Nasenweich und schneuzfest sind Tampo, Tempe, Tompe, Timpo und Tunpo vermutlich nicht. Doch das interessiert den chinesischen Bauern aus Sichuan auch nicht. Sein Papiertaschentuch, das in einer allen Chinesen vertrauten blau-weißen Packung mit einem negativ gesetzten, leicht diagonal nach oben verlaufenden und unterstrichenen Signet steckt, ist um gut das Vierfache preiswerter als das Original, das 1929 von den Vereinigten Papierwerken Nürnberg auf den Markt gebracht wurde.
Nur das scheint zu zählen - und nicht etwa die Qualität des Zellstoffs. Mehr als 100 Plagiate des wohl bekanntesten Papiertaschentuchs der Welt hat Christian Rommel allein im fernen Osten zusammentragen können - mit immerhin 28 unterschiedlichen Namen. Kaum ein Produkt dürfte in dieser Hinsicht ähnlich erfolgreich sein wie das mittlerweile von Procter&Gamble vertriebene "Tempo". Der Schaden aber, der dem Originalhersteller entsteht, ist beträchtlich und dürfte in die Milliarden gehen, obwohl es sich nur um einen Pfennigartikel handelt. Dabei sind es durchaus nicht immer nur Chinesen und Osteuropäer, die Ideen klauen und Produkte nachahmen. Auch das beweist alljährlich der sogenannte Plagiarius, ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase, der am Freitag auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt schon zum 28. Mal verliehen wurde.
Leifheit bekommt „Plagiarius“
Die Leifheit AG aus Nassau an der Lahn gehört in diesem Jahr zu den Preisträgern. Nachgeahmt hat das bekannte deutsche Unternehmen ein Küchenhelfer-Set ("Profile"), das ursprünglich von der niederländischen Firma Brabantia Nederland B.V. mit Sitz in Waalre entworfen wurde und noch immer hergestellt wird. Die Unterschiede sind minimal: Das Metall glänzt beim Original vielleicht ein wenig mehr, und die Ösen zum Aufhängen laufen bei der Kopie ein wenig spitzer zu. Doch eindeutig wurde das sogenannte Geschmacksmuster verletzt, mit dem Brabantia die Form seines Produkts beim Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt in Alicante innerhalb der Europäischen Union hat schützen lassen.
"Wir haben das ja nicht gewußt" sei die übliche Reaktion von Plagiatoren, berichtet Professor Rido Busse, der den Negativpreis 1977 erfunden hat. "Meistens stimmt das sogar. Wahrscheinlich importiert Leifheit seine Ware einfach nur." Seit März 2002 besteht allerdings die Möglichkeit, ein neues Design durch Offenbarung schützen zu lassen: Dabei können Designer und Hersteller auf einer neutralen Online-Plattform (www.designpublisher.com) öffentlichkeitswirksam und fälschungssicher ihre neuen Werke präsentieren und sich drei Jahre lang überlegen, ob sich das eingetragene Gemeinschaftsgeschmacksmuster lohnt. Damit wäre die Ware dann für maximal 25Jahre geschützt.
Jährlich bewerben sich 30 bis 40 Unternehmen
Ungefähr 30 bis 40 Unternehmen, die sich um Zeit und Geld gebracht sehen, das sie in Forschung, Entwicklung und Marketing gesteckt haben, bewerben sich jedes Jahr bei der Aktion Plagiarius. Eine unabhängige Jury wählt dann die drei "besten" Plagiate aus und vergibt sieben weitere, gleichrangige Auszeichnungen. Platz eins belegt 2004 der Davoser Klappschlitten vom Ulmer Unternehmen rudisport Spiel- und Sportgeräte, der Plagiarius, den übrigens noch nie ein Plagiator abgeholt hat, gebührt dem taiwanischen Hersteller Funcenter Industrial Inc. und dem niederländischen Vertrieb Schreuders Sport Intl. B.V.
Nicht immer läßt sich ein Plagiat so leicht vom Original unterscheiden wie im Fall des variablen Knotenelements für Vierkant-Traversen. Dieser Aluminium-Träger, der zum Beispiel als mobile Lichterbrücke in Theatern und bei Veranstaltungen eingesetzt werden kann, stammt von der niederländischen Prolyte-Gruppe. Mit der preiswerteren tschechischen Variante, die auffällige und unverkennbar schlechtere Schweißnähte hat, wirbt das Unternehmen Milos s.r.o. aus Roudnice nad Labem (Raudnitz an der Elbe) besonders dreist. "Sie bezeichnen es sogar als Vorteil, daß die beiden Systeme miteinander kompatibel seien", sagt Hans C. Pakleppa von Prolyte. Diese Unverfrorenheit berührt seiner Meinung nach noch einen weiteren Aspekt: Ihr Aluminium-Fachwerk sei geprüft, die Wandstärke der Kopie könne aber keiner genau abschätzen. "Bei schweren Trägern, die in einiger Höhe über Zuschauerköpfen angebracht werden, ist das keine ganz ungefährliche Angelegenheit."
Plagiatoren schimpfen über Auszeichnung
Doch nicht nur die Originalhersteller ärgern sich über entstandene Schäden. Auch die Plagiatoren schimpfen gehörig, wenn sie an den Pranger gestellt werden. Bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen den einfallslosen Nachahmern; meist kommen sie jedoch mit einer Geldstrafe davon, wenn sie denn überhaupt belangt werden. Der Schaden für die Volkswirtschaften ist immens und soll für Deutschland allein zwischen 35 und 37 Milliarden Euro betragen. Die Europäische Union und die Internationalen Handelskammern schätzen, daß rund zehn Prozent des Welthandels plagiierte Produkte sind. Zehntausende Arbeitsplätze gehen Jahr für Jahr verloren.
Der Plagiarius-Erfinder, der selbst studierter Designer ist, hat allerdings einen Wandel in der Wahrnehmung dieses Problems beobachtet: "Von einem Kavaliersdelikt spricht kaum noch jemand", sagt Professor Rido Busse. Als Beispiel führt er an, daß aus Ländern wie Japan und Singapur früher meist nur Plagiate kamen, heute jedoch bewerben sich immer häufiger Unternehmen, die selbst geschädigt sind. Busse hat auch in diesem Jahr wieder Sonderpreise für Fälschungen verliehen. Wie bei der berühmten Rolex-Uhr oder dem Lacoste-Shirt wird dabei nicht wie bei einem Plagiat nur die Form kopiert, sondern auch gleich der Markenname mitgestohlen. So steht auf dem Radiergummi-Set von Zhengjiang Zhengda Stationery Co. Ltd. (China) der in Deutschland durchaus geläufige Name Faber-Castell.
Kopieren ist in China nichts ehrenrühriges
Gefälscht wird Tempo in China erstaunlicherweise nicht, was daran liegen dürfte, daß der Originalname, der regelrecht verballhornt wird, wohl niemandem geläufig ist. Christian Rommel, der in Hongkong lebt und seine Taschentücher-Sammlung noch bis zum Dienstag auf der Ambiente zeigt, weist - "allerdings nicht um zu rechtfertigen" - darauf hin, daß gerade in China traditionell ein anderes Denken in bezug auf das geistige Eigentum herrsche. "Es gilt als erstrebenswert, einen ,Meister' so gut wie möglich zu kopieren. Erst dann kann man auch Eigenes schaffen."