16.05.2007 · Die Idee dieses Rennens, des „Shell Eco-Marathons“, stellt die Regeln des Motorsports auf den Kopf. Nicht der Schnellste gewinnt. Sondern der Sparsamste. Wie weit kommt man mit einem Liter Kraftstoff?
Von Rainer Schulze, NogaroSchillernde Silberfischchen ziehen lautlos an dreifarbigen Larven vorüber, ein schwarzer Käfer überholt knatternd eine behäbige Made. Ein Rennen für Insekten? Auf der Tribüne des Paul-Armagnac-Circuit kribbelt und juckt es schon vom Zuschauen. Die Fahrzeuge, die hier über den Asphalt gleiten, ähneln rollenden Kriechtieren.
Dem Wind bieten sie so wenig Widerstand wie 40 Zentimeter hohe und zwei Meter lange Regentropfen: Autos ohne Ecken und Kanten. Batman könnte so eins fahren. Ohne Klimaanlage und anderen Schnickschnack. Als Einkaufskutschen vollkommen ungeeignet, zwischen Sturzhelm und Karosserie passt allenfalls ein Schokoriegel. Aber darum geht es nicht. Und auch nicht um die Geschwindigkeit.
Mit einem Liter von Oslo nach Rom
Die Idee dieses Rennens, des „Shell Eco-Marathons“, stellt die Regeln des Motorsports auf den Kopf. Nicht der Schnellste gewinnt. Sondern der Sparsamste. Wie weit kommt man mit einem Liter Kraftstoff? 262 Studenten- und Schülergruppen machen der Automobilindustrie vor, was möglich ist. Für die Hersteller von Serienautos gelten schon drei Liter auf hundert Kilometer als Erfolg.
Ein Liter Benzin: Beim Eco-Marathon gewinnt der Sparsamste
Der Sieger des Öko-Marathons, das Lycée La Joliverie, könnte mit seinem von einem Verbrennungsmotor angetriebenen Prototyp von Oslo nach Rom mit einem einzigen Liter Benzin fahren. Für die 3.039 Kilometer wäre er allerdings rund 100 Stunden unterwegs. Denn bei Tempo 30 fährt es sich besonders sparsam.
Die Fahrt grenzt an Folter
Der Rücken wäre nach dieser Gewaltfahrt ein Fall für den Chiropraktiker: Niedriger Verbrauch geht auf Kosten des Komforts. In den Kisten liegen die Piloten flach wenige Zentimeter über dem Erdboden, es rüttelt wie auf einer Wasserrutsche. Sieben Runden à 3,6 Kilometer muss jedes Team innerhalb von 50 Minuten auf dem Paul Armagnac-Circuit drehen, damit es in die Wertung eingeht.
Der Verbrauch wird anschließend hochgerechnet. 50 Minuten in einem engen Cockpit liegend unter sengender Sonne - das grenzt an Folter. „Pörtscht es?“ Acht Hände friemeln hektisch unter der Haube des „Schluckspechts“, halten Spannungsprüfer, tippen auf dem Laptop, drehen am Schraubenschlüssel und überprüfen das „Purge-Ventil“ der Brennstoffzelle.
Ein Schnapsglas Benzin auf 100 Kilometer
Das Fahrzeug der Hochschule Offenburg trägt seinen Namen zu Unrecht. Der Schluckspecht schafft - umgerechnet - 2.716 Kilometer mit einem Liter Benzin, das ist der 3. Platz beim Öko-Marathon 2007. Den Rekord stellte die ETH Zürich vor zwei Jahren auf. Ihr wasserstoffbetriebenes Fahrzeug fuhr 3.836 Kilometer mit dem Äquivalent eines einzigen Liters Kraftstoff: ein Schnapsglas Benzin (0,026 Liter) auf 100 Kilometer.
Mit dem Schluckspecht würde der Veranstalter Shell kein Geld verdienen. Reiner Wasserstoff kommt in den Tank. Aber die Brennstoffzelle will nicht so, wie die Offenburger wollen. Es ist Freitag, morgen beginnt das Rennen, und das Team war noch nicht einmal auf der Teststrecke. Dabei wollen sie in diesem Jahr um den Sieg mitfahren. Dann Erleichterung, der Fehler scheint gefunden. „Es pörtscht!“
Piloten müssen 50 Kilogramm auf die Waage bringen
Sigrid Herb darf nicht zunehmen. 50 Kilogramm, möglichst kein Gramm mehr, soll sie auf die Waage bringen. Immerhin soll die Pilotin den 45 Kilogramm schweren „Schluckspecht“ nicht stärker bremsen als unbedingt nötig. Sigrid Herb ist zierlich und wirkt in ihrem grauen Overall ein bisschen wie einem Pirelli-Kalender entstiegen. Um magersüchtige Pilotinnen, die vor Schwäche aus der Kurve fliegen, auszuschließen, hat der Veranstalter im Reglement ein Mindestgewicht von 50 Kilogramm eingeführt.
Wer leichter ist, muss Gewichte an Bord nehmen. Sigrid Herb muss vor dem Rennen auf die Waage. Test bestanden. Sieben Runden und 50 strapaziöse Minuten später liegt sie vielleicht unter der Mindestmarke: „Isch hab so arg geschwitzt“, sagt sie in breitem Badisch, quält sich aus dem Cockpit, setzt den Sturzhelm ab und lässt sich feiern, als habe sie gerade die Formel Eins gewonnen.
