09.09.2006 · Papst Benedikt XVI. wird an diesem Samstag in München zu einem sechstägigen Besuch in seiner Heimat erwartet. Der Vatikan nennt den Besuch offiziell „Apostolische Reise“. Zu den Höhepunkten zählen zwei Papstmessen.
Von Heinz-Joachim FischerHeimaturlaub nimmt sich Papst Benedikt XVI., wenn er an diesem Samstag seine Sommerresidenz in Castel Gandolfo verläßt und nach Norden über die Alpen in sein geliebtes Bayern fliegt. „Apostolische Reise“ nennt es offiziell der Vatikan und gibt als Ziel nicht Deutschland an, nicht den Freistaat Bayern, sondern die Landeshauptstadt München, den Wallfahrtsort Altötting und die Universitätsstadt Regensburg (mit dem Häuschen des Professors Dr. theol. Joseph Ratzinger im Vorort Pentling und dem seines älteren Bruders Georg). Die große Glocke „Heimat“ soll ihn die sechs Tage mit ihrem Geläut begleiten.
Wenn der Wirbel um den deutschen Papst, die obligaten Sicherheitsmaßnahmen und der Medienrummel nicht zu gründlich übertrieben werden, wird sich Benedikt an den Zwillingstürmen des Münchner Liebfrauendoms, an den Wiesen, Wäldern und Dörfern Oberbayerns mit ihren Zwiebelkirchtürmen und am Menschlichen in Regensburg erfreuen können.
Begrüßungsparade
Doch Joseph Ratzinger wäre nicht der weise Intellektuelle als Papst, mit einer gewissen Portion kluger List, wenn er mit der Beschränkung auf die Heimat nicht einen Plan, ein Programm dieser Reise verbände. In die Bilder aus Bayern soll sich zum Beispiel nichts „Preußisches“ drängen. Deshalb hat Benedikt alle Versuche, ihn in die Hauptstadt Berlin zum offiziellen Staatsbesuch zu locken, mit Begrüßungsparade und der einschüchternden Kulisse von Reichstag und Kanzleramt, auch auf mehrmaliges Drängen hin, von kirchlicher und staatlicher Seite, abgeschmettert (Siehe auch: Erinnerungen: Die Bändigung des Papstrummels).
Der deutsche Papst, der Anfang Juni in die Konzentrationslager von Auschwitz ging und an der Stätte der schlimmsten deutschen Verbrechen sich dazu bekannte, mit allen Konsequenzen „ein Sohn des deutschen Volkes“ zu sein, der im August 2005 in Köln die katholische Weltjugend traf, vermeidet das ihm Fremde. Aber der Welt, die bei jeder Papstreise mit einer Vertretung von internationalen Journalisten dabei ist, sollen Bilder des bayerischen Deutschland gezeigt werden und - des Katholischen dort. So wie die früheren Bundeskanzler ihr Hamburger Reihenhaus oder Oggersheim-Ludwigshafen den Großen dieser Welt zeigten, führt Benedikt sein „Daheim“ vor. Etwas neugierig darf man also darauf sein, wie es ein am 16. April 1927 in dem kleinen Ort Marktl am Inn Geborener - nicht weit davon liegt auf der österreichischen Seite des Flusses das Städtchen Braunau, der Geburtsort Adolf Hitlers (am 20. April 1889) - zum Oberhaupt einer Weltkirche gebracht hat. Vor zehn Jahren beschrieb Joseph Kardinal Ratzinger selbst diese Heimat in einem knapp 200 Seiten schmalen Buch: „Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977)“.
Stiller Lebensraum der deutschen Provinz
Es ist die Beschreibung eines stillen Lebensraumes der deutschen Provinz - ganz ohne jenes Derb-Bayerische, das dem Kind, dem Studenten, dem jungen Priester, Professor und Erzbischof immer fremd war und blieb, wohl aber mit Dekorativ-Bayerischem versehen, mit Freude an Festen und Traditionen, mit Anhänglichkeit an Bewährtes. Liebevoll zeichnet der Kardinal diese kleine Welt, die „in einer festen Symbiose mit dem Glauben der Kirche zusammengefügt war“. So bestimmend war diese Verflechtung, und der junge Joseph fühlte sich darin so sicher-wohl, daß er zeit seines Theologenlebens bis heute eigentlich nur diese Symbiose zwischen Menschenleben und christlichem Glauben im Einklang mit der Kirche als Leitmotiv seiner Existenz darzulegen versucht. Da machte man sich keine skeptischen Gedanken über den Sinn eines Marienbildes, sondern wallfahrte gern nach Altötting, war mit Freude katholisch.
