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Norbert Witte Das verlorene Reich des Rummelkönigs

01.07.2009 ·  Der Schausteller Norbert Witte hat ein Leben voller Höhenflüge und Abstürze gelebt. Jetzt kommt der Stoff über Witte und seine Familie als Dokumentarfilm ins Kino: „Achterbahn“.

Von Julia Schaaf
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Er sagt, er kann sich ja nicht in die Ecke setzen und weinen. Sich nicht „Idiot“ auf die Stirn schreiben, nicht gegen Wände rennen, nicht immerzu dran denken, dass sein Sohn im Gefängnis steckt, in Peru, in einem der härtesten Knasts der Welt. Zwanzig Jahre wegen Drogenhandels. Und er, der Vater, ist schuld. Norbert Witte sagt lieber: „Das Leben geht trotzdem weiter. Ich muss arbeiten und redlich Geld verdienen.“ Wenn einer wie Witte hinfällt, steht er auf und krempelt die Ärmel wieder hoch.

Deshalb baut Witte auf dem Gelände des einstigen Vergnügungsparks im Ostberliner Plänterwald neuerdings Kirmesbuden. „Ich bin doch Schausteller“, sagt er, als wäre das Erklärung genug. „Imbiss, Ausschank. Schaschlik, Steaks.“ Notfalls stelle er sich auch selbst in seine Buden und verkaufe Bratwurst. Als Chef des „Spreeparks“ hatte Witte eine Rolex am Handgelenk. Heute, gut ein Jahr nachdem er aus der Haft entlassen wurde, trägt er eine Swatch. „Das liegt uns Schaustellern schon in der Wiege: auch durch schlechte Zeiten zu gehen und pfiffig zu sein“, sagt er.

„Wer mit Achterbahnen durch die Welt ziehen kann, kann alles.“

Der Rummelkönig ist zurück in seinem Reich. Neben dem Gerippe eines DDR-Kinderkarussells und der heruntergekommenen „Central Railway Station“ steht der Wohnwagen mit dem Bügelbrett im Eingang. Dort, wo sich früher der Miniscooter befand, hat der Vierundfünfzigjährige eine Schreinerwerkstatt eingerichtet. Aus dem Holz, das nach dem Abriss des Westerndorfes in der Gegend herumlag, zimmert Witte quadratische Pavillons, tüncht sie braun und hängt girlandenweise Glühbirnen unter die Dachkante. Neulich habe ein Tischler seine Konstruktion gelobt, erzählt Witte und sieht in seinem Stolz auf einmal so zufrieden aus wie ein schnurrender Kater in der Mittagssonne. Dann fällt einer dieser Witte-Sätze, die deshalb so ehrlich sind, weil sie einen Größenwahn zum Ausdruck bringen, in dem immer schon die Wahrscheinlichkeit des Absturzes keimt. Dabei hatte man doch nur gefragt, woher so ein Witte jetzt plötzlich schreinern könne. Der Schausteller sagt: „Wer mit Achterbahnen durch die Welt ziehen kann, kann alles.“

Steile Aufstiege im Wechsel mit freiem Fall in ungekannte Tiefen und das wiederkehrende Gefühl, dass es einen aus der Kurve haut: Der großartige Dokumentarfilm von Peter Dörfler über Norbert Witte und seine Familie, der am Donnerstag in die Kinos kommt, heißt „Achterbahn“, und das nicht nur, weil sich das Leben der Wittes schon immer auf den Festplätzen dieser Welt abspielte. Keiner würde diese Geschichte glauben, wäre sie nicht tatsächlich so passiert. Mittwochabend in Berlin: Nach der Publikumspremiere steht Wittes Tochter auf der Kinobühne, eine energische, fröhliche Dreiundzwanzigjährige mit schwarz gefärbten Haaren und nachgemalten Brauen, die im Film das Bindeglied zwischen ihren Eltern spielt, nachdem die Ehe am Schicksal des Sohnes zerbrochen ist. Jetzt streicht sich die junge Frau mit den Fingern von der Nasenwurzel zu den Wangenknochen, damit die Tränen verschwinden, ohne das Make-up zu ruinieren.

Der Abspann sei für sie hart, sagt sie, dieses Foto vom Vater in seinen jungen Jahren mit einem daumenlutschenden Baby auf der nackten Brust - ihrem Bruder. Aber sie sagt auch: „Ich liebe meinen Vater.“ Und: „Gemeinschaftlich sind wir stark.“ Ein Anwalt berichtet von verstärkten Bemühungen der deutschen Behörden, Wittes Sohn aus dem Gefängnis in Lima in die Heimat zu überstellen. „Wenn alles gut läuft, so Gott will, ist er nächstes Jahr um diese Zeit in Deutschland.“ Die Mutter hat sich die Premiere erspart. Sie ist die vielleicht beeindruckendste Person des Films, resolut und klug und unglaublich aufrecht. Es gehe ihr nicht gut, sagen Leute, die sie kennen. Sie verzweifle am Los ihres Sohnes.

