09.09.2008 · Lateinamerikas Präsidenten schließen sich einer neuen Befreiungsbewegung an: Sie verzichten bei staatstragenden Anlässen auf Anzug und Krawatte. Die Krawatte gilt ihnen als Symbol der Herrschaft der Weißen und als Insignum der „Oligarchie“.
Von Josef OehrleinDie „Revolution des 21. Jahrhunderts“, die der venezolanische Präsident Hugo Chávez unaufhörlich proklamiert, ist ein wenig ins Stocken geraten. Dafür kommt in Lateinamerika stillschweigend eine ganz andere „Revolution“ voran, zu deren Anhängern inzwischen die meisten Präsidenten in der Region zählen: Kaum ein Staatsoberhaupt tritt bei offiziellen Anlässen mehr im dunklen Anzug auf, die Krawatte ist inzwischen verpönt. Die neue Kleiderordnung ist eine Befreiungsbewegung, die ideologische Wurzeln hat, oft aber auch bloß pragmatisch dem Klima Rechnung trägt.
Bei seiner Amtseinführung kürzlich trug Paraguays neuer Präsident Fernando Lugo, das jüngste Mitglied im Club der Krawattenlosen, zur dunklen Hose ein weißes Hemd. Diese Kombination ist inzwischen zu seiner Amtskleidung geworden. In dem durchweg heißen Klima Paraguays ist es recht praktisch, eine Anzugjacke gar nicht erst anzuziehen. Wenn es doch einmal kühler sein sollte, benutzt Lugo eine mit einem Wappen verzierte dunkle Joppe, die eher einer Fliegerjacke als zeremonieller Kleidung gleicht. Bislang hat er es vermieden, Kleider zu benutzen, die den vom Vatikan in den Laienstand zurückversetzten früheren katholischen Bischof an seine Tätigkeit als Kleriker erinnern könnten.
Den Sandalen treu geblieben
Seinen Sandalen, die er schon als „Bischof der Armen“ stets trug, ist er aber treu geblieben. Das weiße Hemd, oft mit hochgekrempelten Ärmeln, ist auch zum bevorzugten Kleidungsstück des Altrevolutionärs und 2006 wieder zum Präsidenten Nicaraguas gewählten Sandinisten Daniel Ortega geworden. Ecuadors Staatsoberhaupt Rafael Correa scheut zwar nicht davor zurück, einen dunklen Anzug zu tragen, aber er benutzt ausschließlich mit Figuren der indigenen Kulturen seines Landes bestickte weiße Hemden mit einem Rundkragen, was die Verwendung einer Krawatte als zusätzlichen Zierrat ohnehin entbehrlich macht.
Die Allergie gegenüber traditioneller Kleidung für offizielle Anlässe hat sich nicht nur auf die Präsidenten übertragen, die sich links von der politischen Mitte angesiedelt haben oder sich gar altrevolutionären Idealen verpflichtet fühlen und ihre Volksnähe mit einer nonchalanten Gewandung kundtun wollen. Auch das konservative Staatsoberhaupt Kolumbiens, Alvaro Uribe, zieht bei mancherlei Gelegenheiten lässige, den klimatischen Bedingungen entsprechende Kleidung protokollarisch korrekter Gewandung vor. So trägt er gern den traditionellen Strohhut, wie er in der Ortschaft Aguadas gefertigt wird, oder hängt sich einen aus seiner Heimatregion Antioquia stammenden Poncho über die Schultern.
Gestreifter Pullover statt Anzug
Die beiden Frauen, die lateinamerikanische Länder regieren, die Präsidentinnen Michelle Bachelet in Chile und Cristina Fernández de Kirchner in Argentinien, haben naturgemäß weniger Probleme als ihre männlichen Amtskollegen, wenn es gilt, mehr Farbe in die protokollarischen Auftritte zu bringen, zu denen sie ihr Amt verpflichtet. Während Bachelet meist in Kostümen konservativen Zuschnitts auftritt, bei denen allerdings eine Farbenpalette von Zitronengelb über knalliges Rot bis zu tiefem Dunkelblau überrascht, weiß die kokette Cristina Kirchner ihre Gesprächspartner, die sie im Regierungspalast, der Casa Rosada, oder in der Residenz in Olivos empfängt, mit einer schier unerschöpflichen Folge neuer modischer Kreationen zu verblüffen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sie bei mehreren öffentlichen Auftritten an einem Tag jedes Mal in neuer Aufmachung erscheint.
