26.01.2009 · An diesem Montag beginnt auch für die Chinesen das neue Jahr. Der traditionelle Neujahrswunsch „Möge sich dein Wohlstand vermehren“ bekommt im Jahr der Krise, das im Zeichen des Büffels steht, noch mehr Bedeutung.
Von Till FähndersMit Böllern und Raketen haben jetzt auch die Chinesen das neue Jahr begrüßt. Nach ihrem traditionellen Mondkalender beginnt an diesem Montag das Jahr des Büffels, es endet das Jahr mit dem Tierkreiszeichen Ratte. In der Volksrepublik China hat die Heimreisewelle zum Neujahrsfest wieder zum Verkehrschaos geführt. Allein 188 Millionen Wanderarbeiter sollen in der vierzigtägigen Hauptreisezeit mit der Bahn unterwegs sein, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete - mehr als je zuvor.
Die Bilder in der chinesischen und ausländischen Presse gleichen denen aus den vergangenen Jahren: Menschen, die in dicke Mäntel eingehüllt in Peking vor den Bahnschaltern ausharren. Passagiere, die in der Stadt Nanjing dicht an dicht gedrängt an einer Busstation warten. Züge, die nicht nur bis zum letzten Platz gefüllt sind, sondern in deren Gängen die Menschen stehen müssen. In der Stadt Shenyang in der nordostchinesischen Provinz Liaoning mussten wegen heftiger Schneefälle mehrere Autobahnen gesperrt und Flüge gestrichen werden.
Fahrkarten schwarz gehandelt
So schlimm wie im vergangenen Jahr sieht es allerdings noch nicht aus. Da hatte ein plötzlicher Kälteeinfall das Land tagelang in eine Verkehrsstarre versetzt. Zehntausende Reisende waren an den Bahnhöfen und Busstationen gestrandet. Mindestens zwei Personen kamen im Gedränge ums Leben. In diesem Jahr ist ein 66 Jahre alter Mann im ostchinesischen Hangzhou offenbar beim Anstehen am Bahnschalter über Nacht gestorben.
Der Todesfall hat die Verärgerung über fehlende oder gefälschte Fahrkarten angeheizt. Die Behörden haben versprochen, stärker gegen Betrügereien vorzugehen. Viele Fahrkarten werden unter der Hand an Schwarzhändler, sogenannte Gelbe Ochsen (Huang Niu), weitergegeben. Die Polizei gibt nun an, seit Dezember schon 4069 Schwarzhändler und Ticket-Betrüger festgenommen zu haben. Fast 90.000 Tickets seien beschlagnahmt worden.
Das Glück kommt durchs Fenster
Immer mehr Chinesen überlegen nun, ob sie das Neujahrsfest nicht zukünftig lieber am Arbeitsort verbringen, anstatt sich die Strapazen einer solchen Reise anzutun. Das wichtigste Fest des Jahres gemeinsam mit der Familie zu verbringen zeugt in China aber von Respekt für die Eltern und Älteren und hat in China eine noch größere Bedeutung als bei uns das Weihnachtsfest. Die Chinesen feiern es mit großen Banketten, auf die wochenlang hingespart wird und die minutiös vorbereitet werden. Im Norden werden vor allem Teigtaschen gemeinsam zubereitet und gegessen. Zusammen schauen sich die Familien seit 1983 meist die sehr beliebte, aber auch als altmodisch verschriene Neujahrsgala an. Die Menschen öffnen Fenster und Türen, um das Glück hereinzulassen.
Wie die chinesische Presse berichtete, bereiten sich auch die Erdbebenopfer vom vergangenen Mai im südwestchinesischen Sichuan seit Wochen auf das Ereignis vor. Die 70 Jahre alte Li Huahui sagt laut „China Daily“, sie habe schon vor einem Monat begonnen, für das Fest einzukaufen. Zusammen mit 30.000 anderen Überlebenden verbringt sie den Winter in einem kargen Wohnlager im Ort Mianzhu, wo bei dem Erdbeben mit wohl 80.000 Toten 90 Prozent aller Häuser zerstört worden waren. Viele Menschen in der Erdbebenregion sollen nach Internetberichten schwer unter der Kälte zu leiden haben, weil Decken und Kleidung knapp sind. „Wir müssen von dem Gebrauch machen, was wir ergattern können“, sagte die Frau der Zeitung.
Geldgeschenke vor dem Fest
Vor dem Fest bemühte sich die Regierung, das Leiden der armen Bevölkerungsschichten ein wenig zu mildern. Sie kündigte an, neun Milliarden Yuan (900 Millionen Euro) an insgesamt 74 Millionen Bedürftige im ganzen Land zu verteilen. Den Armen in den Städten wurden Geldgeschenke in Höhe von 150 Yuan (15 Euro) pro Person versprochen, die arme Landbevölkerung soll pro Person 100 Yuan (10 Euro) bekommen.
In den vergangenen Wochen war die Führung in Peking nicht müde geworden, hervorzuheben, dass der Volksrepublik wegen der Wirtschaftskrise ein schwieriges Jahr bevorstehe. Millionen Wanderarbeiter haben sich schon lange vor dem Fest auf den Weg zurück in ihre Heimatdörfer gemacht, weil es in den Städten keine Arbeit mehr für sie gibt. Wen wundert es da, dass die Wahrsager nur wenig Gutes für das Jahr des Büffels vorauszusagen haben, das je nach Übersetzung des chinesischen Worts "Niu" auch Jahr des Ochsen, Stiers oder des Rinds genannt wird (wie bei Ratte und Maus unterscheiden die Chinesen da sprachlich nicht).
Harte Arbeit, Geduld und Ausdauer
Der Büffel steht für harte Arbeit, Geduld und Ausdauer, Eigenschaften, die in den Zeiten der Krise durchaus gefragt sein könnten, er ist aber auch schwerfällig. Der traditionelle Neujahrswunsch "Möge sich dein Wohlstand vermehren" (Gon xi fa cai) bekommt im Jahr der Krise also noch mehr Bedeutung. Für Kinder und Angestellte fallen die roten Umschläge mit Geldgeschenken wahrscheinlich schon etwas dünner aus als sonst.
Geschäfte und Häuser sind wie jedes Jahr mit Spruchbändern, Laternen und Scherenschnitten in Rot dekoriert. Die Farbe vertreibt das mystische Jahresungeheuer "Nian" und bringt daher Glück. Wer selber in einem Jahr des Rindviehs geboren ist, dem wird deshalb auch geraten, rote Unterwäsche zu tragen.
Die chinesischen Tierkreiszeichen nach dem Mondkalender kehren alle zwölf Jahre wieder. Auf das Jahr des Rindviehs folgt 2010 dann das Jahr des Tigers. Dem Jahr des Büffels ist nach einem Sechzigjahrezyklus dieses Mal das Element „Erde“ zugeordnet, das für Ruhe und gegen Risiko spricht. Zur Bewältigung der Finanzkrise wäre aber eigentlich das Element „Feuer“ viel besser, sagen die chinesischen Wahrsager. Sie sehen in diesem Jahr auch internationale Konflikte und Naturkatastrophen heraufziehen.