Joseph Ratzinger machte freilich auch die Erfahrung, daß finstere Mächte diese Idylle immer wieder bedrohen und stören. So, als der Vater, ein Gendarm, der oft versetzt wird und die Familie zur Wanderschaft zwingt, „immer wieder gegen die Gewalttätigkeit der Nazis einschreiten mußte“. Was schließlich damit endet, daß „eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewann, so daß unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und mißbraucht werden konnte“, so Benedikt in Auschwitz.
„Drama der Habilitation“
Das Drehbuch für den Heimaturlaub hat Benedikt mit diesen „Erinnerungen“ schon geschrieben: Was den heutigen Papst mit Marktl am Inn und Altötting verbindet, wie er die Gymnasiallehre in Traunstein erlebte, wie Kriegsdienst (als Flakhelfer) und Gefangenschaft, das Seminar zu Freising, das Studium der Theologie in München, danach Priesterweihe (1951), Seelsorge und Promotion, das „Drama der Habilitation“ - die Schrift wird zuerst abgelehnt - und die Freisinger Dozentenjahre (1954 bis 1959) auf dem dortigen Domberg - noch ohne Aussicht auf den heutigen Großflughafen, von dem er am Donnerstag zurückfliegt -, dann schließlich, 1969, nach den Zwischenprofessuren in Bonn, Münster und Tübingen, die Rückkehr nach Bayern, an die Universität in Regensburg. „Wir (zusammen mit dem Bruder Georg und der Schwester Maria) waren wieder daheim“, heißt es.
Was nicht zur „Heimat“ gehört, örtlich, religiös und theologisch, wurde und wird nur am Rand wahrgenommen, wird kürzer behandelt. Wenn immer dabei die Liebe zum „Vor-Konziliaren“ durchscheint, zur Gestalt des Kirchlichen vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), so ist das feste Absicht. Der Theologe Ratzinger geht dabei allerdings keinen Schritt hinter das Konzil zurück; dessen Öffnungen, Erweiterungen und Bereicherungen finden sich in seinen theologischen Schriften wie bei keinem anderen der Gegenwart. Dazu hat er selbst ein wenig als Berater des Kölner Kardinal-Erzbischofs Frings beigetragen, ohne Reue. Aber über die Interpretationen des Konzils im Hauptstrom des Zeitgeistes in der „post-konziliaren“ Kirche schweigt sich der Autor und Papst gern aus. In den „Erinnerungen“ etwa verliert er über das Großereignis des deutschen Katholizismus jener Jahre, die „Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ (1971 bis 1975) in Würzburg, kein Wort. Nicht nur, weil er bei einer Wahl dort durchfiel, sondern, wie man inzwischen zur Genüge weiß, weil ihm die ganze Richtung ins Unterwesentliche, ins theologisch Zukunftslose zu führen schien.
Die Zukunft der Kirche, auch in Deutschland, sieht Benedikt in einer Rehabilitation, in einer Wiederentdeckung des bewährten Katholischen, das während des Konzils, zu Recht und überfällig, geöffnet, erweitert, bereichert, doch in den Jahren danach vergessen, abgebrochen, verschüttet wurde. Die Unterscheidung in „vor“- und „post-konziliar“ hat für den Papst wenig Sinn mehr. Oder nur polemischen, gegen den er sich im vergangenen Dezember in einer programmatischen Rede wandte, als Befürworter der Kontinuität, nicht des Bruchs. Das Ganze des Katholischen ist ihm theologische Heimat. Dies in einem kleinen, doch gültigen Fragment in den nächsten Tagen aufscheinen zu lassen ist Benedikt ein Bedürfnis, ein Schritt zum Glück, für sich und vielleicht andere. Die Bilder davon sollen noch mehr als die Worte einleuchten.