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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Papst Benedikt XVI. Verteidiger des Guten

15.04.2007 ·  Seit fast zwei Jahren ist Benedikt XVI. nun im Amt. An diesem Montag wird der Papst 80. Nach den Gepflogenheiten im Vatikan sollte um beides nicht viel Aufheben gemacht werden. Dennoch wird in dieser Woche in Rom gefeiert.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Die Jahrestage fallen fast zusammen. An diesem Montag vollendet Joseph Ratzinger sein 80. Lebensjahr, am kommenden Donnerstag wird er als Papst Benedikt XVI. zwei Jahre im Amt sein. Nach vatikanischen Gepflogenheiten sollte von beidem nicht viel Aufhebens gemacht werden. Denn es ist alter katholischer Brauch, am Namenstag zu feiern, dem Fest des namengebenden Heiligenpatrons, oder gar am Tauftag. Denn nicht das beschwerliche Hinausgezerre aus dem Mutterschoß in die sündige Welt bei der Geburt sei zu preisen (so schärften die Kirchenväter früher ein), sondern die Umwandlung des unerlösten Menschleins in ein tapferes, dem Bösen widerstehendes Christenkind in der Taufe.

Die Angestellten im Vatikanstaat werden daher gewöhnlich am Namenstag des Papstes - am 19. März, dem Josefstag - mit einem arbeitsfreien Tag belohnt. Doch zum Achtzigsten des Papstes - Mitglieder der Kurie müssen an solch einem Geburtstag den Dienst quittieren - erhalten sie eine Gratifikation von 500 Euro. Ob vom Zwergstaat der Vatikanstadt oder aus der Privatschatulle Seiner Heiligkeit, die von fleißigem Bücherschreiben gut gefüllt scheint, ist Joseph Ratzinger gleichgültig. An finanziellen Dingen ist er nicht interessiert.

Benedikt XVI. als Meister des flüssigen Wortes

Zwei Jahre Pontifikat wiederum - ob „glücklich regiert“, wie die hundertfach in Rom in Stein gemeißelte Formel „feliciter regnante“ besagt, oder nicht - würden gewöhnlich noch keine verlässliche Bilanz rechtfertigen. Oder vielleicht doch, weil Benedikt in den 24 Monaten seiner Amtszeit sich auf sein Eigenes, das ihm Wesentliche konzentriert hat. Nach dem 27 Jahre währenden Pontifikat seines „geliebten“ Vorgängers Johannes Paul II. verlangsamte er den schnellen Rhythmus des Kirchenregiments, drosselte die Häufigkeit der Audienzen, die rasche Aufeinanderfolge von Ereignissen und Entscheidungen, verminderte die Zahl der Reisen und Reden, passte gleichsam alles dem langen Atem der Kirchengeschichte an - und, wie er gern auf die Frage nach seinem Befinden antwortet, dem kürzeren eines geistlichen Herrn an der Schwelle zum neunten Lebensjahrzehnt.

Als Geburtstagsgeschenk schrieb Benedikt sich und der Welt ein Buch: „Jesus von Nazareth“. Am Freitag wurde es vorgestellt und liegt an diesem Montag in den Weltsprachen - Deutsch im Original - vor. Johannes Paul II. hingegen, auch er ein Meister des flüssigen Wortes, empfing vor seinem Achtzigsten noch die Tankwarte der italienischen Agip-Gesellschaft in gesonderter Privataudienz. Zur Begegnung mit Menschen konnte Johannes Paul II. selbst in seinem hinfälligen Zustand während der letzten Jahre nie nein sagen. Benedikt kann nein sagen.

Festmahl in der prächtigen Halle der Sala Regia

Aber gefeiert wird. Es heißt, der Papst aus Bayern habe sich dem Ansinnen nicht verschließen können, obwohl Nichtbeachtung seiner persönlichen Bescheidenheit entgegengekommen wäre. Andererseits lässt Benedikt, verjüngter denn je, sich ganz gern feiern; getreu der Tradition seiner Heimat, nicht nur der eigenen Ehre wegen, sondern auch zur Freude der andern. So wie er bei seinem Siebzigsten, in einem schönen Ristorante hoch über der Ewigen Stadt, verstohlen danach Ausschau hielt, ob er wohl auch wie andere Gäste eine Geburtstagstorte nach dem Essen erhalten würde. Weil man die ja nicht alleine isst, sondern teilt. Er bekam.

