http://www.faz.net/-gum-oizf

Porno-Industrie : Der Dreh mit dem Sex

Die Porno-Industrie in Deutschland jammert über die Krise. Der Skandal um die Berlinale-Gewinnerin kommt ihr da gerade recht. Einblick in eine Branche im Zwielicht.

          Nur der Name ist neu. Ansonsten sieht das himbeerfarbene Cover von "Amateure intim", Folge elf, genauso aus wie beim ersten Erscheinen der DVD im September 2002. Eine Brünette im T-Shirt dreht sich dem Betrachter mit liebreizendem Mädchenlächeln zu; ihre Nase ist lang, das weiße Spitzenhöschen dezent zu knapp. Von den Fotos auf der Rückseite sind die wenigsten jugendfrei. Auf der Vorderseite steht neuerdings: Sibel Kekilli.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die nachgepreßte DVD wird erst im Lauf der Woche ausgeliefert. Aber Dino Baumberger, der sich mit der Produktion von Pornofilmen einen Cadillac, einen Ferrari, ein Privatflugzeug sowie eine Mercedes-Limousine für den Alltag verdient hat, hat kurzfristig etwas Fotomaterial vorbereitet. RTL war schon da, die "Bild"-Zeitung ist zu ihm unterwegs. Der Boulevard giert nach neuen alten Nacktfotos von der jungen Kekilli, deren erster Film auf der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen hat. Was zahlen die Medien für die begehrte Ware? "Das brauchen die nicht bezahlen", brummt Baumberger. "Das ist Werbung." Vor anderthalb Jahren hat er 800 Kopien des Films verkauft. Jetzt liegen schon fast 3000 Bestellungen vor. Täglich werden es mehr.

          Konkurrenz DVD

          Auch die Beate Uhse AG und die Magmafilm GmbH preisen im Internet Pornobilder der gefeierten Schauspieldebütantin an. Eine Branche, die vor zwei Jahren ins Strudeln geraten ist, weil sie den eigenen Wandel als Krise erlebt, ist für jedes bißchen Aufwind dankbar. Schuld ist zuallererst die Technik. Die DVD macht dem Video, das Internet dem Verleih Konkurrenz, und seit jeder Kneipenwirt mit einer Digitalkamera für 2000Euro billige Hinterzimmerpornos drehen kann, existieren 200Produzenten. Die Preise stürzen. Die Umsätze mit Verkauf und Vermietung pornographischer Bild- und Tonträger bröckeln seit 1998 und sind 2003 nach Branchenangaben nochmals um gut zwanzig Millionen auf 450Millionen Euro gesunken. Aber noch immer verdankt der Videomarkt knapp vierzig Prozent seines Umsatzes dem Geschäft mit dem Sex vor der Kamera.

          Dino Baumberger, der eigentlich Josef mit Vornamen heißt, Rundfunk- und Fernsehtechniker gelernt hat und jahrelang einen Sexshop besaß, hat vor fast zwanzig Jahren die DBM Videovertrieb GmbH gegründet. Den weißen Flachbau im Industriegebiet von Wesel zieren zwei üppige Palmen aus Stahlblech. Die Pendants in den Büro-, Schnitt- und Graphikräumen sind echt, aber paraffiniert. Sofas in Form von Cadillac-Hecks und aufgeworfenen Lippen, Leopardenstoffkissen und amerikanische Reklametafeln dekorieren den deutschen Traum von Hollywood am Niederrhein. Dazwischen Bronzeskulpturen und Plastikfiguren von Dolly Buster, der Porno-Ikone der Neunziger, Baumbergers Frau. Tiefdekolletiert und großzügig geschminkt stakst das lebende Markenzeichen auf zigarettendünnen Absätzen zwischen Reproduktionen ihrer selbst umher.

          Neunzig Prozent Mogelpackungen.

          An einem Regal mit Videos bleibt Baumberger stehen und streichelt über das rund drei Jahre alte Cover. Ein Schwarzer und eine Blondine küssen sich vor einem Wasserfall. "Ein ganzer Negerstamm spielt da mit", seufzt der Sechzigjährige: Der Hauptdarsteller wird von einer Schlange gebissen, von Eingeborenen dank Vodoo geheilt, und nachdem der Zauber seine sexuellen Phantasien aufs wildeste beflügelt hat, verspricht er dankbar, auf das geplante Hotel im Busch zu verzichten. Das waren noch Zeiten! Dreharbeiten in Afrika, Unterwasserszenen, Landschaftsbilder aus dem Hubschrauber, so viele Darsteller und noch mehr Handlung! "Nicht eine mehr verkauft als sonst", sagt Baumberger müde. "Der Kunde weiß ja nicht, ob ein Film 5000 oder 50000 Euro gekostet hat. Der geht nur nach dem Hintern, der vorne drauf ist."

          Weitere Themen

          Die Unsichtbaren

          Wohnungslose Frauen : Die Unsichtbaren

          Wohnungslosigkeit ist längst kein männliches Problem mehr. Hierzulande steigt die Zahl betroffener Frauen dramatisch. Sie haben kaum eine Chance, eine neue Bleibe zu finden.

          Topmeldungen

          Brexit-Kommentar : Das riskante Spiel der May-Kritiker

          Die Brexit-Befürworter planen ein Misstrauensvotum gegen Premierministerin Theresa May. Doch stürzt die Premierministerin, droht der ungeregelte Austritt aus der Europäischen Union.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.