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Sperrung des Seine-Ufers : Paris wird entschleunigt

Oben staut sich der Verkehr, unten darf er nicht fahren: Die Straße am rechten Ufer der Seine – im Hintergrund der Pont Neuf – ist für Autos gesperrt. Bild: Helmut Fricke

Ob die französische Hauptstadt will oder nicht: Bürgermeisterin Anne Hidalgo träumt von einer verkehrsberuhigten Kapitale und schließt das rechte Seine-Ufer für den Verkehr. Die Pendler stehen jetzt noch öfter im Stau.

          „Die Franzosen haben ein magisches Verhältnis zum Auto“, schwärmte Premierminister Manuel Valls und tätschelte zärtlich den Lack eines futuristischen Fahrzeugs bei der Automesse „Mondial de l’Auto“. Valls’ Parteifreundin Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, denkt da anders. Sie würdigte die große Automobilshow an der Porte de Versailles keines Besuches, auch wenn die Messe bis zum 16. Oktober viel Gäste und Geld in die Hauptstadt bringt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Madame la Maire“ träumt von einer verkehrsberuhigten Kapitale, in der Fußgänger und Radfahrer König sind. Ihrem Ziel ist sie jetzt 3,3 Kilometer näher gekommen. So lang ist das Straßenstück am rechten Ufer des Seine-Flusses, das für den Autoverkehr gesperrt wurde. Zunächst nur probehalber für sechs Monate gilt das Fahrverbot auf einem Teil der Voie Georges Pompidou zwischen dem Tunnel der Tuilerien und dem Bassin de l’Arsenal. Der Name der Schnellstraße weist in die Ära zurück, als Paris noch keinen Bürgermeister hatte (bis 1977) und Verkehrspolitik für die umliegenden Kommunen betrieb. Premierminister Georges Pompidou frönte damals der Devise „Die Stadt muss sich dem Auto anpassen“.

          Der Autonarr und Kunstsammler brauchte bei der „Jungfernfahrt“ am Steuer seines Porsche auf der zweispurigen Schnellstraße am 22. Dezember 1967 gerade mal 13 Minuten, um die Stadt von Westen nach Osten zu durchqueren. Fotos zeigen den späteren Präsidenten zur Einweihung der Expressverbindung mit Zigarette im Mundwinkel in seinem Sportwagen. Es war ganz im Geist der fortschrittsbegeisterten Epoche, den Autofahrern bei ihrer Fahrt eine erhabene Stadtkulisse – mit Justizpalast, Sainte-Chapelle und den Türmen von Notre-Dame – bieten zu können. Schon damals gab es auch Proteste, die Autobahn durch das historische Paris verschandele das Stadtbild. 1991 erhob die Unesco das Seine-Ufer zum Weltkulturerbe – die Schnellstraße aber blieb.

          Hidalgo beschwor „einen historischen Entscheid“

          Präsident François Mitterrand sinnierte nach einem Spaziergang zur Kathedrale Notre-Dame, er müsse beim Blick auf die rasenden Autos auf der Uferstraße unweigerlich an den Dichter Victor Hugo denken: „Tempus edax, homo edacior“. Die Zeit sei zerstörerisch, der Mensch sei es aber noch mehr, zitierte der belesene sozialistische Präsident aus dem „Glöckner von Notre-Dame“. Richtig beliebt wurde die Expressverbindung vor allem bei Pendlern und Lieferanten aus der Banlieue. In die Schlagzeilen kam die Voie Georges Pompidou, als Ende August 1997 die vor den Paparazzi fliehende Prinzessin Diana in dem Tunnel des Pont de l’Alma ihren tödlichen Unfall hatte.

          Seit 2002 verdiente die Schnellstraße in den Sommermonaten ihren Namen nicht mehr. Stattdessen sonnten sich auf dem von einer dicken Sandschicht bedeckten Asphalt die daheimgebliebenen Hauptstadtbewohner und Touristen am Strand von „Paris-Plages“. Die Palmen der diesjährigen Sommerfrische am Wasser hat Bürgermeisterin Hidalgo gleich stehen lassen. Sie glaubt, dass die Entschleunigung unumkehrbar ist und das Fahrverbot nach der sechsmonatigen Testphase bestehen bleiben wird.

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