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Organspende Transplantierte Tollwut

17.02.2005 ·  Ein schrecklicher Einzelfall zieht seine Kreise: Nachdem eine Organspenderin die fast ausgerottete Krankheit übertragen hat, fürchten Mediziner nun einen Rückgang der Spendebereitschaft.

Von Florentine Fritzen und Axel Wermelskirchen, Frankfurt
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Von der Frau, die zu einem der gravierendsten Zwischenfälle in der deutschen Transplantationsmedizin geführt hat, weiß man wenig: Sie war 26 Jahre alt, konsumierte gelegentlich Rauschgift und war im Herbst auf Reisen in Indien. Nach dem Konsum von Kokain und Ecstasy erlitt sie im Dezember einen Herzstillstand. Wiederbelebungsversuche in der Universitätsklinik Mainz scheiterten. Der Hirntod trat ein.

Die Tote wurde den von der Bundesärztekammer für Transplantationen vorgeschriebenen Untersuchungen unterzogen. Dann entnahm man ihr Leber, Lunge, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Augenhornhäute. Die entnommenen Organe wurden wie üblich auf das mögliche Vorliegen einer Sepsis, also einer Blutvergiftung, auf bösartige Tumore, Bakterien und Viren (Hepatitis und HIV) überprüft. Gefunden wurde nichts.

Bei Untersuchungen nicht entdeckbar

Hätte man das Unheil, das nun seinen Lauf nahm, nicht aufhalten können? Nein, meinen Mediziner. Zunächst einmal sind nach den Richtlinien der Bundesärztekammer Organspender, die gelegentlich Rauschgift konsumiert haben, nicht als Risikofälle eingestuft - anders als Rauschgiftsüchtige, die sich das Gift über lange Zeit intravenös gespritzt haben. Der extrem seltene Fall einer Tollwutinfektion kann bei den Untersuchungen nicht entdeckt werden. Die Tests auf Tollwutinfektion sind langwierig. Spenderorgane müssen nach Entnahme innerhalb von zwölf bis vierzehn Stunden verpflanzt werden.

Wegen der langen Inkubationszeit der Tollwut ist es schwierig, festzustellen, ob ein Spender an Tollwut leidet. Nach einem Biß - nur für diese Übertragungsform gibt es Erfahrungswerte - dauert es zwischen drei und acht Wochen, bis das Virus ins Gehirn gewandert ist und die Krankheit ausbricht. Die entnommenen Organe müssen lange vor dem Vorliegen der Testergebnisse transplantiert sein. Der Ärztliche Direktor des Mainzer Universitätsklinikums Manfred Thelen sagt: „Die Diagnostik auf eine mögliche Tollwuterkrankung im Vorfeld einer Transplantation ist unmöglich.“

Tollwut endet fast immer tödlich

Über Familienangehörige der Spenderin wurde bekannt, daß sich die junge Frau im Oktober des vergangenen Jahres in Indien aufgehalten hatte. Anders als in Deutschland, wo die Tollwut so gut wie ausgerottet ist, sterben in Indien jedes Jahr mehr als 30.000 Personen an der Krankheit, die nicht zu behandeln ist und fast immer zum Tode führt. Die einzige bislang bekannte Ausnahme wurde im November des vergangenen Jahres vom „Center for Disease Control and Prevention“, dem amerikanischen Bundesseuchenamt, aus dem Bundesstaat Wisconsin berichtet. Die fünfzehn Jahre alte Jeanna Giese, die im September während eines Gottesdienstbesuchs von einer Fledermaus gebissen worden war, sei der erste Mensch, der die Tollwut ohne Impfung dagegen überlebt habe.

Ihre Heilung müsse als Wunder gelten, bis die Anti-Virus-Behandlung, die ihr das Leben gerettet habe, auch an anderen Patienten erfolgreich erprobt worden sei. Im Juli 2004 war aus den Vereinigten Staaten der erste Fall einer Tollwutübertragung von einem Organspender auf Empfänger gemeldet worden. Drei der vier infizierten Patienten starben an der Krankheit, der vierte bei Komplikationen während der Operation.

