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Veröffentlicht: 26.05.2015, 15:00 Uhr

Erziehung Denn Narzissmus hält ein Leben lang

Manche Eltern überschütten ihre Kinder mit Lob: Du bist so toll! Du kannst alles werden! Das soll Selbstbewusstsein bringen. Tut es aber nicht.

von Francesco Giammarco
© Picture-Alliance In sein eigenes Spiegelbild verliebt: Narziss aus der griechischen Mythologie.

Das Märchen „Frau Holle“ erzählt von einer Familie: von einer Mutter und ihren beiden Mädchen. Einer Stieftochter und einer leiblichen. Die Stieftochter wird von der Mutter schlecht behandelt. Aber sie erfüllt alle Aufgaben, die das Leben ihr stellt, und erwartet nichts dafür. Sie holt das Brot, das darum bittet, aus dem Ofen, bevor es verbrennt. Sie schüttelt den Baum, damit die reifen Äpfel abfallen. Und sie dient der Frau Holle, schüttelt jeden Tag ihre Kissen aus, damit es auf der Erde schneit. Zum Lohn wird sie mit einem Goldregen überschüttet, deswegen nennt man sie die Goldmarie. Die leibliche Tochter wird von der Mutter besser behandelt, im Gegensatz zu ihrer Schwester muss sie keine harten Hausarbeiten erledigen.

Die Schwester möchte, dass es auch für sie Gold regnet. Aber sie erfüllt die Aufgaben nicht. Das Brot holt sie nicht aus dem Ofen, weil sie sich nicht schmutzig machen will. Den Baum schüttelt sie nicht, da ihr die Äpfel auf den Kopf fallen könnten. Der Frau Holle dient sie nur am ersten Tag fleißig - weil sie immerzu an den Goldregen denkt -, aber schon am zweiten wird sie faul und schüttelt die Kissen nicht mehr aus. Am Ende regnet es stinkendes Pech auf sie herab. Es bleibt an ihr kleben und geht ein Leben lang nicht ab. Sie ist die Pechmarie.

Narzissten lechzen nach Bestätigung

Auch Narzissmus klebt ein Leben lang. Narzissten halten sich für besser als andere, für schlauer und schöner als andere. Sie glauben, dass sie dafür Anerkennung verdienen und dass die Regeln des Zusammenlebens für andere gelten, aber nicht für sie. Deswegen machen narzisstische Menschen oft den Eindruck, als hätten sie sehr großes Selbstvertrauen. Aber Narzissten sind sich selbst nicht genug, es reicht ihnen nicht, zu wissen - oder zu glauben -, dass sie toll sind. Sie brauchen unbedingt die Bestätigung von anderen, deren Bewunderung. Das ist das Gegenteil von Selbstvertrauen. Narzissmus ist aber keine Krankheit, er ist eine Eigenschaft, ein Charakterzug. Jeder Mensch hat narzisstische Tendenzen, sie sind nur unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei dem Unterschied zwischen Narzissmus und Selbstbewusstsein kommt es - wie bei dem Unterschied zwischen Pechregen und Goldregen - auf die Eltern an. Darauf, wie sie ihre Kinder behandeln.

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Ein Team der Universität Amsterdam hat das erforscht. In einer Langzeitstudie wollte es herausfinden, wie Narzissmus bei Kindern entsteht. Zu diesem Zweck haben die Wissenschaftler über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren 565 Kinder und ihre Eltern befragt. Narzissmus ist ein Selbstbild, es lässt sich also messen, indem man Menschen Einschätzungen über sich selbst treffen lässt. Die Kinder sollten angeben, wie sehr Aussagen auf sie zutreffen würden. Aussagen wie: „Ich verdiene etwas extra.“ Oder: „Ohne mich wäre es in meiner Klasse langweilig.“ Die Eltern wiederum sollten angeben, wie sehr Aussagen auf ihre Kinder zutreffen. Die Aussagen waren ganz ähnlich: „Mein Kind ist klüger als andere Kinder.“ Oder: „Ohne mein Kind wäre es in seiner Klasse langweilig.“ Die Befragungen ergaben, dass jene Kinder mit der Zeit narzisstische Tendenzen entwickelten, deren Eltern glaubten, sie seien klüger, interessanter oder spezieller als andere Kinder. Die Ergebnisse entsprachen der Theorie des Sozialen Lernens. Die Forscher gehen davon aus, dass Kinder die Einschätzungen ihrer Eltern übernehmen. Wenn die Eltern sie für etwas Besonderes halten, dann tun sie es selbst auch. Wenn die Eltern sie mit Lob und Preis überschütten, dann erwarten die Kinder das auch von anderen. Kurz gesagt, Kinder lernen den Narzissmus von den eigenen Eltern.

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