19.08.2005 · „Die Verfolgung der Juden durch das Hitlersche Regime und die Zerstörung ihrer Kultstätten sind die vielleicht schlimmste Kulturschande unseres Jahrhunderts.“ In der Geschichte der Kölner Synagoge spiegelt sich die Geschichte der deutschen Juden zwischen Verfolgung und Toleranz.
Von Daniel DeckersErstmals betritt an diesem Freitag ein Papst auf deutschem Boden eine Synagoge. Daß dieser Papst der aus Deutschland stammende Benedikt XVI. ist, verleiht dem Ereignis eine Dimension, die über das von Belastungen nicht freie Verhältnis von katholischer Kirche und Judentum hinausweist. Denn das Ende jener Zeit, in der die Kölner Synagogen in Flammen aufgingen und die Kölner Juden nahezu ausgerottet wurden, liegt in diesem Jahr genau sechzig Jahre zurück.
"Die Verfolgung der Juden durch das Hitlersche Regime und die Zerstörung ihrer Kultstätten sind die vielleicht schlimmste Kulturschande unseres Jahrhunderts." Mit diesem Satz beginnt ein kurzes Grußwort des Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings vom 1. September 1959, das in der Festschrift zur Einweihung der wiedererrichteten Synagoge in der Roonstraße zu Köln den Platz gleich hinter dem Grußwort von Bundeskanzler Adenauer einnimmt - vor dem Text des evangelischen Superintendenten Encke und dem Grußwort des Leiters der Israel-Mission.
Das Wagnis, es auszusprechen
Elftausend Opfer beklagte die jüdische Gemeinde am Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Rabbiner Zwi Asaria, der 1959 den Einweihungsgottesdienst leitete, hatte alle Angehörigen - Eltern, Schwestern, Bruder und deren Kinder - verloren, sie waren von der SS ermordet worden. "Den einzigen Trost für das Unfaßbare, wenn wir das Wagnis auf uns nehmen, es auszusprechen, erblicken wir, als Gnade Gottes, in der Errichtung des Staates Israel", schrieb der Rabbi damals. Unter dem Eindruck von etwas Unfaßbarem, fast Unsagbarem, formulierte auch Kardinal Frings: "Es ist sehr zu begrüßen, daß das deutsche Volk gutzumachen sucht, was noch gutzumachen ist. Der Makel, zu solchen Greueltaten fähig gewesen zu sein, ist nicht ganz wegzuwischen." Doch nicht weniger standen die Kölner Juden Ende der fünfziger Jahre unter dem Eindruck des Neuanfangs in einer Stadt, die ihnen seit der Antike Heimat war. Unter den Römern waren sie wahrscheinlich schon im ersten Jahrhundert an den Rhein gekommen: kurz nach der Gründung der Stadt, lange vor den ersten Christen. Ein Schreiben Kaiser Konstantins an die Ratsherren der Stadt Köln aus dem Jahr 321 ist der schriftliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Sein Inhalt: Juden dürften in den Kölner Stadtrat berufen werden.
Im Mittelalter wechselten Zeiten der Verfolgung mit oft wirtschaftlich motivierter Toleranz. Als Kaufleute trugen die Juden dazu bei, daß Köln zu der bedeutendsten Handelsstadt nördlich der Alpen wurde, sie waren Bürger und konnten Grundbesitz erwerben - und mehrten durch hohe Aufnahme- und Schutzgelder den Reichtum von Stadt und Erzbischof, unter dessen Schutz sie lange Zeit standen. Gleichwohl wurde ihre Synagoge im 11. Jahrhundert, während des ersten Kreuzzugs, zum ersten Mal zerstört. Nach dem Ausbruch der Pestepidemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die Synagoge zum zweiten Mal zerstört und mit ihr das ganze jüdische Viertel. Nur wenige Juden überlebten die Raserei des Kölner Pöbels. Bald wurden wieder Juden aufgenommen, eine neue Synagoge wurde gebaut. 1424 wurden die Juden von der Bürgerschaft aus der Stadt vertrieben. Bürgerschaft und Erzbischof hatten sich über das Recht an den Juden zerstritten. Diesmal kamen die Juden nach fast vier Jahrhunderten zurück. Napoleon ermöglichte ihnen die Rückkehr an den Rhein. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, zählte man in Köln etwa 15.000 Juden. 1939 waren es noch etwa 9000. Als die Amerikaner die völlig zerstörte Stadt im April 1945 einnahmen, kamen aus weitem Umkreis fünfzig, vielleicht sechzig zusammen.
