Im Juni 2010 kämpften die Bärin Jerka und ihr Gefährte Lars, der leibliche Vater von Knut, im Wuppertaler Zoo um ihr Leben. Schnell wurde spekuliert, die beiden könnten vergiftet worden sein. Tierarzt Arne Lawrenz versuchte alles. Aber bei Jerka kam jede Hilfe zu spät. Die Bärin ging in die eisigen Jagdgründe ein. Lars überlebte knapp. Auch eine Obduktion konnte die Krankheitsursache nicht aufklären. Eine Vergiftung schien allerdings ausgeschlossen.
Zwei Jahre wissenschaftlicher Fahndungsarbeit dauerte es, bis jetzt die Berliner Forscher Alex Greenwood und Kyriakos Tsangaras vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) gemeinsam mit dem Virologen Klaus Osterrieder von der Freien Universität eine heiße Spur fanden. Sie führt überraschend zu den Zebras, die rund 70 Meter entfernt vom Eisbärengehege friedlich grasen.
Die Herdentiere aus der engeren Verwandtschaft der Pferde werden oft von Pferde-Herpesviren (EHV) infiziert. Häufig macht die Ansteckung den Huftieren selbst wenig aus; viele werden nicht einmal krank. „Das passiert in der Natur häufig, weil der Erreger sich an seinen Wirt anpasst“, sagt Alex Greenwood. Jedes Virus braucht ja die Hilfe seines Wirts, um sich zu vermehren. Stirbt dieser, kommt der Erreger nicht weiter. Es liegt also im Interesse vieler Viren, möglichst wenig Schaden anzurichten. Mit der Zeit sortieren sich daher häufig die für den Wirt gefährlichen Erreger selbst aus, und die eher harmlosen bleiben übrig.
„Bei Wildtieren kennen wir bisher kaum die Erreger“
In seltenen Fällen aber springt der Erreger auf ganz andere Arten über, an die er sich nie anpassen konnte. „Von Pferde-Herpesviren infizierte Gazellen und Meerschweinchen sterben daher meist rasch“, sagt Greenwood. Auch Menschen können durch ähnliche Viren gefährdet werden: Als sie immer häufiger und tiefer in Gegenden wie den afrikanischen Regenwald vordrangen, sahen sie sich plötzlich mit Viren konfrontiert, die gefährliche Krankheiten wie Aids und Ebola verursachen.
Gerade in Zoos muss man darauf achten, dass Erreger nicht auf andere Arten übergehen. Denn dort leben schließlich Tiere wie Kängurus aus Australien und Elefanten aus Afrika nahe beieinander, die in der Natur nicht nur durch große Entfernungen, sondern oft auch durch Ozeane voneinander getrennt sind, die für sie unüberwindbar sind.
Leichter gesagt als getan. „Bei Wildtieren kennen wir bisher kaum die Erreger“, sagt Greenwood. Als die Wissenschaftler die Fahndung aufnahmen, standen sie aber noch vor einer ganz anderen Schwierigkeit: „Gewebeproben verstorbener Zootiere, die bei minus 80 Grad aufbewahrt werden, sind Mangelware“, sagt Greenwood. Arne Lawrenz vom Wuppertaler Zoo aber hatte zumindest von der verstorbenen Eisbärin Jerka Proben aufgehoben. Dazu kamen Blutserum von Lars, der inzwischen in Rostock lebt, Gewebeproben des in Berlin gestorbenen Eisbären Knut und Material von acht weiteren Eisbären.
EHV schon einmal auf Eisbären übergesprungen
Bei ihrer detektivischen Arbeit fahndete das Team nach einer endlos lang scheinenden Liste verschiedener Erreger. Für Jerka und Lars konnte man eine EHV-Infektion nachweisen, nicht aber für Knut und die meisten anderen Eisbären. In beiden infizierten Tieren fanden sich Hinweise auf EHV1 und auf EHV9. Am Ende zeigte sich, dass Jerka und Lars sich mit EHV1 infiziert hatten, das einen kleinen Teil von EHV9 enthielt. Der Austausch von Virusteilen hatte bereits in den Zebras stattgefunden. „Das könnte schon in den Savannen Afrikas geschehen sein“, meint Greenwood.
So könnte man auch erklären, weshalb der Eisbär Struppo dieses Virus ebenfalls in sich trug, obwohl er weder Jerka noch Lars je getroffen hatte. Struppo wiederum hatte die Infektion offensichtlich überstanden. Jedenfalls verendete er vor vier Jahren hochbetagt im Zoo von Gelsenkirchen an Nierenversagen, das offensichtlich seinem Alter geschuldet war. Der Fall zeigt, dass EHV schon einmal auf Eisbären übergesprungen war.
Zur Zeit untersuchen Greenwood und seine Kollegen, wie die Viren überhaupt zu den Eisbären gekommen sind. Schließlich liegen in Wuppertal rund 70 Meter zwischen der Anlage für die Zebras und dem Eisbären-Gehege. EHV ist recht empfindlich und dürfte solche Distanzen kaum überstehen. Auch Menschen sollten den Erreger nicht weiter getragen haben, weil sich um die Bären andere Tierpfleger als um die Zebras kümmern. Greenwood hat kleine Nagetiere wie Ratten oder Mäuse als Überträger in Verdacht.
Und wie könnte man solche Ereignisse in Zukunft verhindern? „Viele Zoos halten die Tiere aus unterschiedlichen Regionen bereits in jeweils anderen Bereichen. Dadurch verringert sich auch das Risiko, Erreger zwischen diesen Arten zu übertragen“, sagt Greenwood. Dann wären zum Beispiel Zebras so weit von den Eisbären entfernt, dass nicht einmal Ratten gefährliche Viren hin und her tragen könnten.