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Nationalsozialistische „Lebensborn“-Heime : Die Patenkinder der SS

Ein Helm der SS: In den „Lebensborn”-Heimen kamen uneheliche Kinder ranghoher SS-Offiziere zur Welt Bild: AP

Bis 1945 kamen im „Lebensborn“ uneheliche Kinder zur Welt. Viele wissen bis heute nicht, wer sie wirklich sind. Ruthild Gorgass wurde im Heim „Harz“ geboren. Im Gegensatz zu vielen „Lebensborn“-Kindern kennt sie ihre Wurzeln.

          Das Silbermedaillon mit den Fotos ihres Vaters trägt Ruthild Gorgass nur an besonderen Tagen. Dieser Tag ist besonders, weil Gorgass an den Ort zurückgekehrt ist, an dem sie 1942 zur Welt kam, mitten im Krieg, mit einem anderen Namen, dem Mädchennamen ihrer Mutter. Das ehemalige Lebensborn-Heim der SS in Wernigerode im Harz steht leer. Die große Frau mit den blauen Augen und den kurzen blonden Haaren öffnet das Gartentor, stapft durch Farne und Brennnesseln um das gelb verklinkerte Fachwerkhaus herum. Hier hat die 68 Jahre alte Physiotherapeutin, die in der Nähe von Mainz wohnt, das erste Vierteljahr ihres Lebens verbracht. Mehr als tausend Kinder wurden hier zwischen 1937 und 1945 geboren, die meisten unehelich. Oft waren die Väter SS-Männer oder ranghohe Nazis.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An der Klingel hängen Spinnweben. Ruthild Gorgass steigt die Stufen zum Eingang hoch und späht durch ein Fenster. Drinnen ist Schimmel. Sie drückt die Klinke, die Tür ist verrammelt. Wenn der Landkreis das Grundstück bald verkauft, wird das baufällige Haus wahrscheinlich abgerissen. „Es ist ein Jammer“, sagt Gorgass. Und dann: „Schon bewegend.“ Und dann: „Wie oft werden diese Frauen diese Treppe gegangen sein.“ Und dann: „Vergangenheit.“

          Schwarzweißfotos erinnern an ihren Vater

          Ihr Vater kam am Tag nach ihrer Geburt hierher, um sich die Tochter anzusehen, obwohl er eigentlich ganz sicher gewesen war, einen Sohn gezeugt zu haben. Wahrscheinlich hatte das Lebensborn-Personal den 49 Jahre alten Mann angerufen, vielleicht chauffierte ihn sein Fahrer zum Lebensborn-Heim „Harz“. Er war ein hohes Tier bei den kriegswichtigen Leuna-Werken in Halle, deshalb hatte er Telefon und ein Auto. Ruthild Gorgass nimmt die Silberkette vom Hals und klappt das Medaillon auf. Die Schwarzweißfotos zeigen einen Mann in einer Uniform des Ersten Weltkriegs. 1916 bekam der Leutnant bei Verdun so viele Splitter in die Brust und in den Rücken, dass er im Zweiten Weltkrieg nicht mehr kämpfen konnte.

          Männer und Frauen, die ihre Kinder im Lebensborn zur Welt kommen lassen wollten, brauchten einen „Ariernachweis“ bis ins Jahr 1800 zurück. Die Schwangere musste außerdem ein Gesundheitszeugnis vorlegen. Obwohl der Lebensborn der SS gehörte, war eine Mitgliedschaft des Vaters in der „Schutzstaffel“ nicht zwingend. Heinrich Himmler wollte mit dem 1935 gegründeten Lebensborn-Verein verhindern, dass die „nordische Rasse“ ausstarb - und erreichen, dass es weniger Abtreibungen gab.

          Um das Tagebuch ihrer Mutter beneiden sie viele Lebensborn-Kinder

          Obwohl die Historiker das Thema inzwischen entdeckt haben, hält sich das Gerücht, dass die Nazis in den sieben Lebensborn-Heimen im Deutschen Reich Menschen züchteten, indem sie SS-Männern deutsche Mädels zuführten. Es entstand schon in der Nazi-Zeit: Die Heime lagen abgeschieden, und die Menschen sahen nicht viel mehr, als dass dort ständig Schwangere und Uniformierte ein und aus gingen.

          Ruthild Gorgass wüsste gerne, wie ihr Vater die kleine Reise nach Wernigerode seiner Ehefrau plausibel gemacht hatte, die mit dem Sohn in Halle blieb. Aber wichtiger ist ihr, wie es ihrer Mutter damals ging. Wahrscheinlich, sagt die Tochter, hat sie sich hochschwanger vom Bahnhof nach hier oben in die Salzbergstraße geschleppt. Sportlich sei ihre Mutter gewesen; wegen ihrer festen Muskeln dauerte die Geburt 40 Stunden. So jedenfalls hat sie es damals in ihr Tagebuch geschrieben. Um dieses Buch beneiden andere ehemalige Lebensborn-Kinder Frau Gorgass. Die Mutter hat darin Ruthilds ersten Zahn gefeiert und den ersten Klaps vermerkt, weil das Baby seine Milchration nicht trinken wollte. Vati kam alle paar Monate vorbei - bis Ruthild elf war. Bevor er 1953, gerade Rentner geworden, aus der DDR in den Westen ging, gab er der Mutter das Medaillon. Ruthild sollte es bekommen, wenn sie groß sei. Seit dem Tag des Abschieds, über den Frau Gorgass nicht gern spricht, weil er so traurig war, hat sie den Vater nicht mehr gesehen. Ein paar Jahre lang schickte er Westprodukte. Die ließ er im Laden packen, damit seine Frau nichts merkte. 1970 starb er.

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