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Politisches Schlagwort : Nicht Churchill prägte den Begriff „Eiserner Vorhang“

„Das Reich“ erschien von Mai 1940 bis April 1945. Den wöchentlichen Leitartikel schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels immer selbst. Bild: Archiv des Instituts für Zeitgeschichte

Das bekannte Schlagwort, das die Teilung Europas beschreibt, wird meist Winston Churchill zugeschrieben. Doch vor genau siebzig Jahren verwendete den Begriff als erster ein deutscher Journalist.

          Das politische Schlagwort vom „Eisernen Vorhang“ – bezogen auf eine Teilung Europas in einen westlichen freien und einen östlichen unfreien Teil – wird meist Winston S. Churchill zugeschrieben. Am 5. März 1946 benutzte der einstige Kriegspremier in Fulton/Missouri den Begriff, um eine Linie von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria zu kennzeichnen, hinter der „alle Hauptstädte der alten Staaten Zentral- und Osteuropas: Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia“ in der „Sowjetsphäre“ lägen: „nicht nur dem sowjetischen Einfluss ausgesetzt, sondern auch in ständig zunehmendem Maße der Moskauer Kontrolle unterworfen“.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Churchill stellte in Fulton keine direkte Verbindung mit der Konferenz von Jalta her, die vom 4. bis 11. Februar 1945 stattgefunden hatte. Dennoch verfestigte sich im Laufe der Zeit immer stärker die Vorstellung, dass die Teilung der Welt in Jalta den Ursprungsort habe, der „Eiserne Vorhang“ im Einvernehmen der drei Krim-Konferenz-Teilnehmer – Churchill, der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und der sowjetische Generalissimus Joseph Stalin – heruntergelassen worden sei. Der geographische Begriff stieg zur hochpolitischen Chiffre „Jalta“ auf, die zum einen für die Auslieferung von halb Europa an Stalin, andererseits für die gegenseitige Anerkennung der Macht- und Einflusssphären der beiden Supermächte Vereinigte Staaten von Amerika und Sowjetunion in Europa stehen sollte.

          Als Churchill 1954 den sechsten Band seiner Geschichte des Zweiten Weltkrieges publizierte, zitierte er darin aus einem Telegramm, das er am 12. Mai 1945 – nur vier Tage nach dem alliierten Sieg über das „Dritte Reich“ – an Roosevelt geschickt und sich auf die sowjetischen Truppen bezogen hatte: „An iron curtain is drawn down upon their front. We do not know what is going on behind.“ Demnach kam Churchill – mit Verweis auf 1945 und 1946 – das Verdienst zu, den eisernen Vorhang aus der Welt des Theaters in den Raum der Politik überführt zu haben! Als Sicherheitsvorrichtung in Theatern war er seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt, um in Notfällen – besonders bei Bränden – Bühne und Zuschauerraum voneinander zu trennen.

          „Eiserner Vorhang“ schon von Goebbels verwendet

          In späteren Jahren wurde hin und wieder hervorgehoben, dass Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in der nationalsozialistischen Wochenzeitung „Das Reich“ schon am 25. Februar 1945 die Jalta-Vereinbarungen als Ausverkauf der westlichen Positionen in Ostmitteleuropa an die Sowjetunion angeprangert habe: Würde das „Dritte Reich“ die Waffen strecken, dann „würden die Sowjets auch nach den Abmachungen mit Roosevelt, Churchill und Stalin ganz Ost- und Südosteuropa zuzüglich des größten Teils des Reiches besetzen. Vor diesem einschließlich der Sowjetunion riesigen Territorium würde sich sofort ein eiserner Vorhang herunter senken, hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker, wahrscheinlich noch unter dem Beifall der Londonder und New Yorker Judenpresse, begänne.“ Und zu den Folgen eines späteren „Dritten Weltkrieges“ für Europa hieß es im Goebbels-Leitartikel „Das Jahr 2000“: „Wieder würde sich der eiserne Vorhang über dieser nun gigantisch ausgeweiteten Völkertragödie senken.“

          Hitlers fanatischer Chefpropagandist Goebbels war allerdings der zweite Autor, der das Schlagwort vom „Eisernen Vorhang“ in dieser nationalsozialistischen Wochenzeitung benutzte. Zum ersten Mal war es dort eine Woche vorher zu lesen – am 18. Februar 1945, genau vor siebzig Jahren, auf der Titelseite von „Das Reich“ als zentimetergroße Überschrift: „Hinter dem Eisernen Vorhang“.

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