Home
http://www.faz.net/-gum-6sqk9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

"Ökonomie ist eigentlich keine Wissenschaft"

Der Mathematiker Claus Peter Ortlieb über griechische Krisen, große Zahlen und die Lebenslügen der Volkswirte


FRAGE: Professor Ortlieb, was fällt einem Mathematiker in diesen Tagen zum Thema Griechenland ein?


ANTWORT: Was mir zuallererst auffällt, allerdings weniger als Mathematiker, ist die nationalistische Wut auf die "Pleite-Griechen", wie sie von einigen Medien geschürt wird, die damit vom deutschen Beitrag an der griechischen Misere ablenken. Schließlich verdankt sich die deutsche Exportweltmeisterschaft auch dem durch Schulden finanzierten Export nach Südeuropa. Als Mathematiker wiederum fallen einem vielleicht die großen Zahlen ein, die jetzt zu Ehren kommen und von denen ein Pythagoras sich nicht hätte träumen lassen.


FRAGE: In der Tat werden einem ständig riesige Beträge um die Ohren gehauen: In Griechenland fehlen 120 Milliarden, vielleicht auch 150 Milliarden, Deutschland übernimmt davon 22 Milliarden oder noch ein paar Milliarden mehr. Verlieren wir so langsam das Gefühl für große Summen?

Seit der Lehman-Pleite bestimmen tatsächlich fast nur noch riesige Zahlen das Geschäft; die Milliarde ist gewissermaßen zur kleinsten Einheit geworden. Wirklich vorstellen kann sich solche Zahlen niemand, auch mathematische Bildung nützt da übrigens wenig. Eine gewisse Veranschaulichung bietet die Rechnung pro Kopf: Acht Milliarden Euro Steuergelder, verteilt auf 80 Millionen Einwohner, bedeutet hundert Euro pro Person. Das kann man sich dann wieder vorstellen, ist aber womöglich auf andere Weise irreführend, weil hier volkswirtschaftliche Größen auf Einzelhaushalte einfach heruntergebrochen werden.


FRAGE: Wenn Politiker mit Zahlen um sich werfen, erwecken sie den Eindruck von Kompetenz - sogar dann, wenn niemand diese Zahlen nachprüfen kann. Woran liegt das eigentlich?

Wahrscheinlich liegt es daran, dass bei Zahlen zumindest die Fiktion von Nachprüfbarkeit besteht. Wer eine Zahl in den Raum wirft, setzt sich der Gefahr aus, widerlegt zu werden. In Talkshows ist das allerdings kaum möglich, deswegen wird da besonders gern mit irgendwelchen Zahlen argumentiert.


FRAGE: Erstaunlicherweise verbinden Politiker und sogar manche Ökonomen die vermeintlich rationale Welt der Zahlen gern mit der Welt der Zauberei, wenn zum Beispiel bei den Arbeitslosenzahlen von der "magischen Fünf-Millionen-Grenze" die Rede ist. Wie passt das zusammen?

Solchen Zahlenfetischismus könnte man vielleicht als die Magie der Aufklärung bezeichnen. Zahlen haben in der Moderne einen unglaublichen Bedeutungszuwachs erfahren, und gerade die Ökonomie versucht, den Naturwissenschaften nachzueifern, indem sie sich als Sozialphysik versteht. Das führt dann in der Tat zu magischem Denken. Denn es ist ja offensichtlich, dass sich die Gesellschaft als Ganzes nicht allein mit mathematischen Methoden erfassen lässt.


FRAGE: Stört es Sie, dass Ökonomen so stark auf die Mathematik setzen?

Nein, im Gegenteil. Als Mathematiker verdiene ich mein Geld damit, dass Mathematik in anderen Wissenschaften und auch außerhalb der Wissenschaften eingesetzt wird. Die Frage ist allerdings, in welchen Bereichen und auf welche Probleme die mathematisch-naturwissenschaftliche Methode überhaupt sinnvoll angewendet werden kann. Und da gibt es, gelinde gesagt, Übertreibungen. In den mathematischen Naturwissenschaften liegt die Verbindung zwischen Mathematik und Realität im Experiment, in dem die mathematischen Idealbedingungen im Labor erst hergestellt werden. Nur dort tritt ein mathematisches Naturgesetz in seiner vollen Pracht und Herrlichkeit überhaupt in Erscheinung. Oder eben auch nicht, was dann zur Revision der zugrunde liegenden Theorie führt. Was macht nun aber ein Fach wie die Ökonomie, in dem Experimente nicht möglich sind, sondern allenfalls Beobachtungen? Hier fällt das mit der mathematisch-naturwissenschaftlichen Methode verbundene Wahrheitskriterium weg - doch was tritt dann an seine Stelle? Daraus ergeben sich schwierige methodische Fragen. Was ich den mathematischen Ökonomen zum Vorwurf mache und mich an ihrem Vorgehen wirklich stört, das ist, dass sie sich mit diesem Problem gar nicht erst auseinandersetzen, jedenfalls ist das für mich nicht erkennbar.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Toulouse School of Economics Büffeln beim Nobelpreisträger

Der Ökonom Jean Tirole hat die Toulouse School of Economics zu einem Erfolgsmodell gemacht. Das Institut kann locker mit Spitzenunis aus Amerika mithalten - für wesentlich weniger Gebühren. Mehr Von Christian Schubert

17.12.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Bundesfinanzminister Schäuble Weniger Steuern, mehr Investitionen

Die Finanzexperten tagten schon seit Dienstag in Wismar. Die neusten Zahlen zur Steuerschätzung präsentierte dann am Donnerstag Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in Berlin. Im kommenden Jahr dürfte der Fiskus demnach 6,4 Milliarden Euro weniger in der Kasse haben als gedacht. Mehr

07.11.2014, 09:19 Uhr | Politik
Griechenland Parlament verabschiedet umstrittenen Haushalt

Die Regierung in Athen verspricht, im kommenden Jahr fast keine neuen Schulden zu machen. Während die Opposition gegen den Sparkurs protestiert, fordert die Troika umfangreichere Kürzungen. Sie hält die griechischen Prognosen für zu optimistisch. Mehr

08.12.2014, 04:14 Uhr | Wirtschaft
Hauskäufer lässt sich Katze 140.000 Dollar kosten

Dass ihre Katze Tiffany bei der Versteigerung ihres Hauses mal das Zünglein an der Waage sein würde, hätten die Besitzer dieses Eigenheims im australischen Melbourne wohl nicht gedacht. Die geforderten rund zwei Millionen Australische Dollar wollte für die Immobilie mit fünf Schlafzimmern zunächst niemand zahlen. Erst als Tiffany noch oben drauf gelegt wurde, schlug ein Interessent zu - und bot sogar noch 140.000 Dollar mehr. Mehr

14.10.2014, 10:57 Uhr | Gesellschaft
Leuphana-Uni in Lüneburg Die grüne Kaderschmiede

Die Leuphana-Universität hat sich früh auf Nachhaltigkeit spezialisiert. Heute steht sie gut da. Wäre nur nicht der Neubau. Er sollte sparsam sein, wird aber nun sehr teuer. Mehr Von Marvin Milatz

07.12.2014, 09:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.05.2010, 19:42 Uhr

Carlo Perdersoli Bud ist ein Familienmensch

Bud Spencer spricht über die Liebe, Schauspieler Christoph Waltz plaudert über gruselige österreichische Traditionen und Paul McCartney versagt bei Musikspielen - der Smalltalk. Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden