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Freitag, 10. Februar 2012
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Pilotprojekt Gemeinschaftsschule Abenteuer Unterricht

30.11.2009 ·  In Berlin begeistern sich bildungsbewusste Eltern für eine Gemeinschaftsschule. Kein Schüler wird aufgegeben, lautet das Prinzip. Zensuren soll es bis zur achten Klasse nicht geben. Die Eltern hoffen, dass auch kluge Kinder dort mehr und besser lernen.

Von Julia Schaaf
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Auf dem Fußboden vor der Tafel, dort, wo in anderen Klassen das Lehrerpult steht, liegen acht verschiedene Stapel Arbeitsblätter. Schmale Häuser mit spitzem Giebel sind darauf, jede Etage zwei Kästchen. Unter dem Dachfirst steht eine Zahl, die es zu zerlegen gilt - Einer, Zehner, auch Tausender. „Es ist für jeden etwas dabei, um Matheforscher zu sein“, sagt Silke Lembcke, und dann: „Nicht so gut fände ich allerdings, wenn man sich etwas aussuchen würde, das man schon sehr gut kann. Warum?“ Maxi meldet sich. „Da würde man fast nichts lernen“, sagt der Drittklässler. Die Lehrerin nickt. „Unser Gehirn will ja immer weiter“, sagt sie. Auch die Schulanfänger lauschen gebannt. Grüppchenweise kommen die Kinder nach vorne und wählen ein Arbeitsblatt. Ihre Schritte federn, die Gesichter sind wach und gespannt. Viele sehen aus, als könnten sie es kaum erwarten. Als läge vor ihnen nicht Mathematik, sondern das Abenteuer einer Schatzsuche.

Während in Hamburg der Schulkampf tobt, weil das bildungsbewusste Bürgertum gegen sechs Jahre Primarschule kämpft und das Gymnasium als idealen Weg zum Abitur verteidigt, passiert in Berlin etwas Erstaunliches: Die akademische Mittelschicht in Prenzlauer Berg überrennt eine neu gegründete Ganztagsschule, die Kritiker als Untergang des Abendlandes fürchten. Gemeinsamer Unterricht bis Klasse zehn, und das in Gruppen, die jeweils drei Jahrgänge umfassen - „Gleichmacherei“, schimpften Oppositionspolitiker, bevor das Vorzeigeprojekt des rot-roten Senats im Sommer 2008 mit elf Pilotschulen an den Start ging. Aber in Prenzlauer Berg scheint der ewige Streit um die Struktur des Schulsystems, der vermeintliche Gegensatz zwischen Eliteförderung und Chancengleichheit, überholt.

Die Augen des Jungen leuchten

Die Schulleiterin der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule spricht von einer Vision: Kinder in heterogenen Lerngruppen zu Bestleistungen zu bringen. Für das laufende Schuljahr haben sich dreimal mehr Schüler beworben, als es Plätze gab. Am Ende wurde gelost. Bisher werden rund 220 Schüler bis einschließlich dritte Klasse unterrichtet, jedes Jahr soll eine Stufe dazukommen, bis auch das Abitur möglich ist, von dem derzeit noch niemand weiß, wie es aussehen wird. „Wer sich im Bezirk nach einer guten Schule umhört, kommt an der Gemeinschaftsschule nicht vorbei“, sagt ein Vater, dessen Sohn nach zwei Jahren an der elitären Phorms-Privatschule zur Projektschule gewechselt ist. Er findet die Grundkonzepte vergleichbar: Beide Einrichtungen holten die Kinder dort ab, wo sie stünden, um sie individuell zu fördern.

Bruno zum Beispiel hat sich sein eigenes Rechenhaus ins Arbeitsheft gemalt. Es hat zwölf Stockwerke, unter dem Giebel steht die Zahl 855. Jetzt füllt der Achtjährige eine Etage nach der anderen. 243 und 612 schreibt er zum Beispiel. Ein anderer Drittklässler zerlegt 165.978 in gleich sechs Zahlen. Einen Tisch weiter malt Paul anstelle von Ziffern Punkte in die Kästchen wie bei einem Würfel. Im Vorbeigehen schiebt die Lehrerin ihm eine Schachtel zweifarbige Pappchips zu - zur Veranschaulichung. Hier kniet sich Silke Lembcke an einen Gruppentisch und berät, dort legt sie den Arm um einen Schüler und hakt nach. Als habe sie genau im Blick, wer welche Unterstützung braucht. „Ich kenn' ja die Kinder“, sagt die Vierzigjährige. Ständig laufen Schüler zur Tafel oder reden miteinander. Trotzdem ist es nicht laut. Einer der Schulanfänger hat sich wie die Großen sein eigenes Haus ins Heft gemalt. Im Giebel steht eine 100. Die Augen des Jungen leuchten.

