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Nationalsozialismus Tagebuchseiten Mengeles gefunden

24.11.2004 ·  Bis zu seinem Tod versteckte sich der KZ-Arzt Josef Mengele in Südamerika. Nun wurden bislang unbekannte Briefe und Tagebuchnotizen in der Zeitung „Folha de São Paulo“ veröffentlicht, die im Haus eines Mengele-Freundes entdeckt worden sind.

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Der KZ-Arzt Josef Mengele, der seine letzten Lebensjahre in Brasilien verbrachte, erwog Mitte der siebziger Jahre, nach Europa zurückzukehren. Das Vorhaben scheiterte jedoch an gesundheitlichen Schwierigkeiten und den immer größeren wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in die er geraten war.

Das geht aus einem Konvolut von 85 Dokumenten hervor, das im Oktober am Sitz der brasilianischen Bundespolizei in São Paulo aufgefunden wurde. Die bislang unbekannten Schriftstücke, darunter 13 Seiten eines Tagebuchs, die jetzt zum Teil von der Zeitung „Folha de São Paulo“ veröffentlicht wurden, waren 1985 im Haus eines Mengele-Freundes entdeckt worden.

Mengele benutzte falsche Identität

Er fühle sich einsam und verlassen wie nie zuvor, schrieb der frühere KZ-Arzt Wolfgang Gerhard, einem Vertrauten aus NS-Tagen, der zunächst gleichfalls in Brasilien lebte, aber 1971 nach Europa zurückkehrte und dessen Identität und Ausweise Mengele benutzte.

Damals hatte der einstige NS-Scherge aus wirtschaftlicher Not eine Wohnung in São Paulo verkaufen müssen, von deren Mieterlös er die Ausgaben für die Beschaffung gefälschter Dokumente zu bestreiten und Schweigegeld für Personen zu bezahlen pflegte, die seine Identität kannten. Am Ende habe er nicht einmal mehr das Geld für Benzin aufbringen können, um eine Fahrt nach Rio de Janeiro zu unternehmen, klagt er.

Außerdem hatte sich sein Gesundheitszustand verschlechtert. Mengeles Gewohnheit, aus Nervosität an seinem Schnurrbart zu kauen und die Haare zu verschlucken, ließ ein Haarknäuel entstehen, das zu einer lebensgefährlichen Obstruktion in den Eingeweiden führte.

400.000 Juden fielen dem KZ-Arzt zum Opfer

Mengele, der KZ-Gefangene grausamen medizinischen Experimenten unterzogen hatte und dessen Praktiken 400.000 Juden zum Opfer fielen, empfand offenbar nie Reue über die von ihm begangenen Verbrechen. Über andere NS-Figuren, die ihr Verhalten bedauerten, echauffierte er sich. Es sei bedauernswert, daß Albert Speer in seinen Memoiren Reue gezeigt habe, schreibt er etwa.

In den Texten hält Mengele seine Anschauungen von der Überlegenheit bestimmter Rassen aufrecht, stellt die Ergebnisse jeder Rassenmischung in Frage und rühmt die Apartheid als „effektive und einzige“ Form, die Rassenmischung zu verhindern. Paradoxerweise hatte er in einem Land Unterschlupf gefunden, in dem das Zusammenleben und die Vermischung von Menschen aus den unterschiedlichsten Erdteilen und Völkern reibungslos funktioniert.

Finanzielle Schwierigkeiten

In einem Brief an seinen Freund Gerhard schildert Mengele die schwere Krebskrankheit seiner Frau Ruth und die finanziellen Schwierigkeiten, sie nach Beirut zu bringen, um sie dort medizinisch behandeln zu lassen. Mengele, der 1911 im bayerischen Günzburg geboren wurde, floh, nachdem er in der Nachkriegszeit bei einem Landwirt in Oberbayern untergeschlüpft war, im Jahr 1948 zunächst nach Argentinien. Als man ihm dort zehn Jahre später auf die Spur kam, tauchte er in Paraguay unter und ging anschließend nach Brasilien.

1979 kam er bei einem Badeunfall an einem Strand im Bundesstaat São Paulo ums Leben. Gebeine, die von der brasilianischen Polizei 1985 entdeckt worden waren, erwiesen sich nach Gen-Untersuchungen als die Mengeles. Die Bundespolizei will in São Paulo einige der aus Mengeles Besitz stammenden Schriftstücke und Gegenstände in einer Ausstellung zeigen.

Quelle: oe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2004, Nr. 275 / Seite 9
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