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Politiker und ihre Brillen Berlins neue Rahmenordnung

06.01.2012 ·  Die „Regierung der Randlosen“ ist gescheitert. Politiker tragen wieder mehr Masse auf der Nase. Ein Update.

Von Reinhard Bingener und Friedrich Schmidt
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© dapd Frank-Walter Steinmeier geht modisch voran

Vor gut zwei Jahren, zu Beginn des schwarz-gelben Regierungsbündnisses, wurden die Leser dieser Zeitung auf eine „Regierung der Randlosen“ eingestimmt. Wesentliche Entscheidungsträger in der Wunschkoalition Angela Merkels - genannt wurden unter anderen Guido Westerwelle und Christian Wulff - hätten damals randlose Brillen getragen. Das sei Ausdruck von „Konturlosigkeit“ und einer „neuen Beliebigkeit der vorgeblich konservativen Kräfte der Berliner Republik“. Politiker liefen so Gefahr, selbst „den letzten Anschein eines noch vorhandenen Markenkerns einzubüßen“ und als „ewige Schwiegersöhne der Macht“ lediglich gleichsam Fußnoten der Geschichtsbücher zu bleiben.

Mittlerweile ist das politische Klima in Berlin und Brüssel rauher geworden. Maßgebliche Politiker sind bereits vor geraumer Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass sie dem Eishauch der Finanzmärkte mit Leichtbau-Gestellen nicht trotzen können. Wenn sie schon politisch „auf Sicht“ fahren müssen in der Krise, möchten sie zumindest äußerlich den Eindruck von Profil, Standfestigkeit und Charakterstärke vermitteln. Guido Westerwelle etwa, der wohl Leidgeprüfteste unter ihnen, wechselte von einem randlosen Modell auf eine Brille mit einer kräftigen, dunklen Vollrandfassung, als der Sturm der Empörung über ihn und die FDP hereinbrach.

Ähnlich Rainer Brüderle: Die alte Tragrandfassung mit einem blassen Balken auf Höhe der Augenbrauen ersetzte er kurzerhand durch ein voluminöses Vollrandmodell. Dessen breite Bügel sehen aus, als hätte sie der harte politische Gegenwind rundgeschliffen. „Euro-Rebell“ Frank Schäffler ging im Verlauf der FDP-internen Auseinandersetzung auch optisch auf Konfrontationskurs. Ein kümmerliches Harry-Potter-Gestell wich einem dunklen, bedrohlichen Kraftpaket, der „Scharnhorst“ unter den Bundestagsbrillen. Eine vergleichbare Entwicklung ist im Gesicht des Gesundheitspolitikers Jens Spahn (CDU) zu vermerken. Mit Erfolg: Der Bekanntheitsgrad von Schäffler und Spahn stieg proportional zur Rahmenstärke.

Pioniere der Randlosigkeit

Woher kommt der Trend zu mehr Masse auf der Nase? In größerer Zahl wurden diese Gestelle bereits vor einigen Jahren in den Trend-Vierteln Berlins gesichtet. Sogenannte „junge Kreative“, oftmals aus ländlichen Gegenden Schwabens und Niedersachsens in die Hauptstadt zugezogen, trugen dort die raumgreifenden Brillen ihrer Vorväter auf. Aus Atavismen der alten Bundesrepublik wurden so Statements des Nonkonformismus.

