Das Konzert von Justin Bieber, das die Plattenfirma des Popstars für diese Woche in Oslo geplant hatte, musste ausfallen. Denn die spektakulärste Bühne der norwegischen Hauptstadt, das begehbare Dach der vor vier Jahren auf einer künstlichen Insel in einem früheren Hafenbecken eröffneten Oper, war schon reserviert: Am Donnerstag feierten dort König Harald V. und Königin Sonja Geburtstag. Er ist zwar schon im Februar 75 Jahre alt geworden, sie zieht erst am 4.Juli nach. Aber in Norwegen, wo ein ausgeprägter Sinn fürs Praktische als Nationaltugend gilt, ist das kein Hindernis für ein gemeinsames Fest.
Am Vormittag nahmen der König und die Königin zunächst im Osloer Schloss die Glückwünsche von Honoratioren entgegen. Danach verfolgten sie vom Balkon aus eine Übung ihrer Garde. Am Nachmittag wurde im Dom ein Gottesdienst gefeiert. Und für den Abend lud die norwegische Regierung zu Ehren des Paars, das seit 1991 an der Spitze des Staates steht, auf das Operndach ein. Und weil Volksnähe als das herausragende Merkmal dieser Monarchie gilt, durften alle kommen und in das Geburtstagsständchen einstimmen - auch Justin Bieber hätte dabei sein dürfen. Rund 8000 Menschen kann das Dach tragen. Die Staatskanzlei riet wegen des Andrangs, rechtzeitig da zu sein - und eine rot-blau-weiße Flagge mitzubringen.
Die Geburtstagsfeier ohne Geburtstag fällt in eine Zeit, in der für viele Norweger Fest und Trauer eng nebeneinander liegen. Einerseits ist der Mai für sie der Monat mit den meisten Feiertagen: Zu den auch in Deutschland bekannten kommt der stets mit großem Eifer erwartete Nationalfeiertag am 17. Mai hinzu. In diesem Jahr brachte der Prozess gegen Anders Behring Breivik aber auch viele grausame Details zu dem Doppelattentat von Utøya und Oslo am 22. Juli 2011 ans Tageslicht. Dass König Harald und Kronprinz Haakon sich schon bald nach den Anschlägen in der Öffentlichkeit zeigten und die richtigen Worte fanden, um ihre Trauer auszudrücken und zur Stärkung der Meinungsfreiheit aufzurufen, stärkte den Rückhalt der Königsfamilie in der Bevölkerung - sofern das überhaupt möglich war.
Denn Kritik an der konstitutionellen Monarchie als Staatsform wird in Norwegen fast nur in der Theorie geübt. So haben mehrere der im Storting vertretenen Parteien in ihrem Grundsatzprogramm stehen, dass sie den Übergang zu einer parlamentarischen Demokratie anstreben. Und die Zeitung „Dagsavisen“ kommentierte den in der vergangenen Woche getroffenen Parlamentsbeschluss, das evangelisch-lutherische Bekenntnis nach fast fünf Jahrhunderten als Staatsreligion abzuschaffen, mit der Feststellung, dass nun nur noch die Monarchie als Überbleibsel einer vergangenen Epoche übrig sei: „Wir sollten mit ihr wie mit der Staatskirche verfahren. Aber es wird noch sehr lange dauern, bis wir soweit sind.“ Konkret sprechen sich dafür zur Zeit nämlich nur die Sozialisten aus und die Norwegische Republikanische Allianz, die vor den beiden jüngsten Parlamentswahlen außerdem mit der Forderung nach niedrigeren Steuern auf Benzin und Lebensmittel zu überzeugen versuchte. 2005 bekam sie 92 Stimmen, 2009 waren es 54.
Die Sympathieträger der Königsfamilie sind Kronprinz Haakon und seine Frau Mette-Marit sowie ihre beiden gemeinsamen Kinder. Dass Mette-Marit einen Sohn aus einer früheren Verbindung und eine bewegte Vorgeschichte mit in die Ehe gebracht hat, gilt heute als Ausweis eines modernen Familienlebens. Und Haakon ist persönlich schon jetzt derart gut in Politik und Wirtschaftsleben des Königreichs vernetzt, dass ihm der Sprung auf den Thron eines Tages nicht schwerfallen dürfte. Als Kuriosum werden indes in Norwegen die spirituellen Abenteuer von Haakons Schwester Märtha Louise gewertet, die überdies mit einem umstrittenen Schriftsteller verheiratet ist: Sie hat schon vor einiger Zeit auf ihren Platz in der Thronfolge verzichtet, um sich ganz einer von ihr gegründeten Einrichtung zu widmen (der „Engelschule“), in der gut zahlende Schüler Zugang zu ihren Schutzengeln finden sollen. Für Gesprächsstoff ist folglich gesorgt. „Wir haben seit Prinzessin Dianas Tod die vermutlich unterhaltsamste Königsfamilie ganz Europas“, meint der Publizist Frank Rossavik.
König Harald und Königin Sonja, die inzwischen fünf Enkel haben, mussten sich ihre Ehe einst hart erkämpfen: Fast zehn Jahre vergingen, bis der damalige Kronprinz das Einverständnis seines Vaters Olav V. und der norwegischen Regierung dafür hatte, eine Tochter aus bürgerlichem Hause zu heiraten. Olav war erst der zweite norwegische König seit der 1905 erklärten Unabhängigkeit des Landes von Schweden; die Familie stammt aus dem deutschen Adelsgeschlecht Sonderburg-Glücksburg. „Entweder sie - oder ich bleibe Junggeselle“, mit diesem Ultimatum soll Harald sein Ziel erreicht haben. Lange brauchte er danach auch, um aus dem Schatten seines in privaten Angelegenheiten strengen, aber als Symbol des Widerstands gegen die deutsche Besatzung und des Wiederaufbaus nach dem Krieg äußerst populären Vaters zu treten. Die vielen Reisen, häufig entlang der Küste an Bord des Königsschiffs „Norwegen“, waren ein wichtiges Mittel dazu. Eine Ausstellung über die Reisen, die zurzeit in Oslo gezeigt wird, gehört deshalb zum Paket von fünf Sonderausstellungen mit Exponaten aus den Schatzkammern und Archiven des Hofs, die in diesem Jahr als Geschenke an das Jubelpaar aus dem Staatshaushalt finanziert werden. Ein Beitrag zur Allgemeinbildung also, der wenig kostet - und damit ein Präsent ganz nach dem Geschmack der meisten Norweger.
Solange es seine Gesundheit erlaube, werde er sein Amt ausfüllen, hat König Harald V. ihnen schon versprochen. Eine Krebserkrankung hat er überwunden, das Rauchen hat er aufgegeben. Nicht unwahrscheinlich also, dass auf die Feier am Donnerstag noch einige runde Geburtstage folgen werden. Wer das Operndach für ein Popkonzert mieten will, sollte jedenfalls rechtzeitig nach einem Termin im königlichen Schloss zu Oslo nachfragen.