvoll pornographischer Wirkungsstudien, „bei denen einige, aber nicht alle“ auf einen Zusammenhang zwischen Hardcore-Konsum und aggressivem Verhalten schließen lassen. Davon abgesehen, litten sämtliche Studien unter methodischen Mängeln. Auch Peer Briken, ein mit sexuellen Störungen befasster Psychiater am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist vorsichtig mit seinem Urteil.

Zwar sei bekannt, dass viele Sexualverbrecher vor ihren Taten Pornos geschaut hätten - was aber natürlich nicht heiße, dass aus jedem Konsumenten früher oder später ein Triebtäter werde. Es habe durchaus Experimente gegeben, bei denen Probanden auf Gewaltpornos mit gesteigertem Aggressionspotential reagiert hätten, sagt Briken. Allerdings seien diese Tests mit realen Alltagssituationen kaum vergleichbar.

Flut an Gewalt-Pornos in Videotheken

Mit der Pornoflut und ihren Folgen verhält es sich offenbar ein bisschen so wie vor kurzem noch mit dem Klimawandel: Man ahnt, dass da etwas Unangenehmes auf die Gesellschaft zukommen könnte, aber der Wissenschaft mangelt es vorläufig an Beweisen. Was freilich einen Alarmismus à la „Emma“ genauso wenig rechtfertigt wie eine kreuznaive Verharmlosungsstrategie der sogenannten linksalternativen „tageszeitung“, die ihre Leser mit wohlmeinenden Tipps zum Pornogucken versorgt (“Im hellen Ikea-Wohnzimmer konsumiert, verliert eine Porno-DVD beinahe jeden Schmuddelaspekt“) und das Genre ansonsten mit Musicals vergleicht.

Es genügt der Gang durch die Erwachsenenabteilung einer beliebigen Videothek, um festzustellen, dass auch ein Ikea-Interieur nicht alles in ein mildes Licht zu tauchen vermag: „Zicken, jetzt seid ihr fällig“, heißen die DVDs im Regal, „Vollgewichste Gangbang-Schlampen“, „Doppelt geknechtet“ oder „Gyno-Clinic - Examination, Torture, Pain“. Ein Werk mit dem Titel „Rabiate Aufreißer“ und einer Inhaltsangabe, die hier nicht wiedergegeben werden kann, verspricht „brutale 140 Minuten“ und wünscht dann: „Viel Vergnügen!“

Vieles was Schwarzer schreibt, ist übertrieben

Keine Frage, Alice Schwarzer gebührt Anerkennung dafür, dass sie überhaupt mal wieder darauf aufmerksam macht, dass es mit der Pornographie womöglich ein Problem geben könnte. Aber vieles von dem, was sie heute schreibt, ist übertrieben, ohne Belege, albern oder schlichtweg falsch. Der „pornographisierte Blick“ macht „alle Frauen zu Huren“? Na ja. Es gibt „alltägliche Fälle vergewaltigender und mordender Männer, die die konsumierten Pornos spiegelgleich im Leben nachstellen“? Existiert da bitte eine Statistik?

Dank des „billigen Menschenmaterials“ streichen Pornoproduzenten die „branchenübliche Gewinnspanne von 500 bis 1000 Prozent“ ein? Davon kann die Sex-Industrie in Zeiten von Internet-Tauschbörsen mit kostenlosen Downloads wirklich nur träumen. Es ist erschütternd, mit welcher Ahnungslosigkeit Deutschlands bekannteste Feministin ihr Scherbengericht zusammenköchelt - und das noch bei diesem Leib- und-Magen-Thema.

Nur das gezeigte Bild zählt

„Die Hälfte unserer Arbeit wäre erreicht, wenn Sexismus so ernst genommen würde wie Rassismus“, sagt Alice Schwarzer. Der Wunsch mag berechtigt sein, im Zusammenhang mit Pornographie ist trotzdem Vorsicht geboten: Schon 1988 wurde im Zuge einer „Emma“-Kampagne versucht, mit dieser Analogie einen neuen Straftatbestand zu schaffen: Pornos könnten dann nämlich im Sinne des Paragraphen 130 Strafgesetzbuch als Volksverhetzung gelten. Da liegt das empörende Verdikt der verstorbenen Feministin Andrea Dworkin, Pornographie sei „Dachau, ins Schlafzimmer geholt und dort gefeiert“, allerdings schon in Sichtweite.

Gewaltpornographie braucht der Staat deswegen noch lange nicht zu akzeptieren - er ist vielmehr sogar dazu verpflichtet, gegen sie vorzugehen: Wer Pornomaterial herstellt oder verbreitet, das „Gewalttätigkeiten“ zeigt, dem droht laut Paragraph 184a Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Weil es nach herrschender Juristenmeinung aber nicht einmal darauf ankommt, ob sich die Darsteller in den Filmen dieser Gewalt freiwillig aussetzen, zählt also nur das gezeigte Bild. Warum stehen dann trotzdem ungezählte Brutalo-Pornos und Sado-Maso-DVDs härtester Machart in Deutschlands Videotheken? „Da habe ich den Verdacht, dass Praxis und Gesetzestext auseinanderfallen“, sagt Tatjana Hörnle, Strafrechtsprofessorin in Bochum, die sich über dieses Thema habilitiert hat. Vielleicht wäre es sinnvoller, die Staatsanwaltschaft nähme sich dieses Themas an - und nicht Alice Schwarzer.

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