16.02.2010 · Die Missbrauchsfälle bei den Jesuiten machen eine schwierige Wahl noch komplizierter. Eine Begegnung mit zwei Männern, die dem Orden beitreten wollen.
Von Julia SchaafAls Lutz Müller hinter den Altar tritt, ist das Eingangslied verklungen. Volle Männerstimmen haben die wenigen Frauen in der Kapelle der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt übertönt. Bis unter die Decke schien der moderne Rundbau angefüllt mit Musik. Jetzt ist es sehr still. Winterliches Tageslicht verstärkt die kühle, festliche Atmosphäre. Der Jesuitenpater hat sich bekreuzigt. Dann spricht er das Kyrie, die ersten Worte der letzten Messe in diesem Semester, und seine Sätze zerschmettern jeden Verdacht, sein Orden könnte nach den Erschütterungen der vergangenen Wochen zur Tagesordnung übergehen. „Gott, schenke den Opfern des Missbrauchs Kraft zum Aussprechen des Unrechts und Kraft zur Wahrheit“, sagt Müller. „Christus, gib den Verantwortlichen Aufrichtigkeit, so dass sie ihre Beteiligung benennen, wo sie gesündigt haben durch Verschweigen und Wegsehen.“ In seiner Predigt wird es viel um Wahrheit gehen, um den Ursprung des Bösen im Kopf und die Notwendigkeit, sich jemandem anzuvertrauen. „Herr, erbarme dich“, erwidert die Gemeinde, wie es sich der Liturgie zufolge gehört: „Christus, erbarme dich.“
Nach der wöchentlichen Campusmesse pilgert die Gemeinde in die Mensa. Es gibt Asianudeln mit Gemüse oder Hühnchen in Kokos. Wie jeden Mittwoch ist die Tür zum Speisesaal der Ordensmänner geöffnet. Vereinzelt stehen Jesuiten in der Warteschlange zwischen Theologiestudenten, angehenden Priestern und den Mitarbeitern der Hochschule; sie tragen Pullover oder Jackett wie die anderen auch. Außerdem sind da Leopold Stübner und Thomas Albers. Die jungen Männer studieren in St. Georgen und leben in einer speziellen Wohngemeinschaft auf dem Gelände, weil sie ernsthaft überlegen, dem Orden beizutreten. „Die beiden sind Ausnahmen“, sagt Pater Müller, der als Beauftragter für die Berufungspastoral Neugierige berät und ernsthafte Interessenten wie Albers und Stübner in ihrer Entscheidungsfindung begleitet. 400 Jesuiten gibt es in Deutschland, jedes Jahr beginnen knapp zehn Männer das Noviziat. Aber das sind eigentlich zu wenige, um langfristig alle Hochschulen und Gymnasien der Jesuiten zu betreiben, die Flüchtlingsarbeit, die Projekte in Afrika. Müller spricht von Nachwuchssorgen. Wer wählt heutzutage schon so ein Leben? Und warum? „Die Beschreibung männlich, katholisch, Single, klug reicht nicht aus“, sagt der Pater. Ob die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch durch Ordensmänner seine Arbeit in Zukunft weiter erschweren könnten? Der Jesuit antwortet: „Die Frage stelle ich mir auch.“
„Wo will ich mit meinem Leben hin?“
Leopold Stübner geht einen Weg, der bis vor wenigen Jahrzehnten durchaus üblich war: direkt vom Abitur in Richtung Kommunität, mit fliegenden Fahnen. Der Einundzwanzigjährige stammt aus einem protestantischen Elternhaus in Dresden. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Optikerin. Er besucht ein katholisches Gymnasium, das die Eltern für die beste Schule der Stadt halten, und wird konfirmiert, weil das dazugehört. Dann trennen sich die Eltern. „Für mich ist meine emotionale Heimat zerbrochen“, sagt Stübner. Heute, fügt er an, sei er dafür dankbar, wohl wissend, wie absurd das klingt. Aber was er Heilung nennt, ist mehr als die Aufarbeitung eines Kindheitstraumas. Stübner erzählt von den Fragen, die sich ihm aufdrängten: Was ist der Grund, auf dem alles steht? Warum funktioniert das Zusammenleben der Großeltern so gut - praktizierender Christen? Woher nimmt die Oma die Selbstverständlichkeit, sich noch mit Mitte siebzig um Obdachlose zu kümmern? Und immer wieder: „Wo will ich mit meinem Leben hin?“
Man merkt Leopold Stübner an, dass er sehr gläubig geworden und davon selbst begeistert ist. Über die Schule, an der er seine Interessen entfalten kann und wo er den Umgang miteinander schätzt, über die Pfarrei, wo er in die Jugendarbeit einsteigt, entdeckt er den Katholizismus. Er konvertiert 2007. Stübner benutzt eine Sprache, der das Philosophiestudium anzuhören ist, das er seit anderthalb Jahren in St. Georgen verfolgt. Manchmal fragt man sich, ob diese Komplexität eigentlich genau oder schwammig ist. Aber es geht Stübner nie um fromme Worte. Er spricht von religiösen Erfahrungen. Von einem Gott, zu dem er „du“ sagen kann, weil er ihm nahe ist. Von der Berufung, in der Nähe dieses Gottes zu leben.
