06.11.2005 · Warum sind Bildungschancen in Deutschland so ungerecht verteilt? Neue Ergebnisse der Pisa-Studie befeuern alte Debatten über das Schulsystem. Dabei ist die Lösung doch so einfach: Der Unterricht muß besser werden.
Von Julia SchaafKleine Frage vorneweg: Nehmen wir einen Chefarztsohn und den Sproß eines türkischen Fließbandarbeiters. Welcher der beiden Fünfzehnjährigen geht wohl eher aufs Gymnasium?
Richtig. Pikanterweise besucht der Arztsohn auch dann mit größerer Wahrscheinlichkeit die höhere Schule, wenn beide Schüler die gleiche Intelligenz und die gleichen Fähigkeiten besitzen. Das geht aus der neuesten Pisa-Schülerstudie hervor, deren Ergebnisse am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurden: Verglichen mit einem Facharbeiterkind, hat der Akademikernachwuchs in Deutschland viermal größere Chancen, das Gymnasium zu besuchen. In Bayern liegt dieser Wert sogar bei 6,7.
Eigentlich lautet die Frage also: Ist das gerecht? Darf das sein?
Die Chancenungleichheit
Schon in den Tagen vor der offiziellen Bekanntgabe der Pisa-Zahlen schlugen die Wellen hoch. Die üblichen Verdächtigen kramten ihre üblichen Argumente hervor und droschen in üblicher Manier aufeinander ein: Das deutsche Schulsystem mit seiner frühen Auslese verschärfe die Chancenungleichheit, wetterte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Deutsche Philologenverband nahm das Gymnasium in Schutz. Grünen-Politiker forderten mal wieder mehr Gesamtschulen, während Union und FDP notorisch die Leistungsfähigkeit des dreigliedrigen Schulsystems rühmten.
Wer sich nicht hauptberuflich mit Bildungsfragen beschäftigt, hat an solchen Debatten wenig Spaß. Beide Seiten kämpfen vorgeblich im Dienste des Wahren, Schönen, Guten und interpretieren identische Fakten in gegensätzlicher Weise, eine Annäherung oder Lösung scheint fern - und dem ermüdeten Laien wird schwindelig, sonst nichts.
Dabei ist die Lage so eindeutig wie ernst. Es gibt in allen Industrienationen einen Zusammenhang zwischen Elternhaus und Bildungschancen, aber in Deutschland ist diese Kopplung besonders eng. Immer neue Studien haben in den vergangenen Jahren den Einfluß elterlicher Bildung und Einkommensverhältnisse auf die Schulkarriere belegt - vom Vorschulalter über die Grundschule bis hin zu den Fünfzehnjährigen der Pisa-Studie. Und selbst an den Universitäten wächst seit zwei Jahrzehnten der Anteil der Studenten aus gehobenem Elternhaus.
„Das ist ein Unding“
„Je länger die Kinder bei uns zur Schule gehen, um so größer wird der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Schulerfolg“, bilanziert Schulforscher Wilfried Bos, der die Iglu-Grundschulstudie geleitet hat: Schon bei Viertkläßlern aus der Oberschicht sei eine Gymnasialempfehlung 2,6mal wahrscheinlicher als bei genauso schlauen Kindern aus der Unterschicht. „Das ist ein Unding“, sagt Bos.
Sechsjährige aus Verhältnissen mit niedrigem Einkommen können sich schlechter ausdrücken, konzentrieren und alleine beschäftigen als ihre Altersgenossen aus wohlhabenderen Familien. In der Grundschule bleibt jedes dritte arme, aber nur jedes zehnte andere Kind sitzen. Außerdem sagt Gerda Holz, die am Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik diese Armutsforschung leitet: „Ärmere Kinder kriegen schlechtere Noten“ - und zwar in allen Fächern außer Sport. Das habe nichts mit Intelligenz oder Leistung zu tun.
Was also passiert?
„Die Schere geht weiter auseinander“
Natürlich ist nicht allein die Schule schuld. Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Philologenverbandes, spricht von der „Bildungsunwilligkeit“ der Eltern, wenn bayerische Bauern ihren hochbegabten Söhnen die Hochschule ausreden, weil diese den heimischen Hof übernehmen sollen. Der Schuldirektor erinnert sich an Elterngespräche mit Türken, die nicht zu überzeugen sind, daß ihre intelligente Tochter aufs Gymnasium gehen solle - wozu brauche ein Mädchen schon Abitur?
Außerdem sind es verstärkt die Wohlhabenden und Gebildeten, die ihren Nachkommen auch bei mäßigen Leistungen unbedingt einen guten Schulabschluß verschaffen wollen, die deshalb auf jede Note achten, Lehrergespräche einfordern, Nachhilfe zahlen und ihre Ansprüche notfalls gerichtlich durchzusetzen versuchen. Am anderen Ende des Spektrums findet sich der Sozialleistungsempfänger, der gar nicht auf die Idee käme, den Fernseher auszuschalten und Hilfe bei den Hausaufgaben anzubieten, wenn das Kind aus der Schule kommt. Und die Ausländerfamilie weiß mangels eigener Erfahrung mit dem deutschen Bildungssystem vielleicht nicht einmal, welche Art von Unterstützung möglich ist. „Damit geht die Schere weiter auseinander“, sagt Wilfried Steinert, Vorstandsvorsitzender des Bundeselternrates.