Wiederkehr einer fast ausgerotteten Krankheit

Die Tollwut scheint langsam zurückzukehren. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin berichtet von einem 51 Jahre alten Deutschen, der im Mai 2004 nach einem fünfmonatigen Aufenthalt in Indien nach Deutschland zurückkehrte und zunächst unter grippeartigen Beschwerden litt. In Indien hatte er Kontakt mit streunenden Hunden. Vor drei Jahren war er bei einer anderen Reise dort von einem wilden Affen in die rechte Schulter gebissen worden. Am 6. Mai traten dann Schmerzen in der Schulter und im rechten Arm auf, am Tag darauf zeigte der Patient typische Tollwutsymptome, darunter die Hydrophobie: Beim Trinken treten Schlundkrämpfe auf, die Patienten fürchten sich davor und können schon bei dem Anblick von Wasser in Panik und Muskelkrämpfe geraten.

Nach Bewußtseinstrübungen und blutigem Erbrechen starb er am 29. Mai. Das war der erste Tollwutfall in Deutschland seit 1996, als ein Mann mit der Infektion aus Sri Lanka heimgekehrt und gestorben war. Daß auf Auslandsreisen eine Tollwutgefährdung besteht, zeigte im vergangenen Jahr auch der Fall eines 23 Jahre alten Österreichers, der in Marokko von einem streunenden Hundewelpen gebissen worden war und am 23. September in Graz an der Krankheit starb.

Großer Bedarf an Spenderorganen

Der Bedarf an Organen ist größer als das Angebot. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), am 7. Oktober 1984 vom Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V. in Neu-Isenburg gegründet, koordiniert gemäß dem 1997 in Kraft getretenen Transplantationsgesetz seit dem Jahr 2000 die Organspenden in Deutschland. In einem Vertrag mit der Bundesärztekammer, den Krankenkassen und der deutschen Krankenhausgesellschaft sind die Aufgaben der DSO festgelegt, etwa die Abstimmung zwischen den rund 1400 Krankenhäusern und den rund 50 Transplantationszentren in Deutschland. Seit der Gründung der DSO haben sich nach deren Angaben die Organspende- und Transplantationszahlen in Deutschland verdoppelt.

Seit dem Beginn der Transplantationsmedizin im Jahr 1963 sind in Deutschland mehr als 70.000 Organe verpflanzt worden, darunter fast 50.000 Nieren und etwa 8000 Herzen. Die Stiftung weist jedoch darauf hin, daß noch immer nicht genügend Spenderorgane zur Verfügung stehen, um den fast 12000 deutschen Patienten auf der Warteliste - unter ihnen mehr als 9500 Nierenpatienten - die lebensnotwendige Transplantation zu ermöglichen.

Eurotransplant registriert und vermittelt

Die Organvermittlung ist Sache der Stiftung Eurotransplant im niederländischen Leiden. Die gemeinnützige Stiftung (www.eurotransplant.nl) wurde 1967 von Professor van Rood gegründet. Ziel war die zentrale Registrierung von Patienten, die auf ein Spenderorgan warten. Van Roods Bestreben war es, den Patienten immunologisch passende Spenderorgane zur Verfügung zu stellen. Eurotransplant, das sich zu Beginn ausschließlich mit Nierentransplantationen befaßte, koordiniert den internationalen Austausch aller Organe, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Slowenien (seit dem 1. Januar 2000) verstorbenen Menschen zu Transplantationszwecken entnommen werden.

