28.04.2009 · Der vier Jahre alte Edgar Hernandez aus dem mexikanischen Dorf Perote hat sich vermutlich als erster Mensch an der Schweinegrippe infiziert. Schuld sollen die hygienischen Zustände in Schweinemästereien und Zuchtbetrieben sein.
Von Horst RademacherÜber den Ursprung des neuen Influenzavirus vom Subtyp A/H1N1, an dem inzwischen mehr als 150 Personen in Mexiko gestorben sind, gibt es nur Mutmaßungen. Bislang hatten die Wissenschaftler des mexikanischen Gesundheitsministeriums angenommen, dass es am 13. April zum ersten Todesfall gekommen ist. An diesem Tag starb eine 39 Jahre alte Frau im Süden des Bundesstaates Oaxaca, die tagelang unter den Symptomen einer schweren Grippe gelitten hatte.
Da Mexiko zurzeit aber kein virologisches Laboratorium hat, in dem die verschiedenen Subtypen des Influenzavirus identifiziert werden könnten, wurde eine Speichelprobe der Erkrankten an das zum kanadischen Gesundheitsministerium gehörende Nationale Mikrobiologische Labor in Winnipeg (Provinz Manitoba) geschickt. Von dort kam dann Ende vergangener Woche die Nachricht, dass die Frau namens Mara Adela Gutierrez an dem bislang unbekannten Influenza-Subtyp erkrankt war. Sofort leitete die mexikanische Regierung erste Kontrollen ein.
Bereits Anfang April Atemwegserkrankungen
Mittlerweile ist jedoch bekanntgeworden, dass es in Mexiko schon vor Wochen, wenn nicht schon vor Monaten erste Fälle mit dieser Infektion gegeben hat. Zwischen Dezember und Anfang April litten in dem kleinen Ort Perote im ölreichen mexikanischen Bundesstaat Veracruz mindestens 500 Einwohner an einer Atemwegserkrankung, die von der örtlichen Gesundheitsbehörde als Lungenentzündung eingestuft wurde. Ende März erkrankte auch ein vier Jahre alter Junge daran. Ihm wurde eine Blutprobe entnommen, die ebenfalls in dem Laboratorium in Kanada untersucht wurde. Dabei stellte sich heraus, dass das inzwischen wieder genesene Kind ebenfalls mit dem neuen Virus infiziert war – womöglich der erste Fall überhaupt.
Ob auch die anderen Fälle von Lungenentzündung in Perote auf das Virus zurückgehen, kann nicht mehr festgestellt werden, denn außer dem Jungen war keinem Erkrankten eine Speichel- oder Blutprobe entnommen worden. Der Verdacht, dass es sich auch in den anderen Fällen um das neue, ursprünglich von Schweinen stammende Virus handelte, liegt allerdings nahe. In Perote betreibt das mexikanisch-amerikanische Gemeinschaftsunternehmen Granjas Carroll 16 Schweinemästereien und Zuchtbetriebe. Viele Einwohner des Ortes arbeiten in diesen Betrieben, die als mustergültig geführt gelten. Nach Werksangaben werden darin zurzeit etwa 56.000 Säue gehalten.
Bewohner protestierten gegen Granjas Carroll
Jetzt greifen Zeitungen das Thema Granjas Carroll neu und größer auf. Nach den Berichten, etwa in „Prensa Indigena“, hat es in Perote schon Mitte März Proteste gegen das Unternehmen gegeben. Von verschmutztem Wasser war die Rede und eben von den zahlreichen Atemwegserkrankungen, die auf die Schweinehaltung zurückgingen. Das Blatt zitiert namentlich genannte Bewohner Perotes, vor allem Bauern, die von Krankheitsfällen in der Familie oder bei Nachbarn berichteten. In allen Fällen hätten die Patienten hohes Fieber bekommen. Das Unternehmen aber habe Anfragen stets mit der schriftlichen Auskunft beschieden, es handele sich um eine simple Grippe. Anfang April dann demonstrierten Einwohner Perotes gegen Granjas Carroll. Sie trugen Plakate, auf denen mit einem X durchgestrichene Schweine zu sehen waren und die Aufschrift „Peligro“ – Gefahr. Das Unternehmen weist alle Berichte entschieden zurück. Die Mästereien und Zuchtbetriebe hätten mit dem neuen Virus nicht das mindeste zu tun.
Allerdings sind, so teilte die „Food and Agricultural Organization“ (FAO) der Vereinten Nationen jetzt in Rom mit, zurzeit aus Mexiko keine akuten Fälle von Influenza unter Schweinen bekannt. Juan Lubroth, der verantwortliche Veterinärmediziner bei der FAO, sagte, dass seine Organisation aber eine Gruppe von Fachleuten nach Mexiko schicken werde, um die Schweinefarmen des Landes zu inspizieren. Er wies auch darauf hin, dass die neue Virusvariante nicht erst kürzlich vom Schwein auf den Menschen übertragen worden sein muss. Das könne auch schon vor Jahren geschehen sein.
Der Gouverneur von Veracruz, Fidel Herrera, wandte sich gegen die Vermutung, in seinem Bundesstaat könne das Epizentrum der Epidemie liegen: „Die jetzige Grippe hat ihren Ursprung in Asien, in China.“ Sie sei von Reisenden nach Mexiko-Stadt eingeschleppt worden und habe nichts mit den Agrarunternehmen in dem Ort Perote zu tun.