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Opferentschädigungsgesetz : Du Opfer, du

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Wer in Deutschland durch eine Gewalttat zu Schaden kommt, hat ein Anrecht auf Entschädigung. Eigentlich. Tatsächlich müssen Bürger oft jahrelang um ihr Recht kämpfen - und werden am Ende doch enttäuscht.

          Wilfried W. saß neben seiner Frau auf einem Stuhl am Gang. Auf der Bühne sang Shakin’ Stevens, und die Halle in Hamburg schien zu beben, als der Fünfzigjährige plötzlich von hinten angerempelt wurde. Er drehte den Kopf, ein junger Mann, angetrunken, rief ihm etwas zu, vermutlich wollte er seinen Sitzplatz haben, doch es war zu laut, als dass W. ihn hätte verstehen können. Er guckte wieder nach vorn, dann spürte er einen Schlag ins Gesicht. Blut lief ihm aus der Nase. Nun drückte der junge Mann W.s Kopf herunter und rammte ihm das Knie mit großer Wucht ins Gesicht, so dass W. das Bewusstsein verlor. Sein rechtes Auge, nur noch an ein paar Muskeln und Sehnen hängend, rutschte aus der zertrümmerten Augenhöhle heraus hinab in die Kiefernhöhle.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          W. überlebte schwer verletzt. Inzwischen 69, sieht er seit 19 Jahren alles doppelt. Dennoch weigerte sich die zuständige Landesbehörde neun Jahre lang, ihm eine Entschädigung zu zahlen, die ihm laut Gesetz zugestanden hätte. „Von Anfang an haben die durch zwei Instanzen hindurch ganz hart gegen ihn gekämpft, sie wollten ihm auf keinen Fall eine Entschädigung gönnen“, sagt sein Anwalt Jürgen Walczak.

          Nur jedes zehnte Opfer stellt den Antrag

          Den Antrag gestellt hatte W. bei der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (Basfi); Grundlage ist das „Opferentschädigungsgesetz“. Es verspricht Menschen Hilfe, die der deutsche Staat nicht vor einer vorsätzlichen Gewalttat hat schützen können - ob sie nun durch Unbekannte oder innerhalb ihrer Familie geschädigt wurden. Das ist gut, eine zivilisatorische Errungenschaft - für jene Opfer, die tatsächlich auch entschädigt werden.

          Die Gruppe all jener freilich, deren Antrag abgewiesen wird und die so womöglich gleich noch mal verletzt werden, ist deutlich größer. Nur jedes zehnte Opfer einer Gewalttat stellt tatsächlich einen Antrag auf Entschädigung - 2008 gab es laut Opferorganisation „Weißer Ring“ rund 210000 unter dem Begriff Gewaltkriminalität erfasste Fälle -, und bundesweit wird weniger als die Hälfte dieser Anträge anerkannt. Sehr viele Antragsteller gehen also leer aus - nachdem sie erst bei diversen Gutachtern und Ärzten vorsprechen und dann oft jahrelang auf eine Entscheidung warten mussten.

          Auch bei W. war das so. Zum Alles-doppelt-Sehen gesellte sich eine posttraumatische Belastungsstörung, die ihn das Attentat in Flashbacks wieder und wieder durchleben ließ. W., von Beruf Heizungsbauer, musste sich aus der Leitung seines Unternehmens zurückziehen; dennoch weigerte sich die Basfi, ihm eine Opferentschädigung zu zahlen, und ging gegen ein erstes Urteil des Sozialgerichts Itzehoe in Revision: Seine Schädigung sei zu gering.

          „Das ist wie Verfolgung“

          Zu insgesamt neun Gutachtern schickte ihn die Behörde, denn es sei „ganz schwierig“, die psychischen Folgen einer Tat zu bewerten. W. wiederum vermutet, dass er vor allem deswegen so viele Gutachter aufsuchen sollte, weil einige von ihnen Mitarbeiter der Behörde waren und in W.s Augen Gefälligkeitsgutachten lieferten - was die Basfi allerdings als „Blödsinn“ bezeichnet. Sie will schön öfter beobachtet haben, dass „Patienten Negativeigenschaften in die Gutachter hineinprojizieren“.

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