Der feine Unterschied wird - mal jenseits angeborener Fähigkeiten - gleich nach der Geburt begründet: Wieviel Ansprache bekommt ein Säugling? Welche Anregungen erfährt das Kleinkind? Von der Ausdrucksweise der Eltern bis zu den Umgangsformen, die zu Hause gepflegt werden, die Selbstverständlichkeit von Gute-Nacht-Geschichten, Museumsbesuch und Klaviermusik - all das wirkt sich langfristig auf die Schulnoten aus. Walter Müller vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung spricht in diesem Zusammenhang von „primären Effekten“, sozusagen einer sozial generierten Begabung: „Die Mittelschicht hat typischerweise höhere Schulleistungen als die Arbeiterschicht.“
Ideologischer Stellungskrieg
Daß aber selbst bei gleichen Noten unterschiedliche Entscheidungen über den weiteren Bildungsweg getroffen werden, hat laut Müller mit „sekundären Effekten“ zu tun: mit einer Kosten-Nutzen-Abwägung, nach der es für ein Arbeiterkind vernünftiger scheinen kann, schnell eine Lehre zu beginnen und Geld zu verdienen, als auf ein langwieriges Studium hinzubüffeln, von dem niemand in der Familie so recht weiß, was es bringt und ob es eigentlich zu schaffen ist. In der Mittel- und Oberschicht ist das Gegenteil common sense.
Schon ist man mittendrin in der Systemdebatte. Wer davon absieht, Schüler auf unterschiedliche Schulformen aufzuteilen, schließt falsche Entscheidungen von Eltern und Lehrern logischerweise aus. Andererseits, argumentiert die Gegenseite, sind deutsche Gesamtschulen bisher weder durch die erfolgreiche Förderung schwächerer Schüler noch durch ein rühmliches Leistungsniveau aufgefallen. „Gleichheit“ fordern die einen; „Gleichmacherei“ schimpfen die anderen.
Der ideologische Stellungskrieg wird reflexhaft geführt und reicht mindestens bis in die sechziger Jahre zurück, als Deutschland das „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ (Dahrendorf) entdeckte, die Bildungsexpansion ihren Anfang nahm und Chancengleichheit zeitweilig eine größere Lobby hatte als Elitebildung. Letztlich jedoch stritten schon in der frühen Weimarer Republik Sozialdemokraten mit Zentrumspolitikern und Liberalen über die Dauer des gemeinsamen Schulbesuchs aller gesellschaftlicher Schichten. „Wenn Sie heute Protokolle der Schulkonferenz von 1920 lesen, stoßen Sie auf das gleiche Argumentationsmuster, das wir in der Gesamtschul-Debatte der siebziger Jahre wiederfinden und auf dem wir heute noch herumkauen“, sagt Klaus Klemm, Bildungsforscher an der Universität Duisburg-Essen.
Möglichst frühe Förderung
Allmählich wächst die Einsicht, daß man auf diese Weise nicht weiterkommt. Aufwand und Ertrag der Diskussion stehen in keinem Verhältnis, und über Grundsatzfragen geht der Blick fürs Wesentliche verloren - nämlich hier, jetzt und heute in den Schulen etwas zu verändern. „Das ist eine große Gefahr, die in diesen Systemdebatten steckt“, warnt Manfred Prenzel, Leiter des deutschen Pisa-Konsortiums. Selbst unter den ideologischen Grabenkämpfern herrscht mittlerweile Konsens, daß die möglichst frühe Förderung von Schülern unterschiedliche Voraussetzungen ausgleichen helfen kann.
Die - intelligent gemachte und personell vernünftig ausgestattete - Ganztagsschule genießt inzwischen allgemein den Ruf, auch jenen Schülern ein anregendes Milieu zu bieten, die zu Hause wenig Unterstützung finden. Und wenn es ansonsten darum geht, den Stärken und Schwächen der Schüler angemessen zu begegnen, plädieren Schulforscher dafür, sich auf das „Kerngeschäft“ zu besinnen, wie Andreas Helmke es nennt: den Unterricht. „Man kann“, sagt der Entwicklungspsychologe von der Universität Koblenz-Landau, „vorzüglichen oder dilettantischen Unterricht in jeder beliebigen Schulform halten.“
Es gibt kein Patentrezept
Auf die Lehrer kommt es an. Helmke und sein Forschungsteam haben untersucht, was guten Unterricht eigentlich ausmacht, sprich: was in Klassenzimmern passiert, in denen gute Schülerleistungen mit Spaß am Lernen einhergehen. Und siehe da: Es gibt kein Patentrezept. Ob Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, ob Humor, Begeisterung oder lebensnahe Beispiele - viele Wege führen zum Ziel, und das mitunter gleichzeitig, parallel in derselben Klasse. Wo starke Schüler offene Aufgaben brauchen, die ihren Geist beflügeln, sind schwächere auf mehr Feedback und Kontrolle angewiesen. Das allerdings muß der Lehrer überhaupt erst mal richtig diagnostizieren.
Denn längst sind unterschiedlichste Voraussetzungen selbst am Gymnasium die Regel, und das hat nicht nur mit dem elterlichen Bildungshintergrund zu tun. Die wohl brisanteste Pisa-Erkenntnis lautet: Bis zu dreißig Prozent der fünfzehnjährigen Schüler in Deutschland können nur auf Grundschulniveau rechnen und verstehen nicht mal einfachste Texte. „Was passiert“, fragt Pisa-Chef Prenzel, „wenn ein Drittel einer Altersgruppe nicht in der Lage ist, vernünftig Zeitung zu lesen?“ Was bedeutet das für das politische Bewußtsein? Wie wirkt sich der Mangel an mathematischem Grundverständnis aus, wenn jemand später eine Hypothek aufnehmen, einen Leasingvertrag abschließen oder bloß Lotto spielen will?
Die Herausforderung ist groß.
Warum ist der Arztsohn besser gebildet als der Arbeitersohn?
Berni Albrecht (Baertelsmann)
- 07.11.2005, 00:16 Uhr
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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