Das aber haben Studien widerlegt

Die Bildungsforschung bietet keinen Ausweg aus den jahrzehntealten Kämpfen um das deutsche Schulwesen. Leistungsvergleiche wie Pisa haben gezeigt, dass Länder mit integrierten Systemen, in denen die Kinder länger gemeinsam lernen, durchaus bessere Ergebnisse erzielen können als Deutschland, wo Schüler vergleichsweise früh auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden. Es gibt aber auch integrierte Systeme, die deutlich schlechter abschneiden. „Grundsätzlich zeigt die Forschung, dass Schulstrukturen eine untergeordnete Rolle bei der Erklärung von Schulleistungen spielen“, sagt der Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel, Olaf Köller. „Eine moderne Schule ist eine, die sich in erster Linie um die Unterrichtsentwicklung kümmert.“ Nun ist hierzulande die Vorstellung weit verbreitet, dass Kinder dann am meisten lernen, wenn ihr Leistungsstand und ihre Voraussetzungen möglichst ähnlich sind. Das aber haben Studien widerlegt. „Wenn man Heterogenität gut nutzt, können schwache und starke Schüler davon profitieren“, sagt Wilfried Bos, Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Nur: Wie geht das?

Wer Bruno fragt, der sich an diesem Dienstagmorgen um halb neun in der Lerngruppe der „Ernies“ an der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule über eine Plastiktafel mit Rechenaufgaben beugt, bekommt folgende Antwort: „Ich arbeite an meinen Plänen. Es gibt Mathe- und Deutsch-Pläne. Da steht drin, bis wo wir arbeiten sollen. Dann müssen wir einen Test schreiben, und dann müssen wir in den neuen Plan. Und dann gibt es noch Angebote, die können einem helfen.“ Der Achtjährige mit dem grünen Kapuzenpulli schlägt einen Schnellhefter auf. Auf seinem aktuellen Arbeitsplan steht „Addieren und subtrahieren bis 1000“. Darunter finden sich Anweisungen, um sich das nötige Wissen zu erarbeiten - im eigenen Tempo. Die Materialien aus dem Wandregal, mit denen Bruno die frisch erworbenen Fähigkeiten dann trainieren soll, erinnern an Knobelspiele. Seine Ergebnisse überprüft der Junge selbst.

Später gibt es von der ganzen Klasse Applaus

Zur selben Zeit im selben Raum: Frieda malt große und kleine Gs auf Linien. Josefine blättert im Duden. Natalie schreibt ihre Wettergeschichte fertig. Eloise lässt sich von ihrer Nachbarin die Arbeitsanweisung auf der nächsten Seite vorlesen. Partnerarbeit ist erwünscht. Wer langsameren Schülern weiterhilft, kann sicher sein, dass er den Stoff tatsächlich verstanden hat. Gleichzeitig spornt das Vorbild der Schnelleren an.

Unterdessen sitzt Silke Lembcke eine halbe Stunde lang neben Ben. Auf dem Tisch liegen Kärtchen mit Buchstaben. Die Lehrerin liest die Laute vor, der Junge sucht das passende Kärtchen. Anschließend hakt Silke Lembcke auf einem Bogen Lernziele ab wie „Ich kann Wörter schreiben“ oder „Ich höre Silben“. Sie stellt Ben eine Urkunde über die bestandene Prüfung aus und sagt „Herzlichen Glückwunsch“ so, dass es wirklich herzlich klingt. Später gibt es von der ganzen Klasse Applaus.

Das Prinzip des selbstverantwortlichen Lernens torpediert gängige Vorstellungen von Unterricht. Der Lehrer ist nicht mehr Herrscher, Dompteur und Entertainer zugleich. Er muss seine Schüler nicht mehr mit Wissen berieseln ohne Garantie, was davon tatsächlich fruchtet. Man weiß inzwischen, dass Kinder dann am besten lernen, wenn sie selber lernen wollen und sich begeistern. Jeder Frontalunterricht selbst in einer vermeintlich homogenen Gymnasialklasse jedoch überfordert einen Teil der Klasse, während sich andere Kinder langweilen. Deshalb spricht Gabriela Anders-Neufang gerne von „nachhaltigem Lernen“. Die Rektorin der Gemeinschaftsschule hat schon als Leiterin einer konventionellen Grundschule jahrelang mit dieser Art des Arbeitens Erfahrungen gesammelt. „Man verlangt den Kindern mehr ab“, sagt sie. „Sie müssen Methoden lernen, sie müssen im Team arbeiten, sie müssen sich selbst einschätzen können, sich strukturieren, sich präsentieren und entscheiden, was sie überhaupt wollen. Das ist genau das, was man für den Beruf später braucht.“ Möglich, dass bei dieser Arbeitsweise weniger Unterrichtsthemen behandelt werden als anderswo. Aber die Rektorin findet, Tiefe sei wichtiger als Breite.

