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Pläne und Sorgen nach dem Abitur Wir müssen nun wollen

 ·  Zeugnisse, Party - dann steht die Welt offen. Aber Abiturienten haben auch die Qual der Wahl. Wie groß ist der Druck? Mit welchem Selbstbewusstsein starten sie in die Zukunft? Abgänger des Berliner John-Lennon-Gymnasiums haben bei ihrem Abiball Auskunft gegeben.

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Helene, 19 Jahre
© Jens Gyarmaty Vergrößern

Helene, 19 Jahre

Deutsch und Englisch, Abiturnote 2,3

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass man direkt nach der Schule was haben muss. Die Berufsberaterin drängelte schon im September: Ihr müsst euch jetzt bewerben! Wegen des Kindergeldes. Damit man versichert bleibt. Und damit keine Lücke im Lebenslauf entsteht. Weil es schlecht ist, sich zu bewerben, wenn man nicht nachweisen kann, was man gemacht hat. Und so dachte ich: O Gott, ich will nicht ohne etwas dastehen, wenn alle etwas haben. Und jetzt bin ich fast die Einzige, die was hat. Nach der letzten Prüfung habe ich mich befreit gefühlt. Als ich dann realisierte, dass ich keine Schule mehr habe, verspürte ich so eine Leere: Was mache ich jetzt eigentlich? Es war, als müsste ich mein Leben komplett von vorne anfangen. Inzwischen habe ich wieder einen Alltag. Ich arbeite von sieben bis sieben, fünf Tage die Woche. Ich bin für sechs Monate Aufnahmeleitungsassistentin am Set von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Eigentlich habe ich vor, Regie oder Filmproduktion zu studieren, aber die Aufnahmebedingungen sind hart und die meisten Leute schon Mitte zwanzig, wenn sie sich bewerben. Mein Weg dahin ist nicht klar strukturiert, aber ich denke, man knüpft viele Kontakte, dann wird man irgendwie geleitet. Und ich denke, wenn ich das wirklich will, schaffe ich es auch. Das Praktikum ist bezahlt, 400 Euro im Monat, das ist ungefähr das Dreifache von dem, was ich vorher an Taschengeld hatte. Ich will nächsten Monat in die Türkei fliegen, und ich finde schön, dass ich sagen kann: Mama, Papa, ich bezahl’ meinen Flug vom ersten Gehalt. Da weiß man, jetzt steht man ein bisschen allein im Leben und kommt zurecht.

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