Unter allen Staatsoberhäuptern Lateinamerikas ist inzwischen ausgerechnet einer am meisten auf modebewusstes Erscheinen bedacht, von dem man es am wenigsten erwarten würde. Boliviens Präsident Evo Morales, der sich gern als Anwalt der in den vergangenen 500 Jahren unterdrückten Indios darstellt, weil er selbst der Volksgemeinschaft der Aymaras angehört, war einer der ersten Präsidenten Lateinamerikas, die die Krawatte als Symbol der Herrschaft der Weißen und als Insignum der „Oligarchie“ ablehnten. Das führte dazu, dass er auf seiner großen Weltreise nach der Wahl ins Präsidentenamt sich nicht im geringsten um Protokolle und Kleiderordnungen scherte und selbst bei offiziellen Empfängen die „Chompa“, einen einfachen gestreiften Pulli, trug.
Amtsjacke macht Mode
Mit dem Kleidungsstück erregte Evo Morales damals Aufsehen, aber diese Zeiten sind längst vorbei. Wenn er heute auftritt, trägt er zum weißen Hemd (selbstverständlich ohne Krawatte) eine aus feinster Alpakawolle gefertigte Jacke mit einem Streifenmuster, das Bildmotive indigener Gemeinschaften Boliviens enthält. Beides ist inzwischen zu seiner Amtskleidung geworden, in der er staatstragende Entscheidungen vorträgt.
Das Jackett ist von der erfolgreichsten bolivianischen Modeschöpferin, Beatriz Canedo Patiño, die auch Boutiquen in New York und Paris unterhält, entworfen worden. Mit seinen Amtsjacken hat Evo Morales inzwischen Mode gemacht. Sie werden eifrig in vielerlei Variationen nachgeschneidert. Nicht wenige seiner Landsleute, vor allem aus den verarmten Indiogemeinschaften, tadeln ihren Präsidenten wegen seiner Koketterie. Sie würden es viel lieber sehen, wenn er Jacken tragen würde, die Kunsthandwerker aus einer Aymara- oder Quechua-Gemeinschaft gefertigt haben.
Schusssicheres Revolutionshemd
Gerade traditionsbewusste Bolivianer fragen sich auch, warum er nicht mehr in der Ritualkleidung aufgetreten ist, die er am Tag seiner Amtseinführung am 21. Januar 2006 bei einer Zeremonie nach altindianischem Brauch getragen hatte, in der mehrfarbigen Tunika „Junku“, dem Hut „Chuku“ mit den vier Ecken, die den vier Himmelsrichtungen entsprechen, dem Brustschmuck „Huascar Tata Umancha“ und dem Kommandostab „Mascai Pacha“ mit den Kondorköpfen. Die Gewandung, die ihm prächtig stand, ist inzwischen sogar zum kulturellen Erbe Boliviens erklärt worden und wird an der Ruinenstätte Tiwanako aufbewahrt.
Angesichts der krawattenlosen Eitelkeit, mit der sich ein Großteil der lateinamerikanischen Präsidenten der Öffentlichkeit präsentiert, überrascht es, dass ausgerechnet die beiden einflussreichsten Staatschefs in der Region, der venezolanische Revolutionsführer Hugo Chávez und der Brasilianer Luiz Inácio Lula da Silva, bei offiziellen Anlässen stets korrekt in Anzug und Krawatte erscheinen. Doch beide gönnen sich abseits der staatstragenden Auftritte auch ihre Kapriolen. Während Lula bei Empfängen von Sportlern für den Fototermin schon mal deren Trikot anzieht, trägt Chávez bei Kundgebungen vor seiner Gefolgschaft seine Markenzeichen zur Schau: die rote Baskenmütze der Fallschirmspringer und sein knallrotes Revolutionshemd. Angeblich ist es schusssicher.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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