23.09.2007 · Früher Volksfest, heute Kult: Das Oktoberfest hat den Imagewandel geschafft. In den Zelten feiern die Jungen, und Tracht ist ein Muss. Als Spießer gilt heute, wer nicht hingeht. Pascal Morché war unterwegs auf der Wiesn.
Von Pascal MorchéNoch bevor Münchens Oberbürgermeister Christian Ude gestern mit dem Zapfhahn das Zweihundert-Liter-Fass deflorierte, um der Stadt und dem Erdkreis sein „O'zapft is!“ zu verkünden, hatten Schöne und Reiche in München schon mal ein Frühstück bei Tiffany eingenommen. Wolf Bierlein, deutscher Statthalter der New Yorker Geschmeideschmiede, scharte wieder gut vierhundert Damen und Herren der Gesellschaft um sich, um, gestärkt von Weißwürsten und Bier, mit Bussen aufs Oktoberfest zu starten. „Als dresscode ist selbstverständlich Tracht erwünscht“, sagt der Tiffany-Chef, ortet „eine Suche nach Werten in der Gesellschaft“ und holt schließlich zur finalen Erklärung der steigenden Wiesn-Faszination aus: „Das Oktoberfest ist einfach wahnsinnig sexy.“
Genau das sagen sie alle, die auf das Thema Wiesn in Wandel und Wirkung angesprochen werden: „Die Wiesn hat eindeutig einen starken Sexappeal bekommen“, äußert sich Michael Käfer zum erwarteten Dirndl-Alarm. Den Champagnerausstoß der nächsten drei Wochen kommentiert er dagegen mit geschäftsmäßigem Schulterzucken: „Ein paar tausend Magnumflaschen werden's schon wieder werden.“ Und Toni Roiderer, Wirt des Hacker-Festzeltes und Sprecher der Münchner Wiesn-Wirte, zur Macht der Tracht: „Is halt fesch.“ Ja, ois is Eros!, könnte man ausrufen, womit aber niemand dem erotischen Zauber hautenger, herziger Escada-Lederhotpants mit rosa Strasssteinchen für 999 Euro gerecht würde, die dieses Jahr der Renner in der Trachtenabteilung bei LodenFrey waren.
Geküsst von der Event- und Partykultur
Kein Zweifel: Der Imagewandel, den das größte Volksfest der Welt in den vergangenen Jahren vollzogen hat, ist gigantisch. Es ist kaum mehr vorstellbar, dass der Besuch des Oktoberfests noch vor zwanzig Jahren als spießig galt, als ein Ort der Begegnung dumpfer, saufender Kleinbürger. Die Wiesn heute, sie ist geküsst von der Event- und Partykultur unserer Tage. Einerseits ist das Oktoberfest 2007 die Fortsetzung historischer Erfahrungen von „Fanmeile“, „Partyzone“ und „Loveparade“; anderseits ist es für viele eine Exklusivveranstaltung. Die Tore der Festzelte sind so fest verschlossen wie die Pforten des Bayreuther Festspielhauses, die Karten für eine Box im Bierzelt sind so begehrt wie ein Auftritt von Anna Netrebko oder ein Tribünenplatz bei der Formel 1 in Monaco. Längst werden auf Tischreservierungen in den Biertempeln bei Ebay Höchstpreise geboten. In ist, wer drin ist. Koste es, was es wolle.
Die Wiesn ist dabei nur der Spiegel und die Kulisse einer zur Hemmungslosigkeit fest entschlossenen Gesellschaft, für die es längst keinen gültigen Kanon gesellschaftskonformer Lustbarkeiten mehr gibt. Mix it! Anything goes! Es lebe Cross-Over, Cross-Dressing und Cross-Culture: Highheels zum Dirndl, iPod zum Janker, Basmatireis zum Leberkäs. Es herrschen Freiheit und Anarchie, vorausgesetzt, sie folgen den ebenso strengen wie dubiosen Regeln namens „lifestyle“.