Kein Schüler wird aufgegeben

Anders-Neufang ist eine charismatische Frau. Sie wirkt jünger als 49 Jahre, vielleicht, weil man ihr anmerkt, dass die Arbeit an ihrer neuen Schule sie nicht auslaugt, sondern mit Energie und Begeisterung erfüllt. Ihre Stimme ist warm, die Rede klar. Kann so viel Eigenständigkeit nicht auch eine Zumutung sein für Mädchen und Jungs, die gerade erst dem Kindergarten entwachsen sind? Die Rektorin lächelt freundlich. „Dafür sind wir ja da“, sagt sie. Es gebe Schüler, die tagtäglich an die Hand genommen werden müssten. Weil aber das Gros der Gruppe eigenständig arbeite, hätten die Lehrer dafür auch Zeit. „Das ist der Vorteil“, sagt Anders-Neufang. Kein Schüler wird aufgegeben, lautet das Prinzip der Gemeinschaftsschule, Sitzenbleiben oder das Abschieben auf andere Schulen sind keine Option. Auch Zensuren soll es bis zur achten Klasse nicht geben. Trotzdem berichten Eltern, ihre Kinder wüssten sehr genau, wo sie stünden: Die Rückmeldung von Lehrern, die ihre Schüler beim Lernen wirklich beobachten, ist differenzierter als die Note unter einer Klassenarbeit.

Offener Unterricht jedoch macht Arbeit. Regelmäßig brüten die Lehrer in Teams über den Lehrplänen: Welche Kompetenzen wollen sie als Nächstes absichern? Und wie soll das gelingen? Viele Materialien, die individuelle Neigungen aufgreifen sollen, müssen erst gebastelt werden, gerade im fächerübergreifenden Projektunterricht. Und am liebsten hätte Silke Lembcke weniger Kinder in der Klasse und immer zwei Pädagogen - nicht nur, wenn der Vertretungsplan es zulässt. Schließlich gehört zum Prinzip Individualisierung auch, die Klasse regelmäßig zu teilen, um mit Kleingruppen zu arbeiten. Trotzdem findet Lembcke die neue Herangehensweise befriedigender: „Man merkt, dass die Kinder gerne lernen.“

Keiner der Schüler scheint Angst zu haben

Während des Frühstücks, wenn die Kinder Platzsets auf ihre Tische legen, fragt sie zum Beispiel: „Wollt ihr wissen, wie man einen Regentropfen ausmisst?“ Es wird still, und sie liest vor. Und immer wieder im Lauf des Tages bittet sie ihre Schüler um kleine Arbeitsstandsberichte vor versammelter Klasse. Dann gibt es viel Lob und Applaus und sichtbar stolze Kinder. Keiner der Schüler scheint Angst zu haben. Aber wer eine ganze Stunde vergeblich im Computer ein Puzzle sucht oder das Lesen nicht geübt hat und deshalb mit seiner Langsamkeit die Mitschüler langweilt, bekommt auch Sätze zu hören wie „Schade um die Zeit. Was hättest du anders machen können?“ oder „Nimm's mir nicht übel. Das ist für uns zu anstrengend.“ Der Eindruck, dass jemand bloßgestellt würde, entsteht nie.

„Ich hätte mir das für meine ältere Tochter auch gewünscht“, sagt eine Mutter, deren Siebenjährige bei den „Ernies“ ist, während die Große aufs Gymnasium geht. Stress und Leistungsdruck gleich in den ersten Klassen, und das bei klugen, fleißigen Kindern - viele Eltern berichten, dass die Gemeinschaftsschüler spürbar mehr Spaß am Lernen haben als ihre älteren Geschwister. Andererseits gibt es natürlich auch Ängste. Lernen die Kinder tatsächlich so viel wie an herkömmlichen Schulen? Ist ihr Abschluss eines Tages genauso viel wert? Was passiert, wenn leistungsstarke Schüler nach der Grundschulzeit doch lieber ans Gymnasium wechseln? Wie soll das Modell in den höheren Klassen funktionieren, etwa in Physik und Chemie? Eltern, die hinter der Gemeinschaftsschule stehen, reden erstaunlich viel von Vertrauen. „Das ist ein gutes Stück ein Experiment“, sagt die Mutter eines Achtjährigen. „Aber ich glaube, mein Sohn lernt dort mehr.“

Eine wissenschaftliche Begleitung des Pilotprojekts Gemeinschaftsschule in Berlin soll ermitteln, unter welchen Bedingungen das Experiment gelingt.

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