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Oscar-Nominierung 24 Minuten Weltruhm

19.02.2012 ·  Max Zähle hat einen bewegenden Film über illegalen Kinderhandel in Indien gedreht. Die Abschlussarbeit des Studenten ist sogar für einen Oscar nominiert.

Von Peter-Philipp Schmitt
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© dpa Der Gewinner: Bei der Verleihung der „Studenten-Oscars“ in Beverly Hills im Juni 2011 gewann Zähle die Auszeichnung in Bronze.

Irgendwann könnte es heißen, seine Karriere habe mit einem Pudding angefangen. Das ist eine ihm nicht ganz angenehme Vorstellung. Die Packung "Milch Pudding Schoko" steht trotzdem noch als Andenken im Regal von Max Zähles Arbeitszimmer. Der Dummy, gefüllt mit dunkler Gummimasse, wurde vor knapp 15 Jahren für einen Werbefilm in Szene gesetzt. Es war Zähles erster Dreh. Während seiner Zeit als Zivildienstleistender bekam der damals Zwanzigjährige die Gelegenheit, an dem Filmset dabei zu sein. "Das hat mich total fasziniert", sagt Zähle. "Diese Dynamik, die vielen interessanten Jobs, die für so einen Film nötig sind." Der zufällige Kontakt an jenem Tag wies ihm den Weg - nicht nur ins Filmfach, sondern auch von Celle über Hamburg bis nach Hollywood.

Max Zähle ist für einen Oscar nominiert. Am kommenden Sonntag wird er in Los Angeles über den roten Teppich gehen und im Kodak Theatre vielleicht eine der begehrten Statuen für seinen schon mit Preisen überhäuften Kurzspielfilm "Raju" bekommen. Wie viele Preise das Werk in nur einem Jahr bekommen hat, kann Max Zähle nicht einmal genau sagen. "33 oder 34 müssten es sein." Schon jetzt ist kaum noch Platz auf dem Schränkchen neben seinem Schreibtisch, auf dem Trophäe neben Trophäe steht.

Darüber hängen zwei Filmplakate: vom Erstlingswerk "Wattwanderer" und natürlich von "Raju". Zähle, der in Celle aufgewachsen ist, hatte über seine Eltern - der Vater ist Architekt, die Mutter Lehrerin - keinen direkten Bezug zu Medien. Allerdings begann er schon mit 13, 14 Jahren, kleine Filme zu drehen. Die Handlungen seien alle "trash" gewesen, sagt er und lacht. Allerdings entstanden auch Hörspiele und vor allem Musikvideos. Zähle, der selbst Gitarre spielt, schrieb eigene Lieder und gab mit verschiedenen Bands Konzerte mit "ehrlichem Punk-Rock".

„Herausragende Darstellung der Farben und des Chaos in Indien“

Nach seinen ersten Erfahrungen am Pudding-Filmset zog es ihn in die Medienstadt Hamburg, wo er mehrere Jahre hauptberuflich als Cutter arbeitete - vor allem von Werbefilmen. "Ich hatte aber schon immer den Drang in mir, Geschichten zu erzählen." Und so bewarb sich Zähle mit 31 Jahren bei der Hamburg Media School, um Regie zu studieren. "Alle zwei Jahre werden nur jeweils sechs Studenten in den vier Fachbereichen Drehbuch, Regie, Produktion und Kamera aufgenommen", erzählt Zähle. Im Studium tat sich der angehende Regisseur mit zwei Kommilitonen zusammen, dem Kameramann Sin Huh und dem Produzenten Stefan Gieren, und gemeinsam erarbeiteten sie ihre Abschlussarbeit.

Premiere feierte ihr Film im Januar 2011 beim Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Preis. International war "Raju" dann erstmals im April auf dem Aspen Shortsfest zu sehen, wo er den Zuschauerpreis und einen Spezialpreis der Jury bekam. Die Juroren sprachen dem Film ihre besondere Anerkennung aus, "für die grandiose Darbietung, die gewaltige Handlung und die herausragende Darstellung der Farben und des Chaos in Indien". Bisheriger Höhepunkt: die Verleihung des sogenannten Studenten-Oscars in Beverly Hills im Juni 2011. "Raju" bekam zwar nicht den Nachwuchs-Academy-Award in Gold. Doch auch Bronze sei schon ein Hammer gewesen, sagt Zähle. "Viel mehr geht nicht, dachten wir."

Von der Nominierung erfuhr Zähle übers Internet

"Raju" aber schaffte es sogar noch auf die Shortlist für die Oscars. Von der Nominierung am 24. Januar durch die Academy erfuhr Zähle natürlich bei einem Filmfestival, beim Sundance Film Festival in Park City im amerikanischen Bundesstaat Utah. Während die glanzvollen Kategorien live um 5.30 Uhr in Hollywood vor der Kamera verkündet wurden, saß der Vierunddreißigjährige mit zehn, elf Filmemachern bei einem besonders frühen Frühstück zusammen und wartete darauf, dass die Anwärter auf den Kurzfilm-Oscar im Internet bekanntgegeben wurden. Einen der vier Aspiranten kennt Zähle gut: den norwegischen Film "Tuba Atlantic" von Hallvar Witzø, der den goldenen Studenten-Oscar gewonnen hatte. Favorit bei den Academy Awards ist der Film trotzdem nicht: "Das kann niemand vorhersagen."

