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Oscar Pistorius Vom „Blade Runner“ zum „Blade Gunner“

 ·  Die Staatsanwaltschaft hat Mordanklage gegen Oscar Pistorius erhoben. Die Südafrikaner sind schockiert über das zweite Gesicht des Nationalhelden, der seine Freundin vorsätzlich getötet haben soll.

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© REUTERS Väterlicher Beistand: Nach der Verhandlung greift Pistorius’ Vater nach der Hand seines Sohnes.

Oscar Pistorius versteckt sein Gesicht unter einer Jacke, als die vier Polizeibeamten ihn in das Gebäude des Landgerichts eskortieren. Es ist neun Uhr morgens in Pretoria. Einer der größten lebenden Sportler muss sich vor Richter Desmond Nair wegen des Verdachts auf Mord verantworten. Oscar Pistorius, sechsfacher Goldmedaillen-Gewinner bei den Paralympics, der „schnellste Mann der Welt ohne Beine“, hat nach Ansicht der Staatsanwaltschaft seine Freundin Reeva Steenkamp am Donnerstagmorgen in seinem Haus bei Pretoria nicht versehentlich, sondern vorsätzlich erschossen.

Der Gerichtssaal ist brechend voll mit Angehörigen des Angeklagten und Pressevertretern. Richter Nair begrüßt Pistorius persönlich, der daraufhin schluchzend die Hände vor das Gesicht hält. Staatsanwalt Gerrie Nel raunzt Pistorius an, sich zu beherrschen und sich hinzusetzen. Der gehorcht artig. Dass ausgerechnet Nel die Anklage führt, ist kein gutes Zeichen für Pistorius. Dem Mann eilt der Ruf des härtesten Strafverfolgers des Landes voraus. Er hat einmal einen amtierenden Polizeichef, Jackie Selebi, wegen Korruption für 15 Jahre ins Gefängnis geschickt. Dem politisch ambitionierten Nel wird außerdem nachgesagt, seine Fälle nach zwei Kriterien auszusuchen: sehr hohe Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung und maximale Medienaufmerksamkeit. Richter Nair: „Plädiert die Anklage auf vorsätzlichen Mord?“ Nel: „Ja!“ Pistorius’ Oberkörper klappt wie von einem Schlag in den Bauch getroffen zusammen. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. In einer Erklärung weist er später die Vorwürfe vehement zurück und übermittelt der Familie des Opfers sein Mitgefühl.

Gegen vier Uhr sind vier Schüsse zu hören

Was sich genau in dem Haus des Sportlers am Rande von Pretoria zugetragen hat, ist auch am Freitag nicht eindeutig. Sicher zu sein scheint, dass der Sportler seine 29 Jahre alte Freundin keineswegs aus Versehen erschoss, weil er sie für einen Einbrecher hielt. Das Drama begann am Mittwochabend gegen 20 Uhr, als bei Pistorius wieder einmal lautstarker Streit und das Splittern von Geschirr zu hören war. Das ist offensichtlich nichts Ungewöhnliches. Die Adresse des Sportlers ist der Polizei wegen mehrerer Vorfälle häuslicher Gewalt bestens bekannt. Pistorius soll sich ständig und immer sehr laut mit seinen häufig wechselnden Partnerinnen gefetzt haben. Der genervte Nachbar rief den Sicherheitsdienst der Wohnanlage, der das Paar bat, mit der Schreierei aufzuhören.

Zwei Stunden später stand der Sicherheitsdienst wieder vor der Tür und drohte damit, die Polizei zu rufen, wenn nicht bald Ruhe sei. Um 3.45 Uhr am Donnerstagmorgen wurde der Nachbar durch den Knall von vier Schüssen geweckt. Er rief die Polizei. Die fand Reeva Steenkamp, die ein Nachthemd trug, mit zwei Kopfschüssen und einem Durchschuss im Arm sowie einem weiteren in einem Bein. Die junge Frau wurde noch am Tatort für tot erklärt. Die Polizisten beschlagnahmten eine halbautomatische Faustfeuerwaffe vom Typ Beretta, die auf Pistorius zugelassen ist. Der Sportler wurde unter Mordverdacht festgenommen.

Südafrika: Pistorius bricht vor Gericht in Tränen aus

Der Rest ist Spekulation. Sie schießt umso mehr ins Kraut, da die Polizei bislang nicht mitteilen will, wo genau die Leiche gefunden wurde. Nach nicht bestätigten Informationen soll Frau Steenkamp in der Eingangshalle des palastartigen Hauses erschossen worden sein, was darauf hindeuten könnte, dass sie aus dem Haus fliehen wollte. Die afrikaans-sprachige Zeitung „Beeld“ aber berichtet am Freitag unter Berufung auf Ermittler, Frau Steenkamp sei hinter der verschlossenen Tür eines Badezimmers gefunden worden, wohin sie sich vor Pistorius geflüchtet hatte, und der habe durch die Tür gefeuert. In beiden Fällen hat Staatsanwalt Nel gute Chancen, eine Verurteilung wegen Mordes zu erreichen.

Pistorius’ dürftige Umgangsformen

Was vor allem schockiert, ist das unbekannte zweite Gesicht des Nationalhelden Pistorius, das jetzt zum Vorschein kommt. Es ist das Gesicht eines Mannes, dem sein Faible für Feuerwaffen zur Obsession wurde. Sogar zu Hause hatte er immer eine Waffe in Reichweite. Die Mutter einer seiner ehemaligen Freundinnen berichtet am Freitag, wie sehr sich ihre Tochter mitunter vor diesem Mann gefürchtet habe, insbesondere, wenn er wieder einmal sturzbetrunken anfing, mit seinen Knarren zu hantieren. Auch sonst ließen die Umgangsformen des Sportlers zu wünschen übrig. Je weniger darüber bekannt wurde, umso unangreifbarer hielt sich Pistorius offenbar. Im November beispielsweise drohte Pistorius einem Journalisten, ihm „die Beine zu brechen“, sollte der noch einmal mit Reeva Steenkamp essen gehen. Einen ungebetenen Gast einer seiner Partys soll Pistorius derart handgreiflich vor die Tür gesetzt haben, dass er dafür eine Nacht in Polizeigewahrsam verbrachte. Auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Johannesburg zu Beginn dieses Jahres herrschte er zwei Frauen als „beschissene Lesben“ an.

Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Motorbootunfall auf dem Vaal-Fluss Ende 2008, als Pistorius mit hoher Geschwindigkeit in die Pier krachte und sein Gesicht erst nach plastischer Chirurgie und mehr als 170 Stichen wieder Form annehmen wollte. Eine Anklage wegen rücksichtslosen Fahrens wurde damals fallengelassen, obwohl Pistorius bei dem Unfall um ein Haar drei Schwimmer überfahren hätte. Warum? Weil er Oscar Pistorius heißt, eine der letzten vorzeigbaren Ikonen in einem Land, dessen übrige Helden sich im Laufe der letzten 18 Jahre zu korrupten Geschäftemachern entwickelt haben.

Ein nationaler Sonnyboy kann sich viel erlauben

Oscar Pistorius konnte von dem nationalen Bedürfnis nach einer Identifikationsfigur prächtig leben. Wenn er als Redner auftrat, betrug sein Honorar nie weniger als 40.000 Rand (4000 Euro) - in Südafrika ist das viel Geld. Die Werbebranche riss sich um den unverschämt gut aussehenden Oscar, in dessen Glanz sich nicht zuletzt Reeva Steenkamp sonnte, die zwar in der Presse als „Supermodel“ bezeichnet wird, zuletzt aber durch südafrikanische Fernsehshows für die C-Prominenz tingelte.

Der Sportartikelhersteller Nike verpflichte Pistorius als eines seiner „Gesichter“ zusammen mit dem argentinischen Fußballkünstler Messi. Hinzu kamen Werbeverträge mit Oakley (Sonnenbrillen), BT und MTN (Telekommunikation), Thierry Mugler (Parfüm) und diversen südafrikanischen Banken. Im Alter von 26 Jahren ist Oscar Pistorius ein reicher Mann. Sein Jahreseinkommen wird auf mehr als zwei Millionen Euro geschätzt. Im Dezember leistete sich der Leichtathlet einen McLaren-Sportwagen im Wert von mehr als 200.000 Euro, weil das Jahr für ihn „so gut gelaufen“ sei. Niemand nahm daran Anstoß. Schließlich war Pistorius der nationale Sunnyboy.

„Es ist ein Alptraum“

Entsprechend hart geht die südafrikanische Presse am Donnerstag mit ihrem einstigen Liebling ins Gericht. In Anspielung auf seinen Beinamen „Blade Runner“, der auf die sichelförmigen Prothesen anspielt, auf denen er seine sechs Goldmedaillen gewann, bezeichnet „The Citizen“ den Sportler auf der Titelseite als „Blade Gunner“, als „Sichelschützen“. Im „Daily Maverick“ bringt die ansonsten nicht für Sentimentalitäten bekannte Journalistin Rebecca Davis die Fassungslosigkeit einer ganzen Nation auf den Punkt: „Oscar hat uns Südafrikaner so stolz gemacht - einer von uns, der bei den Olympischen Spielen Erfolge feiert und Südafrika in der ganzen Welt bekannt macht. Es ist ein Albtraum, dieses Bild von Oscar gegen das eines Gewalttätigen, eines Mörders einzutauschen.“

Als Oscar Pistorius am Freitag aus dem Gerichtssaal geführt werden soll, drängt sich Henke Pistorius nach vorne. Richter Nair hat gerade verkündet, erst kommende Woche über einen Kautionsantrag zu entscheiden, dem sich die Staatsanwaltschaft widersetzt. Dass der Kautionsantrag nicht direkt verworfen wird, ist die einzig gute Nachricht für den Angeklagten an diesem Tag. Henke Pistorius drückt seinem Jungen lange und schweigend die Schulter - dem Sohn, der einst ohne Unterschenkel auf die Welt kam und für den die Eltern die herzzerreißende Entscheidung treffen mussten, die verkrüppelten Gliedmaßen zu amputieren; dem Sohn, der trotzdem seinen Weg machte und von dem sein Vater behauptet, es gebe niemanden auf der Welt, für den er größeren Respekt empfinde. An diesem Vormittag in Pretoria wirkt Henke Pistorius wie ein gebrochener Mann.

Reeva Steenkamp, Juristin und Model Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp waren noch nicht lange zusammen. Die beiden hatten sich bei den Sommer-Paralympics im vergangenen Jahr in London kennengelernt. Im November wurden sie ein Paar, stark beachtet in der südafrikanischen Öffentlichkeit. Vor kurzem hatte Reeva Steenkamp als eine von sieben Prominenten in der südafrikanischen Ausgabe des Dschungelcamps mitgemacht, „Tropika Island of Treasure“. Die blonde Frau mit den blau-grünen Augen wurde in Kapstadt geboren. Als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Port Elizabeth. Über ihr Motiv, Jura zu studieren, sagte sie einmal: „Ich verteidige leidenschaftlich gern diejenigen, die sich ihrer eigenen Rechte nicht bewusst sind.“ Lange hielt es sie jedoch nicht in dem Fach. 2006 wurde sie als Model entdeckt und zog nach Johannesburg. Ihr größter Erfolg: Im Dezember 2011 zierte sie den Titel des Männermagazins „FHM“. (agr./mapa.)

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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