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NSU-Opfer : Damit das alles einen Sinn ergibt

Heute meidet er diesen Ort eigentlich: Sandro D’Alauro in der Keupstraße, wo die Nagelbombe des NSU 22 Menschen verletzte, vier davon schwer. Bild: Frank Röth

Sandro D’Alauro ist ein Opfer des NSU-Bombenanschlags in Köln. Nicht nur die vielen Narben an seinem Körper bezeugen, welche Spuren der Juni 2004 in seinem Leben hinterlassen hat.

          Das schönste Türkis gebe es in den Buchten von „Sorrento“, sagt Sandro D’Alauro. Vielleicht könne noch „Torre del Greco“ mithalten. Das R rollt, und die Augen leuchten, wenn Sandro D’Alauro in einem Café in der Kölner Keupstraße vom Golf von Neapel spricht. Die Farben dieses Meeres und die Verneinung von allem, was nach neapolitanischer Auffassung dem Leben entgegensteht, sei es schlechtes Essen, schlechtes Wetter oder eine Straßenverkehrsordnung, haben ihn immer durchs Leben getragen. Für Freudlosigkeit war nie viel Raum, wenn der Vater aus Neapel und die Mutter aus Köln kommt.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da hieß es eher, als er und seine zwei Brüder, Angelo und Marco, noch klein waren: „Kinder, packt die Koffer, wir fahren zur Nonna!“ Mal eben so, nur für drei Tage, die läppischen 1700 Kilometer von Köln-Porz nach Napoli zu dritt auf der Rückbank. Und, ganz rheinisch, es ist noch alles immer gutgegangen in seinem Leben: Die Schule hat er beendet – zu früh, wie er heute, mit 35 Jahren, findet –, eine Ausbildung als Feinmechaniker abgeschlossen, einen Job am Flughafen bei einem großen Logistikunternehmen gefunden. Über allem immer: die Liebe zum Boxen und zum 1. FC Köln. So viel zu den Dingen, auf die er in seinem Leben Einfluss hatte.

          Mehrere Kilogramm Schwarzpulver und 800 Zimmermannsnägel

          Im Jahr 2004, an einem Tag im Juni, meinten dann andere, über sein Leben entscheiden zu können. Stück für Stück, über elf Jahre bis heute, hat er sich die Entscheidungsfreiheit zurückgeholt. Ein erster Schritt war, sich nach dem Nagelbombenattentat eine verschnörkelte „80“, sein Geburtsjahr, auf den Hals tätowieren zu lassen. Er wollte klarstellen, dass er noch da ist. Dass das andere Datum, das dem Geburtsjahr eines jeden Menschen entgegensteht, in weiter Ferne liegt. Auf gar keinen Fall war es die „2004“.

          Ort des Anschlags: Die Keupstraße in Köln ist eine Einkaufsstraße mit vielen türkischen Geschäften.

          Der 9. Juni 2004 wäre für Sandro D’Alauro wahrscheinlich eher gemütlich verlaufen. Er hatte nach einer Nachtschicht am Flughafen einen Tag frei, konnte ausschlafen. Später holte ihn sein Freund Melih K. ab, mit dem Auto fuhren sie nach Köln-Mühlheim, um in der Keupstraße etwas zu essen zu holen. Die beiden jungen Männer gingen zu einem Restaurant, kauften sich etwas zu essen und schlenderten mit dem Essen in der Hand zu ihrem Auto zurück.

          Um kurz vor vier Uhr kamen sie an dem Friseurladen mit der Hausnummer 29 vorbei. Als die Täter die Bombe zündeten, hatten D’Alauro und K. gerade das Fahrrad mit dem Bombenkoffer passiert, das vor dem Friseurladen auf dem Bürgersteig abgestellt war. Später sagte ihm ein Ermittler, dass die Täter vermutlich gewartet hatten, bis „jemand“ ganz nah an dem Fahrrad vorbeikomme – um dann das „Knöpfchen“ zu drücken.

          Als die Bombe, die mit mehreren Kilogramm Schwarzpulver und rund 800 Zimmermannsnägeln gefüllt war, explodierte, riss es D’Alauro die Beine nach vorne weg. „Ich kippte nach hinten und schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf.“ Sofort habe er den Drang verspürt, aufzustehen, wegzurennen. Er spürte keine Schmerzen, als er das „gelbe Tuch“, das ihn bedeckte, die Markise des zerstörten Friseurladens, wie er hinterher erfuhr, wegzerrte und mit verbranntem und gebrochenem Oberschenkel, einem Loch in der Schulter und verbranntem Arm auf die andere Straßenseite lief. Dort sank er auf dem Bürgersteig zusammen, schrie nach seinem Freund Melih, den er seit der Grundschule kennt und seit dem Anschlag nicht mehr seinen Freund, sondern „seinen Bruder“ nennt. Er wurde wie D’Alauro lebensgefährlich verletzt.

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