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Pirelli-Kalender 2012 : Nackte Frauen? Das ist Kunst!

Model auf Sandbank: Mario Sorrenti hat Saskia de Brauw für den Pirelli-Kalender 2012 auf Korsika fotografiert. Bild: Lisowski, Philip

Andrea Bocelli singt, Juliane Moore moderiert, und Milla Jovovich grüßt von der Leinwand: Bei der Präsentation des neuen Pirelli-Kalenders in New York interessiert sich niemand für Reifen.

          Die Heerscharen weißhemdiger Ober haben den letzten Gang des Galadinners – karamellisierte Schokoladen-Maronen-Crème an Espresso-Soße – gerade serviert, als im denkmalgeschützten Zeughaus des Siebten New Yorker Regiments ein Film abgespielt wird: Wellen säuseln im Licht der untergehenden Sonne auf einen Strand, und dann räkelt sich auf den sieben riesigen Bildschirmen ein nacktes Mädchen. Eine Frau klettert oben ohne über Felsen, eine tanzt um ein Lagerfeuer, und eine steht mitten im Wald, lässt sich geduldig mit Wasserzerstäubern besprühen, bis ihre weiße Bluse vollends durchsichtig ist. Und die gut 800 Dinner-Gäste, in Frack und Abendkleid, eingeflogen aus aller Welt, heben anerkennend ihre Weingläser. Ein Hoch auf Pirelli!

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Denn hier in die edle Halle an der Park Avenue hat Pirelli geladen, eines der großen italienischen Unternehmen, am Umsatz gemessen der fünftgrößte Reifenhersteller der Welt. Doch für Zahlen oder gar für Autoreifen interessiert sich an diesem Abend niemand, schließlich geht es um den neuen Kalender aus dem Hause der Reifenmacher, gerühmt als Klassiker der erotischen Fotografie. Um diesen Mythos zu pflegen, inszenieren die Italiener die alljährliche Enthüllung mit Pomp und Brimborium.

          Die 25 großformatigen Fotos stecken in einer Mappe aus grauem Leinstoff – sie können den jeweiligen Monaten nach Belieben zugeordnet werden. Bilderstrecke

          Fast-Oscar-Gewinnerin Julianne Moore (vergleichsweise bekleidet schon im Pirelli-Kalender 2011 zu sehen) moderiert den Abend in New York, Kate Moss (wenig bis gar nicht bekleidet in den Kalendern 1994, 2006 und 2012) und Milla Jovovich (gar nicht bekleidet 1998 und 2012, außerdem im Campari-Kalender 2012) grüßen im Making-Of-Film von der Leinwand, und Andrea Bocelli (elegant gekleidet mit schwarzem Anzug) singt als Überraschungsgast zuerst "New York, New York", dann "Con te partirò" internationaler Glamour und italienische Sinnlichkeit.

          Die Idee kam nicht aus Mailand

          Anders als oft angenommen war es aber nicht die (echte oder vermeintliche) Heißblütigkeit des italienischen Gemüts, die einst die Idee zum Pirelli-Kalender hervorbrachte, sondern das Kalkül des Marketing-Chefs der britischen Niederlassung des Reifenfabrikanten. Als Weihnachtsgeschenk für die vielen unabhängigen Händler, von deren Wohlwollen das schnöde Geschäft mit den Reifen abhing, gab er 1962 die erste Ausgabe in Auftrag bekleidete Frauen aus aller Welt vor Autos, Rollern und Baggern mit Pirelli-Reifen. Die Zentrale in Mailand legte ihr Veto ein, der Kalender wurde nie veröffentlicht.

          Doch die Briten gaben nicht auf und engagierten 1963 Robert Freeman, den Lieblingsfotografen der Beatles. Der ließ an einem Strand auf Mallorca zwei junge Models in Bikinis posieren, von Pirelli-Reifen keine Spur, und das schien nicht nur den italienischen Vorgesetzten zu gefallen, sondern auch den Reifenhändlern. Schon in den darauffolgenden Jahren wurde das weihnachtliche Werbegeschenk von Pirelli zum begehrten Objekt. Als für 1967 auf Weisung der Mailänder Zentrale (und angeblich auf Druck des Vatikans) kein Kalender erschien, gab es so viele empörte Nachfragen, dass es schon im Jahr darauf wieder weiterging. Die Aufnahmen wurden freizügiger, die Bekleidung der Models durchsichtiger, bis das Versteckspiel ein Ende hatte und die ersten blanken Brüste hervorlugten.

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