Schon Anfang dieser Woche fliegt Zähle nach Los Angeles, Smoking, Hemd und Fliege hängen bereits in seiner Wohnung in Altona bereit. Der kleine Gesellschaftsanzug ist Pflicht für ihn: "Wenn Steven Spielberg und Martin Scorsese im Smoking kommen, tue ich das natürlich auch." Mit etwas Glück wird er den Kollegen sogar begegnen, Spielberg und Scorsese sind ebenfalls für einen Oscar nominiert. Und vielleicht haben die beiden den Film von Max Zähle dann auch schon gesehen: "Raju" läuft derzeit in mehr als 200 Kinos in den Vereinigten Staaten, in Deutschland hingegen ist sein Werk noch weitgehend unbekannt. Dabei hat er das knapp 24 Minuten lange Drama mit beträchtlichem Aufwand gedreht - in Indien. Das kostete ihn einige Überzeugungsarbeit: Denn nie zuvor hat ein Student der Filmschule eine Abschlussarbeit in Gänze außerhalb Deutschlands gedreht.

"Raju" spielt in Kalkutta. Der Film handelt von einem kleinen Jungen, Raju, den ein deutsches Ehepaar guten Gewissens und auf vermeintlich legalem Weg adoptiert. Deutsche Behörden haben den beiden sogar das Waisenhaus in Indien empfohlen. Das angebliche Waisenkind aber wurde entführt, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, um es an wohlhabendere Eltern zu verkaufen. So werde dem Fünfjährigen doch ein besseres Leben ermöglicht, verteidigt die indische Heimleiterin ihr Tun. Jan und Sarah Fischer, die das Elend in Kalkuttas Straßen hautnah miterlebt haben, geraten dadurch in einen kaum zu lösenden Gewissenskonflikt.

Journalisten deckten Fälle illegaler Adoptionen auf

Die Geschichte des fünfjährigen Raju, gespielt von Krish Gupta, ist keine reine Fiktion und auch kein Einzelfall. Zwei Journalisten des "Indian Telegraph" begleiteten nicht nur die Dreharbeiten, sie recherchierten anschließend weiter und deckten mehrere illegale Adoptionsfälle auf. Zwei Kinderheime wurden sogar geschlossen. Damit hatte Zähle mehr erreicht, als er sich vorgenommen hatte. "Wir wollten eine Geschichte erzählen, die relevant ist und mit der sich bislang noch kaum jemand auseinandergesetzt hat."

Das Drehbuch, das er zusammen mit Florian Kuhn schrieb, entstand im Frühjahr 2010. Den Anstoß gaben Berichte über eine amerikanische Organisation, die nach dem Erdbeben in Haiti im Januar 2010 versucht hatte, Waisenkinder außer Landes zu bringen. Nur zwei Monate später war Zähle das erste Mal in Kalkutta - auf Recherche. Unterstützt wurde er dabei von der Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes, die sowohl in Haiti, als auch in Indien tätig ist.

Improvisation: Die Crew machte einen Tempel zur Polizeistation

Schon beim Schreiben seiner Geschichte habe er seine beiden Hauptdarsteller im Kopf gehabt. Zähle spricht von seiner Traumbesetzung. "Sie waren meine allererste, meine einzige Wahl." Wotan Wilke Möhring und Julia Richter, die selbst Kinder haben, sagten sofort zu, kaum dass sie das Drehbuch gelesen hatten. Ohne Gage reisten die beiden vielbeschäftigten Schauspieler zum zehntägigen Dreh nach Kalkutta. Für Zähle war das "die halbe Miete", wie er sagt. Denn die Abschlussfilme an der Hamburg Media School werden alle mit dem gleichen Budget ausgestattet, das unter anderem von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein stammt.

Die Dreharbeiten in Kalkutta waren schwierig. Vor allem fehlte es an Ausrüstung. Die Crew musste ständig improvisieren, so musste ein Tempel zu einer Polizeistation umgebaut werden. Verantwortlich dafür war Hans Zillmann, der seit 40 Jahren zu Deutschlands besten Szenenbildnern und Filmausstattern zählt. Er war ebenfalls von dem Thema begeistert und gründete sogar eine Hilfsorganisation gegen Kinderhandel: Mit seinem Verein "Apatya.org" unterstützt Zillmann Slumkinder in Indien, damit sie im Land bleiben können und nicht etwa von ihren Eltern an Waisenhäuser verkauft werden. Botschafterin der Organisation ist die indische Schauspielerin Taranjit Kaur, die im Film "Raju" ausgerechnet die böse Heimleiterin spielt.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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