Kennengelernt auf dem Rummelplatz

Norbert und Pia Witte sind einander auf dem Rummelplatz begegnet. Sie: eine dunkelhaarige Schönheit mit sinnlichen Lippen und einer Vorliebe für Pelz und exaltierte Hunde. Er: ein schlecht frisiertes Milchgesicht mit einem Schlafzimmerblick, der seine Zielstrebigkeit verschleiert. Sie war „auf'm Autoscooter“ groß geworden, wie es im Branchenjargon heißt, er auf der Losbude, wo er als kleiner Junge die Abende verschlief und die Eltern auf Trab hielt, sobald die Lautsprecher verstummten. Bis zur mittleren Reife besuchte Witte ein Internat. Sein Vater hatte eine Deutschlehrerin geheiratet und galt als vergleichsweise bodenständig. Über den Sohn hieß es in der Familie, er komme mehr nach seinem Großvater, der sich als Hochstapler einen Namen gemacht hatte. Witte selbst beschreibt sich als risikofreudig.

Nach einer frühen Hochzeit schaffte sich das Paar die ersten Fahrgeschäfte an, und der Aufstieg der Familie begann. Ihr „Katapult“ sorgte für Schlagzeilen als damals schnellste Achterbahn der Welt. 1981 passierte dann, was Norbert Witte auch heute noch „das Übelste“ in seinem Leben nennt. Auf dem Hamburger Volksfest „Dom“ stieß Wittes Reparaturkran mit dem benachbarten Karussell „Skylab“ zusammen und schlitzte die Gondeln auf, so dass Fahrgäste 15 Meter tief zu Boden stürzten. Sieben Menschen starben, 15 wurden zum Teil schwer verletzt. Witte wurde zu einer Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung verurteilt. Weil sein Kran nicht versichert war, kostete das Unglück die Familie ihr Vermögen. „Dann haben wir eben wieder von vorne angefangen“, sagt Witte. „So wie jetzt auch.“

Der einzige Freizeitpark der DDR

Zehn Jahre später, in denen die Familie viel zwischen italienischen und jugoslawischen Festplätzen gereist ist, haben die Wittes fünf Kinder und tatsächlich die nötigen Millionen beisammen, um sich für die Übernahme des einzigen Freizeitparks der DDR zu bewerben. Ihr naturbewusstes Konzept überzeugt. Man beginnt mit großangelegten Bauarbeiten und Investitionen rund um das rote Riesenrad des abgewickelten VEB Kulturparks. Wenn Norbert Witte heute über das Gelände läuft, beschwört er die Vergangenheit wie ein Herrscher sein untergegangenes Reich. Er zeigt auf einen Tümpel und spricht von hohen Fontänen. Neben den Seerosen muss man sich die Schwanenboote vorstellen, auf einer hochgeschossenen Wiese eine Achterbahn. Hier prasselte ein Wasserfall, dort war ein Biergarten, weiter hinten entstand ein Spukschloss.

Das Amphitheater, die Dschunke für die Piratenshow, ein Zirkuszelt, das Glitzern, das Lachen, die vielen Kinder. 500 000 Besucher zog der „Spreepark“ in seinen guten Jahren Mitte der Neunziger an. Witte wollte mindestens das Dreifache. Sein Park sollte zu den schönsten in Europa gehören, er investierte, er baute, er besorgte neue Attraktionen - und stritt sich mit dem Senat über Landschaftsschutz und Parkplätze. Es ging bergab. Die Schulden türmten sich. Im Januar 2002 ließ Witte sechs Fahrgeschäfte in Container laden, verschiffte sie nach Peru und stieg mit seiner Familie ins Flugzeug.

Flucht nach Peru

„Flucht!“, titelten die Medien: Der Hasardeur sei mit unterschlagenem Geld getürmt, lebe im Luxus und bürde Berlin seine Verbindlichkeiten auf. Von 15 Millionen Euro ist die Rede. Norbert Witte wehrt sich bis heute gegen diese Vorwürfe. Wenn überhaupt, könne man von einer moralischen Flucht sprechen, sagt er: Die Familie habe anderswo ihr Glück versuchen wollen, und das möglichst weit weg vom Plänterwald, an dem so viel Herzblut hing. Geklappt hat das nicht. Der Schausteller spricht heute von einer „wirtschaftlichen Fehlentscheidung“. Erst das Bestechungsgeld, um die Karussells und Achterbahnen durch den Zoll zu bringen. Dann das Klima und der Stillstand, die Schäden in einem Ausmaß verursachten, das alle Einnahmen übertraf, als die Fahrgeschäfte endlich liefen. Bis auf den Vater und seinen ältesten Sohn reiste die Familie zurück nach Deutschland, und der Unternehmer, inzwischen schwer herzkrank, ließ sich in einen Deal der Drogenmafia verwickeln. 167 Kilo Kokain sollten über Holland nach Deutschland transportiert werden - eingeschweißt in den Stahlmast des „Fliegenden Teppichs“.