Bei Eurotransplant sind alle Patienten der Mitgliedsländer registriert, die auf Niere, Leber, Herz, Lunge oder Bauchspeicheldrüse warten - zur Zeit etwa 16.000. Die Spenderorgane werden nach festgelegten Kriterien an Patienten auf den Wartelisten vergeben, etwa nach Verträglichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Dringlichkeit. An Eurotransplant sind mehr als 70 Transplantationskliniken in den Mitgliedsländern beteiligt, zudem Krankenhäuser, in denen Organspenden stattfinden, und Gewebebestimmungslaboratorien. Beim Transport arbeitet Europlant mit der Polizei, mit Hilfsorganisationen und Fluggesellschaften zusammen.

Nicht alle Empfänger betroffen

Die Organe der Spenderin aus Mainz gingen unverzüglich an sechs Patienten in Hannover, Hannoversch Münden, Heidelberg und Mainz. Bei drei Patienten brach die Krankheit aus. Die drei anderen zeigen bislang keine Tollwutsymptome. Der Zustand der Patientin, der an der Medizinischen Hochschule Hannover die Lunge der Spenderin eingepflanzt worden ist, ist weiterhin schlecht. Sie hat das Krankenhaus seit der Operation nicht verlassen. Die Transplantation hatte einen „extrem schwierigen Intensivverlauf“, berichtet Axel Haverich, Direktor der Abteilung Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover. In der Folgezeit habe die junge Frau mental verändert gewirkt. Die Ärzte rätselten, welche Krankheit sie wohl habe. Am Montag sagte ein Neurologe: „Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, sie hat Tollwut.“ Das hielt man aber zunächst für ausgeschlossen - bis die Nachrichten der anderen Tollwutfälle eintrafen.

Auch der Zustand des Patienten in Marburg, dem eine Niere und die Bauchspeicheldrüse der Spenderin implantiert worden waren, verschlechterte sich am Donnerstag. Die Ärzte stellten ein „langsames Fortschreiten des typischen Intensivverlaufs“ der Tollwut fest, sagte ein Kliniksprecher. Die Familie des 1959 geborenen Mannes bitte darum, möglichst wenig über den Fall zu berichten. Der Patient hatte die Universitätsklinik zwischenzeitlich verlassen und war am Montag mit schweren Krankheitssymptomen zurückgekehrt.

Wenig Erkenntnisse über die Krankheit

Ein 70 Jahre alter Patient erhielt am 1. Januar im Nephrologischen Zentrum Niedersachsen in Hannoversch Münden die zweite Niere der Spenderin. Nach einer Mitteilung des Geschäftsführers der Arbeiterwohlfahrt Gesundheitsdienste, Volker Behncke, und dem Leitenden Arzt der Klinik Volker Kliem befindet sich der Patient in einem „medizinisch kritischen Zustand“. Die Klinik untersteht der Arbeiterwohlfahrt. Der Patient war etwa drei Wochen nach der Transplantation nach Hause entlassen worden und am Freitag mit zunächst unklaren Symptomen, die sich dann als zur Tollwut passend herausstellten, wieder aufgenommen worden.

Bei dem Heidelberger Patienten, der die Leber der Spenderin erhalten hat, ist die Krankheit bislang nicht ausgebrochen. „Wir müssen aber damit rechnen, daß er sie noch bekommt“, sagt Jan Schmidt, Erster Oberarzt an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg. Weil die Tollwut so selten sei, gebe es keine sicheren Erkenntnisse darüber, ob die Leber ein schlechterer Überträger der Krankheit sei als andere Organe. „Das kann auch Zufall sein.“ Die Leber sei allerdings ein sehr großes Organ, gibt der Leiter des Diagnostischen Virologischen Labors am Universitätsklinikum Heidelberg, Helmut Fickenscher, zu bedenken: „Es würde mich sehr wundern, wenn Lunge, Niere und Pankreas das Virus übertragen und die Leber nicht.“