„Das wird so aufgebaut, wie es war“
An diese Jahre dachte Adenauer, als er 1959 sein Grußwort schrieb: eben nicht nur als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch als ehemaliger katholischer Zentrumspolitiker und Oberbürgermeister von Köln. 1933 hatten ihn Nationalsozialisten unter anderem mit dem Vorwurf aus dem Amt gejagt, er stehe sich gut mit den Juden. Im Frühjahr 1945 - die Amerikaner hatten Adenauer wieder in sein altes Amt eingesetzt, die Briten ihn noch nicht wieder abgesetzt - hatte er sich zusammen mit der Kölner Synagogen-Gemeinde darum gekümmert, die Kölner Juden aus den Konzentrationslagern Theresienstadt, Buchenwald und Dachau in ihre Heimat zurückzuholen.
Die große Synagoge, 1899 eingeweiht, mit ihren 800 Sitzplätzen für Männer, 600 für Frauen und einer Orgel, während fast vier Jahrzehnten das Zentrum des liberalen Kölner Judentums, lag nach den Zerstörungen des Novemberpogroms 1938 und dem Bombenkrieg in Trümmern. Ein Wiederaufbau einer Synagoge dieser Größe kam der kleinen Gemeinde nach dem Krieg nicht in den Sinn. Sie wollte das Grundstück an eine Theatergesellschaft verkaufen, denn es gab kein Theater mehr in Köln. "Wer prompt dagegen war, das war Adenauer", erinnerte sich vor einigen Jahren Helmut Goldschmidt, der jüngst verstorbene Architekt des Wiederaufbaus: "Nein, das wird wieder so aufgebaut, wie es war, das gehört zum Kölner Stadtbild, und ich möchte, daß das so wieder aufgebaut wird." Und die Bundesregierung bezahlte.
Auch Christen beider Konfessionen bemühten sich in den Nachkriegsjahren nach Kräften, den Juden Köln wieder zur Heimat werden zu lassen. 1958 wurde die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ins Leben gerufen. Ministerpräsident Johannes Rau sagte 1998, die Männer und Frauen, die sich in dieser Gesellschaft zusammengefunden hätten, hätten oftmals die Rolle wahrgenommen, "das Gewissen der Stadt" zu sein.
Gebraucht wird es bis heute. Denn aus der mehr oder weniger uniformen Gemeinde, die am Vorabend des Falls der Mauer gut tausend Mitglieder zählte, ist mittlerweile eine vielfältige, durch den Zuzug aus Rußland auf fast fünftausend Personen angewachsene Gemeinde geworden. Daß es so kommen könnte, war nicht zu ahnen, als in Gestalt von Johannes Paul II. 1980 zum ersten Mal seit dem späten 18. Jahrhundert wieder ein Papst Deutschland besuchte. Damals traf er im Mainzer Dommuseum mit Vertretern der Juden zusammen. 1987, vor seinem zweiten Deutschland-Besuch, hatte Johannes Paul II. schon die Synagoge in Rom besucht. Das Treffen mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland fand wieder an neutralem Ort statt, im Erzbischöflichen Haus von Kardinal Höffner. Zum dritten und letzten Mal kam Johannes Paul II. im Juni 1996 mit Repräsentanten der Juden in Deutschland zusammen. Die Begegnung fand in Berlin statt, aber wiederum nicht in der Synagoge, sondern im Bernhard-Lichtenberg-Haus, das in seinem Namen an einen Berliner Priester erinnert, der zur Zeit des Nationalsozialismus öffentlich gegen die Judenverfolgung protestiert hatte und 1943 auf dem Transport in das KZ Dachau starb.
Nun besucht Benedikt XVI., seit Jahrhunderten der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri, eine jüdische Gemeinde. 1945 war sie von Überlebenden neugegründet worden, die - wie Rabbi Asaria es festgehalten hat - in den Nächten der KZ mühsam den Kölner Dom an die grauen Wände ihrer Baracken gezeichnet hatten, "als Symbol ihres Heimwehs und ihrer Anhänglichkeit an ihre Vaterstadt Köln".
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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