So lädt er an diesem Montagmittag in die prächtige Halle der Sala Regia im Apostolischen Palast die in Rom anwesenden Kardinäle zu einem Festmahl ein. Am Abend gibt in der großen Audienzhalle links von Sankt Peter das SWR-Sinfonieorchester aus Stuttgart ein Konzert. „Unbedingt ein Stück von Mozart“ war der päpstliche Wunsch. Das Pontifikalamt am Vortag, am Weißen Sonntag, auf dem Petersplatz „für das Bistum und die Stadt Rom“ hätte Benedikt wohl so oder so zelebriert.

Von wegen „Panzerkardinal“ oder „Rottweiler Gottes“

Vor allem aber kann über die ersten beiden Jahre des Pontifikats eine vorläufige Bilanz gezogen werden, weil Joseph Ratzinger als Papst weiterführt, was er als Theologe, als Professor, als Erzbischof von München und Freising (1977 bis 1981) und als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre (1982 bis 2005) gedacht und gepredigt, analysiert und geschrieben, deduziert und dekretiert hat. Bewahrt hat er auch die Fähigkeit, durch überzeugende Argumente zu lernen und Fehler als Anlass zu nehmen, sich zu verbessern.

Als der Kardinaldekan Ratzinger am 19. April 2005 in einem nur zwei Tage dauernden Konklave von den Kardinälen mit mehr als Zweidrittelmehrheit zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, musste er so nur umschalten, vom Glaubenswächter zum Glaubensträger. Oder vielmehr, er wurde umgeschaltet, von der Begeisterung der Menge auf dem Petersplatz, von der Herzlichkeit der Römer, die ihn schon als Kardinalspräfekten mit den schönen weißen Haaren adoptiert hatten und als Papst nicht mehr hergaben. Benedikt freute sich mit der ihm eigenen feinen Ironie darüber, wie viele Katholiken - gerade in Deutschland - und andere Christen plötzlich entdeckten, wie nett der „Panzerkardinal“ sein konnte, wie gut (nach der unfeinen englischen Boulevardart) „der Rottweiler Gottes“ seine Sache als Papst machte.

Von Realität des sündigen Jammertales weiter entfernt

Das Faszinierende des Papstes ist die klare Würde seiner Person, etwa bei der feierlichen Liturgie, und die Verständlichkeit, mit der er die Wahrheit seines christlichen Glaubens darzulegen versteht. Als Flakhelfer hatte der Achtzehnjährige bei Kriegsende 1945 die Lektion erhalten, dass die totale Selbstbestimmung des Menschen ohne Gott, die Selbstverherrlichung des Eigenen, der Rasse, des Volkes, des Ego in Trümmern endet. Dagegen waren dem jungen Ratzinger die Kräfte seiner Familie, die Erziehung im Christlichen, die Bindungen an die bayerische Heimat mit alten Traditionen, die Herkunft aus dem Katholischen gegeben.

Im Studium saugte der Begabte mit einem phänomenalen Gedächtnis die Weisheit des Christentums aus zwei Jahrtausenden in sich auf. Die Schatten der christlichen Geschichte interessierten ihn wenig; er wollte gegen die Niedertracht des Bösen in der Welt das Gute verteidigen. Von der Fülle und den Abgründen des Lebens, von der Farbigkeit und Vielfalt des Menschlichen, von den wahren Errungenschaften des Fortschritts in den verschiedenen Welten und Kulturen hat Joseph Ratzinger nach seiner Jugend nicht mehr viel mitbekommen. Das ist vielleicht auch nicht so wichtig. Es betrifft vor allem schmerzhaft jene Katholiken, die von ihrer Kirche innere Reformen, die Lösung persönlicher Probleme und die Erfüllung wichtiger Wünsche erhoffen. Von der Realität des sündigen Jammertales der Erde immer weiter entfernt, wurde Joseph Ratzinger umso heimischer in seiner Glaubenswelt, und davon bringt er Kunde.

Eine „Interpretation von Kontinuität“ verwirklichen

Als Student und Professor der Theologie lernte der immer Gelehrtere auch bald, dass die römische Schultheologie, wie sie an den kirchlichen Seminaren und Hochschulen in den fünfziger Jahren gelehrt und von den Kurienkardinälen den Katholiken in aller Welt auferlegt wurde, im Vergleich mit dem Gesamt der katholischen Weisheit eng und erstarrt war. Also arbeitete Ratzinger wie die etwas älteren großen katholischen Theologen daran, die Schönheit des ihm vertraut Katholischen, des, wie manche später etwas abfällig sagten, „Vorkonziliaren“, mit seinen neuen Einsichten in die theologischen Schätze der Kirchenväter der ersten Jahrhunderte (eines Augustinus etwa) und der Kirchenlehrer des Mittelalters (Bonaventura) zu verbinden. Das machte Eindruck, zum Beispiel auf den alten Kölner Kardinal-Erzbischof Joseph Frings, und wurde das Programm des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965). Nicht des theologischen „Teenagers“ Ratzinger wegen, sondern, weil eine Kulturreform des Katholischen anstand.