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© dapd Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel: Brillenfragen sind Charakterfragen

Bald griffen Designer wie Tom Ford den Trend auf und entwarfen für die Individualisten bombastische Kollektionen. Mittlerweile versuchen sogar junge Sparkassen-Kundenberater in ländlichen Gegenden Schwabens und Niedersachsens, sich mit Hilfe solcher Ungetüme gegenüber ihren Kollegen zu profilieren. Gerade in einer Regierungskoalition, die sich von Beginn an zankte, musste dieser Trend bald aufgegriffen werden. Man fuhr somit gleichsam die Ellenbogen auch im Gesicht aus. Bemerkenswert ist dabei, dass die Pioniere der Randlosigkeit in den Vorstandsbüros der Wirtschaft zu finden waren, während der neue Vollrahmen von den Politikern aus dem Milieu der Kulturschaffenden übernommen wurde. Das kann auch als Versuch gewertet werden, den Primat der Politik gegenüber dem Ökonomischen wiederherzustellen. Statt rahmenloser Marktförmigkeit dominieren nun Leitplanken zahlreiche Gesichter der Berliner Politikszene - und inzwischen sogar darüber hinaus: Selbst CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt verblüffte dieser Tage in Wildbad Kreuth mit einem Paukenschlag im Gesicht. Vormals brillenlos und von barocker Fülle, die seinen Worten in Bierzelten und an Stammtischen Gewicht gab, präsentierte er sich nun nicht nur deutlich schlanker, sondern auch mit Stadtneurotiker-Brille.

Unter den wenigen, die sich noch randlos präsentieren, sind Philipp Rösler und Christian Wulff. Formal betrachtet scheint sich ihre Treue in den vergangenen zwei Jahren in Form eines politischen Aufstiegs ausgezahlt zu haben: Rösler wurde Vizekanzler, Wulff Bundespräsident. Doch viele sind mittlerweile davon überzeugt, dass beide ihren neuen Aufgaben nicht gewachsen sind. Randlos blicken Rösler wie Wulff einer Misere nach der anderen ins Auge - Deutschland sieht ihnen dabei fassungslos zu.

Guttenbergs brillenloses Unterfangen

Ein Sonderfall ist abermals Karl-Theodor zu Guttenberg. Trug er zu Beginn seines steilen Aufstiegs noch eine Sehhilfe mit ovalen Gläsern und Metallrahmen, legte er sie nach Verlust von Amt und Doktortitel ab. „Faktisch war es so, dass es einer reizenden indischen Ärztin bedurfte, die festgestellt hat, dass ich ohne Brille vollkommen ausreichend sehen kann“, ließ Guttenberg die Nation aus dem Exil wissen. Lediglich beim Autofahren trage er noch eine Brille, da es dabei besser sei, wenn man „mit dem linken Auge etwas mehr sieht als nur schwarze Klumpen, die einen überholen“. Bei einem solch „großen Talent“ (Horst Seehofer) sollte dieses Sehvermögen für ein politisches Comeback allemal ausreichen.

Dass Guttenberg bei seinem brillenlosen Unterfangen schnell vor die nächste Wand fährt, dürften zwei Herren hoffen, von denen der eine schon lange der Brillenmode die Fackel voranträgt, während der andere in stoischer Ruhe dem Zeitgeist trotzt. Der Avantgardist heißt Norbert Röttgen. Der Bundesumweltminister - vormals an vorderster Front der Leichtbaubrillenmode, später Wegbereiter der Hornbrillen-Renaissance - erkannte mitten in der Euro-, Klima- und Koalitionskrise die Zeichen der Zeit und setzt seit wenigen Monaten auf ein spektakuläres Hybridmodell: klassischer Vollrahmen, gefertigt aus Werkstoffen der Zukunft, transparent, lichtdurchlässig, mit einem Stich ins Bernsteinfarbene. Wer mehr Sonne hereinlässt, braucht weniger Atomkraftwerke. Das erkannte Röttgen vor „Fukushima“ und vor allem: vor seiner Kanzlerin.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hingegen sitzt das modische Hin und Her zwischen Randlosigkeit und Rahmenwucht konsequent mit derselben Brille aus: Nach vorne ein offenes Visier, zur Seite wehrhafte Bügel. Männern wie Röttgen und de Maizière gehört die Zukunft. Denn nach wie vor gilt: Brillenfragen sind Charakterfragen - und Charakterfragen sind Machtfragen.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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