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Pariser Modewoche Das Model als Monstrum

09.03.2010 ·  Viktor & Rolf machen bei den Prêt-à-porter-Schauen den Laufsteg zur Umkleidekabine: Die Designer ziehen ihre Models vor den Augen des Publikums aus und wieder an - und lenken damit von einer Mode ab, die ziemlich normal ist.

Von Anke Schipp
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Samstagnachmittag, Halbzeit bei den Pariser Prêt-à-porter-Schauen. Ein überfülltes Zelt am Rande des Jardin des Tuileries. Ein Model betritt den Laufsteg. Nein, ein Monstrum mit einem gigantischen Überbau. Mehr als ein Mantel. Ein Panzer! Sie wird flankiert von zwei Helfern. Es sind die Designer. Sie werden bleiben. Ganze lange zwanzig Minuten. Am Ende steht das Zelt kopf.

Die beiden Designer heißen Viktor Horsting und Rolf Snoeren. Als Viktor & Rolf sind sie seit gut einem Jahrzehnt dafür zuständig, Paris mit ungewöhnlichen, manchmal surrealen, manchmal unterhaltsamen Shows und Kollektionen zu überraschen. Sie haben ihren Models Kissen an den Hals montiert oder Hirschgeweihe auf den Kopf gepflanzt. Sie haben Musiker auftreten lassen und Pianos auf den Laufsteg gestellt, den sie am Ende jeder Show stets ungerührt wie Gilbert & George betraten, um sich kurz zu verbeugen.

Quälend langsames Ritual

Mit diesen Auftritten und Kollektionen hatten sie sich schnell den Ruf der Avantgardisten erarbeitet. Aber es ist ein Ruf, der gefährdet ist, seit sich ihre Marke immer mehr zum etablierten Modehaus entwickelt, das Parfums auf den Markt bringt und Flagship Stores eröffnet. 2008 erwarb der Diesel-Gründer Renzo Rosso eine Mehrheitsbeteiligung an Viktor & Rolf. Seitdem ist zu befürchten: Die beiden Holländer werden womöglich kommerziell. Oder normal, was im Grenzgebiet von Laufstegschau und Theaterperformance als Todesurteil zu verstehen ist.

Man könnte es auch so interpretieren: Diese Ängste wollen sie ihrem Publikum mit der Präsentation ihrer Herbst- und Winterkollektion unbedingt nehmen. In einem manchmal quälend langsamen Ritual entkleiden sie das Model Stück für Stück und ziehen die Kleider, Mäntel und Jacken den vorbeilaufenden Models an. Bis Kristen McMenamy, das Topmodel aus den neunziger Jahren, nur noch im Badeanzug dasteht und aus dem Monstrum ein dünnes, verletzliches Geschöpf geworden ist.

Prinzip der russischen Matrjoschka

Neue Models rücken an - und McMenamy wird Stück für Stück wieder angezogen. Es ist ein seltsames Ritual mit voyeuristischen Elementen. Man sieht die Aufregung der Designer, man sieht, wie sie hakende Reißverschlüsse hochziehen, die Frisur wieder richten, Schleifen zusammenbinden. Man sieht, wie aus einem Kleid plötzlich ein Mantel wird. Und aus dem Kleid mit einem wulstigen, mehrmals gefalteten Tüllrock ein gigantischer Kragen - das spektakuläre Schlussbild der Schau. Zum Applaus erheben sich die Besucher. Das gibt es selten in Paris.

Am Ende, das merkt man, als man die beiden mit geröteten Wangen backstage trifft, scheinen Horsting und Snoeren physisch und mental am Ende. „Wir können im Moment nichts dazu sagen“, flüstern sie atemlos und nehmen mechanisch die Gratulationen entgegen. Es war ein Kraftakt, mit dem sie bewiesen, dass sie noch wissen, wie Avantgarde funktioniert. Später stellt sich heraus, dass sie das Prinzip der russischen Matrjoschka vor elf Jahren schon einmal inszenierten, damals für die Haute Couture. Erst beim Rausgehen stellt man sich die Frage, wie eigentlich die Mode war. Alles in allem ziemlich normal.

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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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