So gesehen, ist auch die 174. Wiesn in all ihrer Verzerrtheit ehrlicher als jede Statistik und Gesellschaftsanalyse. Die Fraktionen der Neureichen, der Wichtigtuer und Zyniker haben bundesweit Zulauf - warum sollten sie auf dem Oktoberfest weniger werden? Gesoffen und gehurt wird längst nicht mehr auf Ballermann-Niveau; Menschen, für die ein Bierpreis von fast acht Euro die Maß ein ernsthaftes Problem darstellt, interessieren den Wiesn-Besucher nur noch als RTL-Reportage aus Hartz-Deutschland auf dem Sofa. Und noch etwas: Auf dem Oktoberfest können sich Leute der „Generation 50plus“ noch auf die Zukunft freuen. So sieht eine Welt aus, die alle demographischen Hiobsbotschaften einer überalterten Gesellschaft Lügen straft. Man sieht nur Junge.
Wiesn Warmup-Partys
Tatsächlich ist das Oktoberfest bei der Jugend beliebt wie nie: Knapp sechzig Prozent jener 6,5 Millionen Wiesn-Besucher sind dreißig Jahre alt oder jünger, meldet das Münchner Tourismusamt. Dessen Chefin, Gaby Weishäupl: „Die Oktoberfestbegeisterung der Jugend ist ungebremst.“ Dabei hat Weishäupl den „Schottenhamel“ schon vor Jahren als Zelt der Bewegung ausgemacht. „Die waren die ersten, die flottere Musik spielten. Aber natürlich wollen wir hier keine Diskothekenatmosphäre.“ Nun, das ist eine vage Erklärung dafür, dass manche Gymnasien heute einen „zentralen Wiesn-Tag“ im Stundenplan haben; dass Internatszöglinge aus ganz Deutschland zum Oktoberfest aufbrechen; dass siebzehnjährige Mädchen mindestens drei Dirndl im Schrank horten und sich in Metaphern wie „Wir stapeln Holz vor der Hüttn“ üben.
Weishäupl analysiert: „Es ist wahrscheinlich die Lust, sich zu verkleiden, die den Trend zu Tracht erklärt.“ Stimmt, fast: Die Tracht führt zur „Kostümierung“ und nicht, wie ein Meerjungfrauenfummel, zur „Verkleidung“ im Fasching. Die 17 Jahre alte Gymnasiastin Marie erkennt das Bierspektakel als „eine Art Kontaktbörse“ und hat gruppendynamische Erkenntnisse gewonnen: „Wenn alle in Tracht hingehen, musst' eben auch in Tracht sein“; ihre gleichaltrige Freundin Franziska schwärmt ebenso nebulös wie präzise vom „bunten Spaßgefühl“. Für dieses gibt es schon seit Wochen in den Diskotheken der Stadt WiesnWarmup-Partys. Dress-Code: Dirndl und Lederhosen.
Das höchste Prädikat: Kult
Natürlich wollen alle von der Wiesn profitieren: Knapp eine Milliarde Euro werden mit dem größten Volksfest der Welt pro Jahr umgesetzt. Hier ist die Welt noch in Ordnung: Geld, nicht Geiz ist geil. Diese Weltanschauung wird 16 Tage lang mit einer Partylaune gekoppelt, die stets das bayerisch-dionysisch-bacchantische AlibiLodenmäntelchen aus Brauchtum und Folklore trägt. Darin gekleidet, hat dieses Volksfest das höchste Prädikat errungen, das es zur Zeit in Deutschland gibt: Kult! Zwangsläufig musste da die „kultige Wiesn“ zur idealen Bühne für Marketing, PR und Eitelkeit mutieren.
