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: "Ökonomie ist eigentlich keine Wissenschaft"

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FRAGE: Professor Ortlieb, was fällt einem Mathematiker in diesen Tagen zum Thema Griechenland ein? ANTWORT: Was mir zuallererst auffällt, allerdings weniger als Mathematiker, ist die nationalistische Wut auf die "Pleite-Griechen", ...


          FRAGE: Professor Ortlieb, was fällt einem Mathematiker in diesen Tagen zum Thema Griechenland ein?


          ANTWORT: Was mir zuallererst auffällt, allerdings weniger als Mathematiker, ist die nationalistische Wut auf die "Pleite-Griechen", wie sie von einigen Medien geschürt wird, die damit vom deutschen Beitrag an der griechischen Misere ablenken. Schließlich verdankt sich die deutsche Exportweltmeisterschaft auch dem durch Schulden finanzierten Export nach Südeuropa. Als Mathematiker wiederum fallen einem vielleicht die großen Zahlen ein, die jetzt zu Ehren kommen und von denen ein Pythagoras sich nicht hätte träumen lassen.


          FRAGE: In der Tat werden einem ständig riesige Beträge um die Ohren gehauen: In Griechenland fehlen 120 Milliarden, vielleicht auch 150 Milliarden, Deutschland übernimmt davon 22 Milliarden oder noch ein paar Milliarden mehr. Verlieren wir so langsam das Gefühl für große Summen?

          Seit der Lehman-Pleite bestimmen tatsächlich fast nur noch riesige Zahlen das Geschäft; die Milliarde ist gewissermaßen zur kleinsten Einheit geworden. Wirklich vorstellen kann sich solche Zahlen niemand, auch mathematische Bildung nützt da übrigens wenig. Eine gewisse Veranschaulichung bietet die Rechnung pro Kopf: Acht Milliarden Euro Steuergelder, verteilt auf 80 Millionen Einwohner, bedeutet hundert Euro pro Person. Das kann man sich dann wieder vorstellen, ist aber womöglich auf andere Weise irreführend, weil hier volkswirtschaftliche Größen auf Einzelhaushalte einfach heruntergebrochen werden.


          FRAGE: Wenn Politiker mit Zahlen um sich werfen, erwecken sie den Eindruck von Kompetenz - sogar dann, wenn niemand diese Zahlen nachprüfen kann. Woran liegt das eigentlich?

          Wahrscheinlich liegt es daran, dass bei Zahlen zumindest die Fiktion von Nachprüfbarkeit besteht. Wer eine Zahl in den Raum wirft, setzt sich der Gefahr aus, widerlegt zu werden. In Talkshows ist das allerdings kaum möglich, deswegen wird da besonders gern mit irgendwelchen Zahlen argumentiert.


          FRAGE: Erstaunlicherweise verbinden Politiker und sogar manche Ökonomen die vermeintlich rationale Welt der Zahlen gern mit der Welt der Zauberei, wenn zum Beispiel bei den Arbeitslosenzahlen von der "magischen Fünf-Millionen-Grenze" die Rede ist. Wie passt das zusammen?

          Solchen Zahlenfetischismus könnte man vielleicht als die Magie der Aufklärung bezeichnen. Zahlen haben in der Moderne einen unglaublichen Bedeutungszuwachs erfahren, und gerade die Ökonomie versucht, den Naturwissenschaften nachzueifern, indem sie sich als Sozialphysik versteht. Das führt dann in der Tat zu magischem Denken. Denn es ist ja offensichtlich, dass sich die Gesellschaft als Ganzes nicht allein mit mathematischen Methoden erfassen lässt.


          FRAGE: Stört es Sie, dass Ökonomen so stark auf die Mathematik setzen?

          Nein, im Gegenteil. Als Mathematiker verdiene ich mein Geld damit, dass Mathematik in anderen Wissenschaften und auch außerhalb der Wissenschaften eingesetzt wird. Die Frage ist allerdings, in welchen Bereichen und auf welche Probleme die mathematisch-naturwissenschaftliche Methode überhaupt sinnvoll angewendet werden kann. Und da gibt es, gelinde gesagt, Übertreibungen. In den mathematischen Naturwissenschaften liegt die Verbindung zwischen Mathematik und Realität im Experiment, in dem die mathematischen Idealbedingungen im Labor erst hergestellt werden. Nur dort tritt ein mathematisches Naturgesetz in seiner vollen Pracht und Herrlichkeit überhaupt in Erscheinung. Oder eben auch nicht, was dann zur Revision der zugrunde liegenden Theorie führt. Was macht nun aber ein Fach wie die Ökonomie, in dem Experimente nicht möglich sind, sondern allenfalls Beobachtungen? Hier fällt das mit der mathematisch-naturwissenschaftlichen Methode verbundene Wahrheitskriterium weg - doch was tritt dann an seine Stelle? Daraus ergeben sich schwierige methodische Fragen. Was ich den mathematischen Ökonomen zum Vorwurf mache und mich an ihrem Vorgehen wirklich stört, das ist, dass sie sich mit diesem Problem gar nicht erst auseinandersetzen, jedenfalls ist das für mich nicht erkennbar.

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