12.12.2011 · Andrea Bocelli singt, Juliane Moore moderiert, und Milla Jovovich grüßt von der Leinwand: Bei der Präsentation des neuen Pirelli-Kalenders in New York interessiert sich niemand für Reifen.
Von David Klaubert, New YorkDie Heerscharen weißhemdiger Ober haben den letzten Gang des Galadinners – karamellisierte Schokoladen-Maronen-Crème an Espresso-Soße – gerade serviert, als im denkmalgeschützten Zeughaus des Siebten New Yorker Regiments ein Film abgespielt wird: Wellen säuseln im Licht der untergehenden Sonne auf einen Strand, und dann räkelt sich auf den sieben riesigen Bildschirmen ein nacktes Mädchen. Eine Frau klettert oben ohne über Felsen, eine tanzt um ein Lagerfeuer, und eine steht mitten im Wald, lässt sich geduldig mit Wasserzerstäubern besprühen, bis ihre weiße Bluse vollends durchsichtig ist. Und die gut 800 Dinner-Gäste, in Frack und Abendkleid, eingeflogen aus aller Welt, heben anerkennend ihre Weingläser. Ein Hoch auf Pirelli!
Denn hier in die edle Halle an der Park Avenue hat Pirelli geladen, eines der großen italienischen Unternehmen, am Umsatz gemessen der fünftgrößte Reifenhersteller der Welt. Doch für Zahlen oder gar für Autoreifen interessiert sich an diesem Abend niemand, schließlich geht es um den neuen Kalender aus dem Hause der Reifenmacher, gerühmt als Klassiker der erotischen Fotografie. Um diesen Mythos zu pflegen, inszenieren die Italiener die alljährliche Enthüllung mit Pomp und Brimborium.
Fast-Oscar-Gewinnerin Julianne Moore (vergleichsweise bekleidet schon im Pirelli-Kalender 2011 zu sehen) moderiert den Abend in New York, Kate Moss (wenig bis gar nicht bekleidet in den Kalendern 1994, 2006 und 2012) und Milla Jovovich (gar nicht bekleidet 1998 und 2012, außerdem im Campari-Kalender 2012) grüßen im Making-Of-Film von der Leinwand, und Andrea Bocelli (elegant gekleidet mit schwarzem Anzug) singt als Überraschungsgast zuerst "New York, New York", dann "Con te partirò" internationaler Glamour und italienische Sinnlichkeit.
Anders als oft angenommen war es aber nicht die (echte oder vermeintliche) Heißblütigkeit des italienischen Gemüts, die einst die Idee zum Pirelli-Kalender hervorbrachte, sondern das Kalkül des Marketing-Chefs der britischen Niederlassung des Reifenfabrikanten. Als Weihnachtsgeschenk für die vielen unabhängigen Händler, von deren Wohlwollen das schnöde Geschäft mit den Reifen abhing, gab er 1962 die erste Ausgabe in Auftrag bekleidete Frauen aus aller Welt vor Autos, Rollern und Baggern mit Pirelli-Reifen. Die Zentrale in Mailand legte ihr Veto ein, der Kalender wurde nie veröffentlicht.
Doch die Briten gaben nicht auf und engagierten 1963 Robert Freeman, den Lieblingsfotografen der Beatles. Der ließ an einem Strand auf Mallorca zwei junge Models in Bikinis posieren, von Pirelli-Reifen keine Spur, und das schien nicht nur den italienischen Vorgesetzten zu gefallen, sondern auch den Reifenhändlern. Schon in den darauffolgenden Jahren wurde das weihnachtliche Werbegeschenk von Pirelli zum begehrten Objekt. Als für 1967 auf Weisung der Mailänder Zentrale (und angeblich auf Druck des Vatikans) kein Kalender erschien, gab es so viele empörte Nachfragen, dass es schon im Jahr darauf wieder weiterging. Die Aufnahmen wurden freizügiger, die Bekleidung der Models durchsichtiger, bis das Versteckspiel ein Ende hatte und die ersten blanken Brüste hervorlugten.
In den siebziger Jahren waren es dann Ölkrisen und Etatkürzungen, die eine fast zehnjährige Pause verschuldeten. Erst 1984 kehrte "The Cal", wie ihn Pirelli bald schon großspurig nannte, zurück – diesmal mit mehr oder weniger dezentem Product-Placement. Reifenspuren auf Hintern und Brüsten erregten nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch den Zorn einiger Feministinnen. Trotzdem tauchte das Motiv noch einige Male auf, ehe Pirelli in den neunziger Jahren wieder dazu überging, den Fotografen (fast) vollkommene Freiheit zu lassen. Die Reifenproduzenten engagierten Stars wie Richard Avedon, Peter Lindbergh, Bruce Weber, Annie Leibovitz; für den Kalender 2011 wurde Karl Lagerfeld verpflichtet, der weibliche und männliche Topmodels in strengen Schwarzweißaufnahmen als griechische Götter inszenierte.
Für 2012 stand nun mit Mario Sorrenti – darauf wird am Abend der Präsentation immer wieder Wert gelegt – der erste italienische Fotograf hinter der Kamera. Zwar lebt Sorrenti seit seinem zehnten Lebensjahr in New York, geboren wurde er aber immerhin in Neapel. Und bekannt ist Sorrenti, der selbst schon als Model viel nackte Haut zeigte und als Jugendlicher mit Kate Moss liiert war, nicht nur wegen seiner Werbeshoots für Calvin Klein, Giorgio Armani und Hugo Boss - sondern besonders wegen seiner Nacktaufnahmen.
"Nackte Frauen?" Marco Tronchetti Provera, Präsident und Vorstandsvorsitzender von Pirelli, zieht seine grauen Augenbrauen hoch, als er gefragt wird, ob ein Kalender mit nackten Frauen heute noch angemessen sei als WerbeInstrument. "Entschuldigen Sie", sagt er, "es geht nicht um nackte Frauen. Unser Kalender ist Teil der zeitgenössischen Kunst, er wurde in vielen Museen ausgestellt." Und der Marke Pirelli verleihe der Kalender weltweit ein Image von Qualität und Schönheit, von Natürlichkeit und Leidenschaft. Das wiege die Produktionskosten ("unter zwei Millionen") bei weitem auf. "Jede Werbekampagne", fügt die Pressesprecherin hinzu, "würde uns mehr kosten."
Und die Models der 2012er Ausgabe, von denen sechs zur Enthüllungsgala in New York erscheinen, während die anderen nur aus dem Making-of-Film grüßen, werden nicht müde, in die Kameras zu hauchen, wie geehrt sie sich fühlen. "Ich bin so froh, Teil dieses Ganzen zu sein", sagt die Holländerin Saskia De Braw. "Ich fühle mich so gut", sagt die Brasilianerin Isabeli Fontane. "Er ist die einzige Person, für die ich mich ausziehen würde", sagt die gebürtige Ukrainerin Milla Jovovich über Sorrenti, und der sagt über sich: "Die Aufnahmen im Pirelli-Kalender sind der Höhepunkt meiner kreativen Energie."
Und weil zwölf Monate für diese Energie anscheinend zu wenig Platz bieten, gehören zu Sorrentis Kalender gleich 25 großformatige Fotos. Unter dem Titel "Swoon" (Ohnmacht, Überwältigung) stecken sie in einer Mappe aus grauem Leinstoff, so dass der Betrachter die nackten Frauen (oder: Kunstwerke) den jeweiligen Monaten nach Belieben zuordnen kann. Anders als in den vergangenen Jahren sind die Aufnahmen, 18 Schwarzweiß- und sieben Farbfotos, stark reduziert, sie zeigen die Models im Licht und in der urtümlichen Natur Korsikas. Außerdem verzichtet Sorrenti auf jeden noch so kleinen Fetzen Stoff.
Kaufen kann man den Pirelli-Kalender auch in diesem Jahr nicht (außer vielleicht über Ebay, wo die Gebote schon kurz nach der Präsentation bei mehr als 250 Euro liegen). Denn eigentlich sind die 20 000 Exemplare wichtigen Geschäftspartnern, Prominenten und Königshäusern (der Buckingham Palace bekommt jedes Jahr einen Kalender und auch der Fürst von Monaco) sowie guten Freunden des Unternehmens vorbehalten.
Wie man so kurz vor dem Jahreswechsel allerdings noch Freundschaft mit Pirelli schließen kann, das erklärt einem auch auf der Gala in New York niemand. Reifen zu wechseln, so viel steht fest, reicht jedenfalls nicht aus.
Kunst ist
Karl Napp (KarlMariaNapp)
- 13.12.2011, 13:21 Uhr
Kunst???
Dorothee Mußgnug (DorotheeMussgnug)
- 13.12.2011, 11:27 Uhr
Ich bin sicher, da gibt's noch viel mehr Kalender...
Closed via SSO (jgr271)
- 13.12.2011, 05:01 Uhr
Beim Klick auf den Artikel
Peter Roth (proth1)
- 12.12.2011, 20:53 Uhr
David Klaubert Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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