Kein Austausch der transplantierten Leber

Laut Oberarzt Jan Schmidt besteht aber „die vage Möglichkeit“, daß der etwa dreißig Jahre alte Patient als Kind gegen Tollwut geimpft worden sei, weil seine Schwester von einem Hund gebissen wurde. „Das ist aber nicht mehr als unsere Hoffnung.“ Der Patient wird in der Klinik, wo er auch psychologisch betreut wird, mit einer Kombination der Wirkstoffe Ribavirin und Interferon behandelt. Auf das Ribavirin hoffen die Ärzte wegen Jeanna Giese - bei ihr wurde die Tollwut durch Ribavirin abgewendet. Der Mann wurde außerdem aktiv und passiv geimpft. Er soll mindestens vierzehn Tage, vielleicht auch vier Wochen in der Klinik bleiben. Die Ärzte hätten kurz erwogen, die transplantierte Leber auszutauschen. Das wurde aber schnell wieder verworfen, denn das Virus breitet sich über die Nervenbahnen im Körper aus. Zwischenzeitlich hatte sich der Patient in einer Kurklinik von der Operation erholt. Die Menschen, die dort mit ihm Kontakt hatten, wurden informiert. Wer in den vergangenen vierzehn Tagen engeren Kontakt mit ihm hatte, wurde geimpft. Wer früher mit dem Patienten zu tun hatte, ist wegen der Inkubationszeit der Tollwut nicht gefährdet. Auch die Ärzte und das Intensivpersonal wurden geimpft. Tollwut überträgt sich vor allem dann, wenn Speichel eines Infizierten in eine offene Wunde gerät.

Den beiden Patienten, die im Mainzer Universitätsklinikum die Augenhornhäute der Spenderin erhalten hatten, geht es unverändert gut. Bei beiden nahmen die Ärzte am Mittwoch abend und in der Nacht zum Donnerstag Retransplantationen vor, bei denen die Patienten neue Hornhäute erhielten. „Die Operationen sind gut und ohne Komplikationen verlaufen“, teilte der Direktor der Augenklinik, Norbert Pfeiffer, am Donnerstag mit. „Beide Patienten können sehen und sind erleichtert, daß sie sich zu diesem Schritt entschlossen haben.“ Nun befürchten die Ärzte, daß die Bereitschaft, Organe zu spenden, nach den Tollwutfällen nachlassen könnte. Viele Menschen müssen jahrelang auf passende Organe warten. Jan Schmidt betont, daß es bei insgesamt 500.000 Organtransplantationen in Deutschland und den Vereinigten Staaten seit 1963 nur zwei Tollwutfälle gab. Es klingt wie ein hoffnungsloses Anrennen der Statistik gegen den schrecklichen Einzelfall.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Neu-Isenburg und der Stiftung Eurotransplant in den Niederlanden wurden im Jahr 2003 - für 2004 liegen die Daten noch nicht vor - in deutschen Transplantationszentren insgesamt 4175 Transplantationen vorgenommen. Die Zahl umfaßt auch Lebendspender-Transplantate wie Nieren und Teile der Leber. Die Zahl der Transplantationen ohne Lebendspenden lag bei 3688, das waren 379 mehr als im Jahr zuvor. In 2111 Fällen wurde eine Niere transplantiert (im Vergleich zu 2002: plus 229), in 393 Fälllen das Herz (minus 2), in 773 Fällen die Leber (plus 106), in 212 Fällen die Lunge (plus 14), in 191 Fällen die Bauchspeicheldrüse (plus 28) und in acht Fällen der Dünndarm (plus vier). Wie die DSO berichtet, erreichte die Zahl der nach dem Tode gespendeten Organe in Deutschland im Jahr 2003 einen Höchstwert: 3469 Organe wurden gespendet, über zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der Lebendspenden von Nieren und Leberteilen sank im Jahr 2003 leicht. Zuvor war sie bis 2002 kontinuierlich gestiegen. Die DSO erklärt das mit mit wachsendem Bedarf an Transplantationen, dem medizinischen Erfolg und der mit dem Transplantationsgesetz gewachsenen Rechtssicherheit.

Quelle: F.A.Z., 18.02.2005, Nr. 41 / Seite 9
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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