Vergangenes Jahr allerdings war das Fass übergelaufen: Marketingfachfrauen wie Paris Hilton oder Verona Pooth nutzten das Oktoberfest zu privaten Promotionveranstaltungen, und Autolady Regine Sixt stellte werbewirksam einen von Samba-Tänzerinnen umhüpften BMW vor jenes Zelt, in dem stets ihre legendäre „Damen-Wiesn“ stattfand. „Die Wiesn ist keine Plattform für eine Promotion-Tour“, donnerte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. „Ich bin wild entschlossen, gegen PR- und Werbeaktionen vorzugehen, und habe die Betriebsvorschriften verschärft“, warnt Gabriele Weishäupl heute. Sixt zog sich schmollend zurück. Die Tourismuschefin: „Frau Sixt hat mir gesagt, sie könne ihre Kreativität bei den strengen Vorschriften nicht mehr ausleben.“
Nur die halbe Wahrheit
Viele wittern in solchen Fällen auch persönliche Machtkämpfe hinterm weiß-blauen Kulissenzauber. Ja, auf dem Oktoberfest könnte man dem Begriff des „upgrading“ an vielen Stellen nachspüren (Carpaccio von Lyoner Wurst statt Wurstsalat), aber wenn dann doch das gleißende Münchner Spätsommerlicht scheint und die ganze Welt in einen Schlagschatten nach Art von de Chirico stellt, dann weiß man, dass nichts erotischer ist als eine Dirndl tragende junge Frau mit Dekolleté und einer Sonnenbrille von Gucci auf der Nase - selbst wenn bis auf die Frau alles fake ist.
Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte erlebt man kurz nach Mitternacht, wenn sie die Maßkrüge wegräumen und deren Reste ausschütten, in denen Zigaretten schwimmen; dann, wenn Hühnerknochen und zermanschte Brezn aufgeklaubt werden, während draußen die Besoffenen über platt getretene Fischsemmeln, Pferdeäpfel und Plastikrosen torkeln und es nur noch im Käfer-Festzelt einen letzten „Prosetschko“ gibt. Im Vergleich mit manchem Wiesn-Bummel ist Dantes Inferno ein Spaziergang, weshalb der „Verein gegen betrügerisches Einschenken“ dieses Jahr ein Bürgerbegehren für eine „gemütlichere Wiesn“ startet.
Schrillschön erträumtes Neo-Biedermeier
Fazit: Der Imagewandel der Wiesn entspricht präzise dem allgemeinen Wandel der Gesellschaft: Schriller! Geiler! Jünger! Let's Party - und sich dabei immer hübsch nach wahren Werten sehnen. Aber das machen wir ja auch brav und nostalgisch, weshalb sich Schiffsschaukel und Krinoline neben dem Maschinenpark der Hightech-Achterbahnen allergrößter Beliebtheit erfreuen und dieses Jahr ausgerechnet der „Pemperlprater“ als ältestes Karussell mit Ringelstechen der Wiesn-Hit unter den Fahrgeschäften werden dürfte. Ein „Kleinod mit Ursprung in der Biedermeierzeit“, schwärmt Gabriele Weishäupl vom „Pemperlprater“. Und darauf die Damen im wehenden Dirndl und „a super stylischen Korsage“ und die Buam mit der Hirschledernen und den Wadlstrümpfen. Auf geht's: Die Wiesn 2007 ist schrillschön erträumtes Neo-Biedermeier. Einmal ein Deutschland ohne Hartz-IV-Tristesse, wie es nur in Bayern sein kann.
Es gibt eine einfache Lösung!
Björn Bierström (bierstroem)
- 21.09.2007, 23:40 Uhr
nicht richtig
berkant yildiz (jimmorrisonparis76)
- 22.09.2007, 01:25 Uhr
Reservierungsverbot
Sebastian Unger (Seb.Unger)
- 22.09.2007, 13:08 Uhr
Wer will.....
Bernd Esch (eschb)
- 22.09.2007, 17:51 Uhr
O'zapft is' !!!
Andreas Winkler (fonzie)
- 23.09.2007, 16:37 Uhr