Arbeit, Schweiß und Motoröl
Es riecht nach Arbeit. Nach Schweiß und Motoröl. Durch das Fahrerlager des Öko-Marathons weht ein Hauch Grand Prix. In den weißen Zelten der Boxengasse haben die Studenten ihre Fahrzeuge aufgebockt, liegen teils darunter oder hängen darüber. Acht deutsche Autos gehen an den Start. Die meisten kommen aus Frankreich, viele Holländer sind dabei, sogar aus Singapur ist eine Mannschaft gekommen.
Ihr Gefährt haben die Studenten als Handgepäck im Flugzeug transportiert. Dabei sieht es so aus, als könne es ohne weiteres selbst fliegen. Werkzeuge werden ausgetauscht, die Konkurrenten sind fair. Die einzige Barriere setzt die Sprache. Wenn das Team aus Offenburg bei den französischen Nachbarn einen Zwölfer-Schlüssel ausleihen möchte, wird es schwierig. Am besten, sie bringen die Mutter gleich mit.
Höchstleistung unter der südfranzösischen Sonne
„Das ist die Technik der Zukunft!“ Karsten Wilbrand steht vor einem Kasten aus Plexiglas, zwei Meter lang, vielleicht 40 Zentimeter breit. Der Kasten fährt 50 Kilometer in der Stunde. Eine mit Solarzellen bestückte, 3,5 Quadratmeter große Platte bringt den „Ruppin-Jet“ mit 400 Watt in Schwung. Unter der südfranzösischen Sonne erreichen die Zellen Höchstleistung.
„Damit könnten wir um die ganze Welt fahren“, schwärmt ein Neuruppiner Berufsschüler. Karsten Wilbrand, Wissenschaftler bei Shell, nickt anerkennend. Die Begeisterung der Teams für alternative Energien wächst. 65 Fahrzeuge sind mit Bio-Diesel, Wasserstoff oder Solarenergie am Start, 36 Prozent mehr als im Vorjahr.
„Energieeffizientere Kraftstoffe entwickeln.“
Seit 22 Jahren richtet der Ölkonzern die Wettfahrt aus. Dem gelben Logo ist in Nogaro kein Entrinnen. Ein Ablasshandel für Klimasünden? Sägt Shell nicht am eigenen Ast? Wilbrand sieht das anders. Durch das Wachstum der Schwellen- und Entwicklungsländer werde der Kraftstoffbedarf bis 2050 um 50 Prozent steigen. Die Erdöl-Reserven sind begrenzt.
„Wir müssen energieeffizientere Kraftstoffe entwickeln.“ In nicht allzu ferner Zukunft werde es schlicht zu teuer, das Erdöl aus immer tiefer liegenden Schichten zu fördern. „Es werden sich Technologien durchsetzen, die preiswerter sind.“ Der frühe Forscher fange auch später die Aufträge.
Karosserie aus Seide, Hanf und Balsaholz
Wäre das Rennen eine Modenschau, das Team aus Merseburg hätte den Sieg sicher. Die nur 42 Kilogramm schwere Karosserie des „Zero7“ ist aus Seide, Hanf und Balsaholz gebaut. Im nächsten Jahr soll noch das Kunststoffharz durch ein biologisches ersetzt werden. Dann soll sich das Fahrzeug auf dem Komposthaufen selbst zerlegen. Doch auf der Strecke macht der für den Design- und den Ökologiepreis nominierte Wagen schlapp.
Ohne eine absolvierte Wertungsfahrt muss das Team undekoriert wieder einpacken. Die acht deutschen Teilnehmer nehmen ihre Sache sehr ernst. Ein Team der TU Chemnitz hat sich T-Shirts drucken lassen: „Chemnitz-Paris und zurück“. Das sind immerhin gut 2.000 Kilometer. „Für andere ist das eher ein Schulausflug“, lästert der Informatikstudent Chris Hübsch. Über die türkischen Teilnehmer zwei Zelte weiter kann er nur müde lächeln. „Da schaut ja noch ein halbes Mofa raus.“
Rotes Samtlenkrad mit gelber Stoppuhr
Klaus Wolter lässt Spott an sich abperlen. Der Hauptschullehrer aus Rosenfeld dreht in einer Art Mohrrübe auf Porscherädern stoisch seine Runden. Als einziger deutscher Teilnehmer ist er in der zweiten Kategorie, dem „Urban Concept“-Rennen, am Start. Straßentaugliche Fahrzeuge werden unter städtischen Fahrbedingungen mit Stop-and-go-Verkehr getestet. Klaus Wolters „Entenzwicker“ mutet neben den aerodynamischen Prototypen rührend an.
Auf dem roten Samtlenkrad ist eine gelbe Stoppuhr mit Tesafilm befestigt, die Rückspiegel sind auf Holzklötze geleimt. Mit dem Dieselmotor ist er schon vor 27 Jahren beim Kilometermarathon auf dem Hockenheimring angetreten. Im Ziel entsteigt er etwas enttäuscht seiner Rennrübe. Für 198 Kilometer hätte ein Liter gereicht, ein Platz im Mittelfeld. Vielleicht lag es ja am Schuhwerk. Der Pilot steuerte den „Entenzwicker“ in schwarzen Sandalen.
Irgendwer muss es ja sponsern...
Jonathan Ullwer (Jonathan_Ullwer)
- 16.05.2007, 18:25 Uhr
Weitsicht?!
Andreas Bächtle (Andreas_B.)
- 16.05.2007, 19:59 Uhr