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Neue Orgel in Kassel : Brausen und säuseln für Bach und Cage

5675 Pfeifen: Die Orgel in der Martinskirche wird im Endausbau deutlich mehr Register haben als etwa die Orgel der Elbphilharmonie in Hamburg. Bild: Daniel Pilar

Die Martinskirche in Kassel hat eine der größten Orgeln, die in jüngster Zeit in Deutschland gebaut wurden. Mit über 5675 Pfeifen macht sie der Orgel in der Elbphilharmonie Konkurrenz.

          Brüllen kann sie gut, die neue Orgel der Kasseler Martinskirche, aber schnurren fast noch besser. Um die Klanggewalt zu demonstrieren, zieht Kantor Eckhard Manz einige Pedal-Register – darunter die 32-Fuß-Großposaune. Die tiefste Pfeife dieser aus Holz gefertigten Zungenstimme ist elf Meter lang. Ihr Grollen rollt durch den Raum und gemahnt die Zuhörer unten im Kirchenschiff wahrscheinlich noch mehr an das Jüngste Gericht als auf der Empore. „Da ist richtig Saft drin“, sagt Manz zufrieden.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Besonders angetan haben es dem Kirchenmusiker jedoch die sanften Töne. Die Streicher- und Harmonikastimmen, die mit Schwell-Jalousien fast bis zur Unhörbarkeit gedämpft werden können. Und die Aliquoten, die den Grundregistern Obertöne hinzufügen, als würden gläserne Glöckchen angeschlagen. Die Martinsorgel hat besonders viele dieser Aliquotstimmen, die Quinte, Terz, Septime oder None heißen. Auch im Pedal, also dem mit den Füßen zu spielenden Teil, finden sich mehrere solcher Register. Das sei ungewöhnlich, aber kein Traditionsbruch, sagt Manz. Schon Orgelbaumeister des 19.Jahrhunderts wie Ladegast und Cavaillé-Coll hätten solche Klangfarben geschätzt.

          Private Spenden machen das Projekt möglich

          Bemerkenswert an der Orgel, die an Pfingsten erstmals öffentlich erklingt, ist noch mehr. Zunächst die schiere Größe. Im Endausbau soll sie 86 Register und 5675 Pfeifen haben; die Orgel der Elbphilharmonie bringt es nur auf 69 Register. Komplett ist die Martinsorgel erst in einem Jahr; dann kommt zu dem Hauptinstrument ein fahrbares Modul mit neun Registern hinzu, das an verschiedenen Orten im Kirchenschiff plaziert werden kann. Beide Orgeln lassen sich dann auch zusammen spielen. Anlagen von solchen Ausmaßen findet man üblicherweise in Domen. Die Martinskirche ist nur mittelgroß.

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          Das Projekt hat seinen Preis: 2,5 Millionen Euro. Knapp die Hälfte trägt die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Kasseler Kirchengemeinde steuert ebenfalls ihren Teil bei, und gut 800000 Euro haben Privatleute gespendet. Manz zeigt sich beeindruckt vom Engagement der Bürger, die auch einzelne Pfeifen sponsern konnten.

          Orgelbauer sollten sich an modernen Komponisten orientieren

          Wenn das Instrument vom 4.Juni bis zum 27.August in einer Konzertreihe vorgestellt wird, werden allerdings auch Klänge zu vernehmen sein, die für konservative Bach-Freunde eine Herausforderung sind. Seit Jahrzehnten wird in der Martinskirche die zeitgenössische Tonkunst gepflegt; Manz’ Vorvorgänger im Kantorenamt rief das Festival „Neue Musik in der Kirche“ ins Leben. Schon vor einem Vierteljahrhundert gab es Überlegungen, die 1964 erbaute alte Orgel durch ein Werk zu ersetzen, das den Anforderungen moderner Partituren besser gerecht wird. Jetzt ist die Kirche im Besitz eines Instruments, auf dem selbst hochkomplexe Kompositionen authentisch dargestellt werden können.

          Zu verdanken ist das laut Manz auch der österreichischen Firma Rieger, die 2012 den Zuschlag für das Kasseler Projekt bekam. Alle Orgelbauer, die sich um den Auftrag bemühten, bekamen einige Partituren moderner Komponisten zugeschickt, etwa von Olivier Messiaen und John Cage – mit der Bitte, sich ein Instrument auszudenken, auf dem diese Klänge gut realisiert werden könnten. „Rieger hat sofort angebissen“, sagt der Kantor. Dort habe man Erfahrung mit dem Bau großer Orgeln und sei gleichzeitig „musikalisch neugierig“.

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