Das „Vorkonziliare plus Konzil“ ist für Ratzinger-Benedikt aber etwas ganz anderes, als die „Post-Konziliaren“ aus dem Zweiten Vatikanum gemacht haben. Nicht in die Zeit vor dem Konzil will Benedikt zurück, wie er im Dezember 2005 in einer programmatischen Rede vor Kurienkardinälen ausführte, sondern die wahren Absichten der Bischofsversammlung von damals in einer „Interpretation von Kontinuität“ aufnehmen und verwirklichen. Das gilt für Lehre wie für Disziplin. Nicht eine weiche Dogmatik, nicht eine sanfte Moral habe die Kirche zu vertreten, sondern ihre Weisheit von zwei Jahrtausenden, die Einsichten in das Ewig-Menschliche, unabhängig vom schnell wechselnden Zeitgeist.

Keine Bestätigung eines religiösen Pessimismus

Mit dem Konzil im Rücken hat Benedikt auch wenig Schwierigkeiten, die Beziehungen zu „den anderen“, zu Protestanten und Orthodoxen, zu Muslimen und Juden in aufrichtigem Dialog zu gestalten, aber eben ganz katholisch, souverän, ein freundlicher Fels Petri. Da sieht sich Benedikt nicht als Reaktionär oder als Vorkämpfer einer Restauration von längst Vergangenem, sondern als Kirchenlehrer einer bruchlosen Tradition. Und das weiß er theologisch zu begründen und einfühlsam zu beschreiben.

Den „Progressiven“, dem linken Flügel der Katholiken, schiebt er die Beweislast des Besseren zu, und bis zum Beweis des Gegenteils bleibt er ein intellektueller Kritiker der modernen Gesellschaft aus dem Geist von „68“. Die Skepsis gegenüber der modernen, von Gott entfremdeten Gesellschaft, dem Zeitgeist ohne die Milderung durch Moral und Religion zieht sich indes nicht säuerlich durch seine Schriften. Die Probleme der Menschheit - erst zu Ostern lieferte er eine lange Liste ihrer Beschwernisse und Konflikte - bei gleichzeitiger Behauptung unaufhörlichen Fortschritts sind ihm nicht Bestätigung eines religiösen Pessimismus, sondern, fundamentaltheologisch, der Ansatz dafür, dass Mensch und Welt erlöst werden müssen. Nichts anderes ist die frohe Grundbotschaft des Christlichen.

Grundausrichtung der katholischen Kirche bestimmen

Nur darin hat sich der Theologe Ratzinger geändert: Der Optimismus der Konzilsjahre ist verflogen und hat einer nüchternen Sicht der Moderne Platz gemacht. Das erklärt zudem, warum die Kirche mit ihrer Botschaft gegen die trotzige Selbstgewissheit der säkularen Gesellschaft nicht so ankommt, wie es die Konzilsväter einst erwarteten. Diese Analyse der Schwierigkeiten für die Kirche und des Misserfolges ihrer Mission war es auch, die Kardinäle und Bischöfe für den Kardinal Ratzinger immer mehr einnahmen - trotz seiner Strenge. Letztlich gab sie den Ausschlag für seine rasche Wahl zum Papst in hohem Alter.

Das wird auch weiter die Grundausrichtung der katholischen Kirche bestimmen: ein kritisches Verhältnis zur Welt, nicht aus religiösem Fundamentalismus, sondern aus Vernünftigkeit, aus der Vernunftgemäßheit des christlichen Gottes. Benedikt hat in seiner Regensburger Vorlesung im vergangenen September dafür einen Grundriss gezeichnet. Mehr aus Versehen - aus Professorentreue zum vollständigen Zitat - geriet er in Konflikt mit eifernden Muslimen, die leicht zu beleidigen sind. Das war nicht die päpstliche Absicht und wurde nachdrücklich korrigiert. Aber sehr wohl wollte der Papst eine außerordentlich wichtige Anfrage an die Muslime nach ihrem Gott richten. Während von islamischer Seite gültige verbindliche Antworten noch ausstehen, versucht Benedikt, diese Antworten Woche für Woche bei seinen Ansprachen zu geben. Und immer mehr hören zu.

Quelle: F.A.Z., 16.04.2007, Nr. 88 / Seite 10
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