„Ich war immer gierig. Ich wollte immer groß sein. Das kann auch zum Verhängnis werden“, sagt Witte. Er schiebt es auf sein Ego, dass er kriminell geworden ist, anstatt sich sein Scheitern einzugestehen. Sein Sohn habe mit der Sache nichts zu tun. Der Filius hätte nur in seiner Abwesenheit die Frachtpapiere unterschreiben sollen. Im November 2003 werden beide verhaftet, der kranke Vater in Deutschland, der Sohn in Lima. Ein angeblicher Freund entpuppt sich als verdeckter Ermittler der peruanischen Drogenfahndung. Norbert Witte wird im Mai 2004 in Berlin zu einer Haftstrafe verurteilt, die mit sieben Jahren ungewöhnlich milde ausfällt. Das Gericht berücksichtigt seine desolate Gesundheit. Das Insolvenzverfahren der Spreepark GmbH wird später mangels Masse eingestellt.

Ein stattlichen Mann mit einer jovialen, einnehmenden Art

Wer Wittes Geschichte aus der Presse kennt, stellt sich einen gerissenen, womöglich zwielichtigen Typen vor. Wer den Film gesehen hat, erwartet ein fahles Gesicht und hängende Schultern. Wer Witte im Plänterwald besucht, trifft auf einen stattlichen Mann mit einer jovialen, einnehmenden Art. Seit der Schnauzer ab ist, sieht er zehn Jahre jünger aus. Sein Lächeln wirkt warmherzig. Kein Wunder, dass so einer längst wieder Leute um sich hat, die ihn respektvoll mit „Chef“ ansprechen, und eine Frau, die „Schatz“ zu ihm sagt. Auf dem Campingtisch steht ein suppenschüsselgroßer Aschenbecher. Witte weiß, dass er diese drei Päckchen Reval am Tag nicht rauchen dürfte. Die eine Hälfte seines Herzens sei bereits abgestorben. Seine neue Lebensgefährtin serviert Kaffee.

Sie sieht aus wie eine jüngere Ausgabe seiner Ex. Sie hat auch exaltierte Hunde. Sobald sein Sohn in Freiheit ist, will Witte sie heiraten. Dann werde er auch mit dem Rauchen aufhören. Norbert Witte hat Gründe, warum er sich auf einen Film über diesen Wahnsinn einließ, der sein Leben ist: Er hofft, der Wirbel um das Schicksal seines Sohnes befeuere das Engagement der Behörden. Der Film hat Mutter und Tochter Witte einen Gefängnisbesuch in Peru ermöglicht. Außerdem will Norbert Witte etwas richtigstellen.

Der Rummelkönig ringt um sein Lebenswerk

„Es hat doch nicht daran gelegen, dass wir nicht gearbeitet oder kaufmännische Fehler gemacht hätten!“, ruft er, während er durch die Wildnis streift, die einmal sein Park gewesen ist. Er kickt einen rostigen Nagel zur Seite. Der Ärger schießt ihm in die Stimme. Immer wieder lenkt er das Gespräch zurück auf dasselbe Thema. Witte ist überzeugt, dass das Land Berlin die Verträge gebrochen hat und damit den Ruin des Areals verantwortet. Den anschließenden Verfall gleich mit, den Totalschaden, wie Witte es nennt. Eigentlich, sagt der Schausteller, könne er sich dieses Elend kaum ansehen. Einerseits. Andererseits ringt der Rummelkönig um sein Lebenswerk. Wie erschossen liegt ein Brontosaurus auf der Seite. Vor den Rädern der Kleinbahn sprießen Brennnesseln.

Überall Schutt, irgendwo quaken Frösche. Als Witte mit ausladender Handbewegung auf seine Wildwasserbahn zeigt, erhebt sich ein Graureiher von seinem Platz auf der Fahrrinne. Entengrütze bedeckt das Wasser. „Das haben wir so angelegt“, sagt Witte, „das sollte eine Urwaldbahn werden.“ Immer wieder redet er von dem DDR-Asphalt, den seine Bagger überhaupt erst weggeschafft hätten, von den Hügeln, die er geplant hat, von den Seen. Dann deutet er auf die rostigen Schlaufen der letzten verbliebenen Achterbahn, die sich um große Pappeln windet. Der Wind rauscht in den Zweigen. „Mal ganz ehrlich“, fragt Norbert Witte dann: „Gut gebaut oder schlecht?“ Es klingt, als brauche da einer dringend Lob.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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