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Pazifikinsel Pitcairn Anklage gegen die Nachfahren der Meuterer

01.10.2004 ·  Die Pazifikinsel Pitcairn hat nur 47 Bewohner und ist trotzdem weltberühmt. Denn hier landeten 1789 die Meuterer von der Bounty. Jetzt stehen auf der Insel mehrere Männer wegen Mißbrauchs vor Gericht.

Von Alexander Hofmann
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Eine größere Entfernung von der Zivilisation ist kaum denkbar. Mitten im größten Meer der Welt liegt die kleine Insel, zwei Kilometer breit, drei Kilometer lang, dicht bewachsen mit Palmen und hohen Nadelbäumen. Trotz ihrer Einsamkeit auf halbem Weg zwischen Neuseeland und Südamerika ist der Name der Insel Pitcairn berühmt, denn hier landeten 1789 die Meuterer von der Bounty.

In den Filmen über die Meuterei sind die Aufständischen meist als aufrechte Seemänner dargestellt worden, die sich gegen den unmenschlichen oder gar wahnsinnigen Kapitän William Bligh wehrten. Die Nachricht von der Meuterei und der abenteuerlichen Reise Blighs auf einem winzigen Boot bis ins heutige Malaysia sorgte damals für Schlagzeilen. Jetzt sind die Nachkommen der Meuterer wieder in den Zeitungen. Denn seit Donnerstag stehen sieben von ihnen auf ihrem winzigen Eiland vor Gericht.

Normalerweise nur 47 Bewohner

Seit Anfang der Woche befinden sich Richter, Ankläger, Verteidiger, Polizisten und Journalisten auf der letzten britischen Kolonie im Pazifik, die normalerweise nur von 47 Menschen bewohnt wird und auf der es nur vier verschiedene Familiennamen gibt. Die Angeklagten müssen sich wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung in 55 Fällen mit Kindern verantworten. Einige der mutmaßlichen Verbrechen geschahen vor vielen Jahren.

Zum Auftakt der Verfahren erhob eine Zeugin schwere Vorwürfe gegen den mitangeklagten Bürgermeister der Insel. Steve Christian, ein Nachkomme des damaligen Meuterei-Anführers Fletcher Christian, habe sie als Kind vier Mal zum Sex gezwungen, sagte die Frau nach Angaben von Radio New Zealand aus. Insgesamt werden ihm sechs Fälle von Vergewaltigung und vier Fälle unzüchtiger Handlungen zwischen 1964 und 1975 vorgeworfen.

In dieser Woche hatten mehrere Frauen die von ihnen sonst wenig geschätzten anwesenden Pressevertreter eingeladen, um die Vorwürfe gegen die Männer zu entkräften. Sex im Jugendalter sei eine polynesische Tradition, erklärten sie. Niemand sei gezwungen worden. Sex mit vorpubertären Kindern habe es nicht gegeben.

Jeder ist mit jedem verwandt

„Es hat nie eine Vergewaltigung auf der Insel gegeben“, sagte die Bewohnerin Carol Warren. „Ich war eines davon, ich hatte Sex mit 12. Ich wußte genau was ich tat, und ich wurde nicht dazu gezwungen.“ Einige Frauen haben inzwischen ihre Vorwürfe zurückgezogen. Fraglich bleibt, ob die Frauen das aus Überzeugung tun oder aus der Angst, daß im Falle einer Verurteilung der Hälfte aller männlichen Erwachsenen die winzige Kolonie nicht mehr überlebensfähig wäre.

Das Buch „Serpent in Paradise“ der britischen Journalistin Dea Birkett hatte vor sieben Jahren Licht auf die Verhältnisse auf der Insel geworfen. Demnach entwickelten die Bewohner mangels überlieferter westlicher Moralvorstellungen „untereinander Beziehungen, die anderswo als unakzeptabel angesehen würden“. So hätten sich zwei Schwestern einen Mann geteilt, Frauen hätten Kinder von mehreren Männern.

Minderjährige unterhielten laut Birkett Beziehungen zu älteren Männern, und Mütter seien nicht selten erst 15 Jahre alt. Unter anderem wurden die Ermittlungen zu dem Fall nun dadurch erschwert, daß jeder mit jedem verwandt ist. Die Untersuchungen begannen vor fünf Jahren, als eine der Inselfrauen einer britischen Polizistin berichtete, daß sie mißbraucht worden war.

Bevölkerung von 100 Menschen wäre nötig

Auf der Insel sind bereits sechs Gefängniszellen entstanden, gebaut von den Männern, die im Falle eines Schuldspruchs dort einsitzen müßten. Dieselben Männer waren es auch, die ihre Ankläger im Langboot durch die Brandung auf die Insel brachten. Mehrere Zeugen der Anklage sollen per Videokonferenz aus Neuseeland und Australien zugeschaltet werden. Vier weitere Beschuldigte leben in Neuseeland, zwei in Australien. Ihnen soll zu einem späteren Zeitpunkt der Prozeß gemacht werden.

Ein Antrag auf Aussetzung des Prozesses auf der Insel wegen Befangenheit des Richters wurde am Mittwoch abgelehnt. Bisher haben die Pitcairner überlebt, indem sie neben der Bewirtschaftung ihrer Insel und dem Fischfang mit dem Verkauf von Briefmarken und Kunsthandwerk die nötigen Devisen zum Ankauf von Treibstoff für ihren Stromgenerator sowie Maschinen und Werkzeuge erwirtschaftet haben.

Nach Schätzungen von Fachleuten wäre aber eine Bevölkerung von mindestens 100 Menschen nötig, um das kleine Gemeinwesen am Leben zu erhalten. Die meisten Pitcairner leben heute in Neuseeland oder auf der zu Australien gehörenden Norfolk-Insel. Vor allem junge Leute, die einmal die Vielfalt außerhalb ihrer winzigen Insel erlebt haben, kommen meist nicht mehr zurück. Pläne, einen Flughafen für Kleinflugzeuge zu bauen, sind bisher an Geldmangel gescheitert. Pitcairn kann nur per Schiff erreicht werden, hat aber keinen Hafen: Jeder Besucher muß mit dem Langboot abgeholt werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2004, Nr. 229 / Seite 7
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