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Pflegeheime Ans Bett gefesselt

Alte Menschen werden in Heimen oft fixiert - zum eigenen Schutz, aber bisweilen mit tödlichen Folgen. Eine Initiative will diese Fesseln nun sprengen.

© Andrea Berzlanovich/Gerichtsmedizin Wien Vergrößern Kopftieflage: Auch in dieser Haltung hat man scheinbar sicher Fixierte schon gefunden

Garmisch-Partenkirchen, im Februar. Innerhalb von fünf bis zwölf Sekunden kann ein Mensch, der im Rollstuhl mit einem Bauchgurt festgebunden ist, sich so herauswinden, dass er sich im schlimmsten Falle stranguliert. Wenn der Gurt nicht sachgemäß befestigt ist, wenn die Seitenriemen nicht zusätzlich angebracht sind und wenn das Bettgitter nicht hochgeklappt ist, dann kann man sich sogar auch in seinem Bett mit normalen Bewegungen aus einem Bauchgurt herauswinden und mit dem Hals so in den Gurt geraten, dass man sich erhängt, wenn man seitlich aus dem Bett herausfällt.

Die meisten alten Menschen wollen aus ihren Fixierungen heraus. In lebensbedrohliche Situationen können sie bei nicht fachgerechter Fixierung leicht geraten. Oft drehen und winden sie sich solange in ihrem Bett, bis der Oberkörper zur Seite aus dem Bett fällt. Wenn dann die Hüfte noch im Gurt verwickelt ist, gerät der Kopf in eine Tieflage, und die Sauerstoffversorgung des Gehirns wird massiv beeinträchtigt. Kräftige und mental gesunde Menschen können sich meist alleine wieder aufrichten - doch auch beim Bungee-Jumping ist es so schon zu lebensbedrohlichen Situationen gekommen, wenn die Springer nicht schnell genug hochgezogen wurden. Alte und demente Menschen hingegen bleiben, wenn es keiner bemerkt, so hängen. Im schlimmsten Fall, bis sie tot sind.

Jeden Tag etwa 400.000 Fixierungen

Etwa 30 Todesfälle durch meist nicht sachgemäß angewandte Fixierungen gibt es pro Jahr in Deutschland. Allesamt waren die Todesopfer alte Menschen, die in Pflegeheimen mit Gurten in ihren Betten oder Rollstühlen fixiert oder mit Bettgittern am Heraussteigen gehindert wurden - mit richterlicher Genehmigung und Einwilligung der Angehörigen. Meist strangulieren sich die Opfer an ihren Bauchgurten, weil sie mit dem Hals in den Gurt rutschen. Oder sie werden bei dem Versuch, aus dem Bett zu kommen, mit der Brust in dem Gurt oder zwischen Matratze und Bettgitter eingeklemmt und sterben dann an Atemlähmung als Folge einer Brustkorbkompression. Die Dunkelziffer für diese Unglücksfälle liegt etwa zehnmal so hoch. Doch niemand ruft gerne die Polizei, wenn ein alter Mensch tot in seinem Gurt hängt. In dem Alter lassen sich auch andere Todesursachen finden.

Dabei sind Fixierungen im Bett oder Stuhl in Altenheimen keine Seltenheit. So können zum Beispiel Patienten mit Parkinson-Syndrom oft ihre Bewegungen schwer koordinieren und stürzen häufig. Aus Schutz vor Stürzen, bei aggressiven Personen oder bei dementen Bewohnern, die einen überaus großen Bewegungsdrang haben und oft umherirren, wird diese „freiheitsentziehende Maßnahme“ regelmäßig angewandt. In fast 100.000 Fällen haben deutsche Gerichte im Jahr 2010 freiheitsentziehende Maßnahmen angeordnet, neben psychiatrischen Einrichtungen betrafen die meisten Fälle pflegebedürftige alte Menschen in Heimen.

Nach Angaben von Doris Bredthauer vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Frankfurt werden wahrscheinlich jeden Tag etwa 400.000 Fixierungen angewendet. Viele davon sind kurzfristige Anordnungen wie das Bettgitter im Krankenhaus für eine Nacht, für die man keine Genehmigung braucht. Pflegewissenschaftlich seien jedoch Fixierungen längst nicht mehr haltbar, sagt Bredthauer. „Menschen, die lange fixiert wurden, haben eher sturzbedingte Verletzungen als Bewohner, die nicht fixiert werden.“

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