Eine karge Küche und ein unpersönlicher Gemeinschaftsraum
Thomas Albers hingegen - das ist heutzutage die gängigere Variante - fand sich mit 19 Jahren zu jung, um den Gedanken an ein Dasein als Priester weiter zu verfolgen. Er studierte Mathematik in Münster, war Gitarrist in einer Rockband und fuhr jedes zweite Wochenende nach Bremen, um Werder spielen zu sehen. Drei Jahre lang hatte er eine feste Freundin. Aber vor dem Diplom stellte sich auch ihm die Frage nach dem Ziel seines Lebens. Er wusste, dass er Menschen helfen wollte, und als Kind einer katholischen Familie aus Vechta war für ihn klar, dass die Grundlage hierfür der Glauben sein sollte. Ein Freund riet, ein Ordensleben zu erwägen. Also www.orden.de: Unter Dutzenden von Gemeinschaften schrieb er eine Handvoll an. Im Juli 2009, eine Woche nach seinem Examen - Note 1,3 -, fuhr Albers nach Frankfurt zu einem Interessentenwochenende bei Pater Müller.
Albers mag die Verbindung von Arbeit und Kontemplation bei den Jesuiten, die auf der Überzeugung beruht, dass Gott im Alltag zu finden ist. Die Bedeutung von Bildung. Die Mobilität der Ordensmänner. Die Freiheit des Individuums, die schon während der Zeit in der Wohngemeinschaft dazu führt, dass er selbst entscheiden kann, wann am Tag er sich Zeit nimmt für die vorgeschriebene Beschäftigung mit der Bibel. Abgesehen von diesem intensiven geistlichen Leben, sagt der Fünfundzwanzigjährige, seien die Unterschiede zu seiner früheren Studentenwelt nicht groß. Natürlich gibt es da die Gruppenabende mit Stübner, anderen Interessenten und Pater Müller. Aber die karge Küche und der unpersönliche Gemeinschaftsraum mit Büchern vorangegangener Bewohner - vom Tom-Clancy-Thriller bis zur Biographie des Ordensgründers Ignatius von Loyola - wären in jedem beliebigen Studentenwohnheim denkbar. In seinem Zimmerchen hat Albers Werder-Bettwäsche und die E-Gitarre. Abends geht er gelegentlich in die Kneipe oder ins Kino. „Ich feiere eindeutig weniger als in Münster“, sagt er. Aber das liege an Frankfurt.
„Das ist sehr intim“
Demnächst wird der Mathematiker sogenannte Exerzitien absolvieren, wie sie für die Jesuiten typisch sind. „Ich habe große Hoffnung, dass mich das weiterbringt“, sagt er und meint die Entscheidung darüber, ob der Orden der richtige Platz für ihn ist. Zehn Tage wird er sich in einem Kloster in der Pfalz aufhalten in Begleitung eines Seelsorgers - weitgehend schweigend. Es wird Zeit für Spaziergänge geben, vielleicht Körperwahrnehmungsübungen, einmal am Tag den Besuch der Messe. Aber im Zentrum stehen Schriftbetrachtungen. Albers beschreibt das so: Mit Hilfe eines Höckerchens kniet man sich auf den Boden. Konzentriert sich auf sich selbst, möglichst, ohne sich ablenken zu lassen. Man liest den Text und versucht, die Worte auf sein eigenes Leben zu beziehen. „Dann kommt man ins Gespräch, ins Gebet“, sagt Albers. „Aber das ist sehr intim.“ Nur dem Exerzitienbegleiter gegenüber gelte es, alle Gedanken und Gefühle auszusprechen: Das habe doch der Pater vormittags auch in der Messe klar gesagt.
Gut und gerne 15 Jahre dauert es bei den Jesuiten, bis ein Ordensmann mit der Ausbildung fertig ist. Dem Theologiestudium und der etwaigen Priesterweihe schließt sich oft ein Aufbaustudium an. Das Noviziat, von dem Pater Müller sagt, dass es heutzutage strenger sei als früher, weil der persönliche Reifungsprozess mit großer Aufmerksamkeit begleitet werde, ist also erst der Anfang. Dann kommen die drei Gelübde: Armut. Gehorsam. Keuschheit. Leopold Stübner ahnt, dass es ihm schwerfallen könnte, auf sein iPhone zu verzichten. Auf den immer neuesten Rechner und anderen technischen Schnickschnack. Er weiß nicht genau, wie viel Geld ein Jesuit für private Ausgaben zur Verfügung hat. Aber er vertraut darauf, dass der Orden finanziert, was er für die Arbeit braucht. Und weil er schon jetzt an der Hochschule als Computertechniker jobbt und gerade an einer Hausarbeit über Internetethik sitzt, hofft er, sein Faible auch als Ordensmann pflegen zu können.
„Ist das jetzt so schlimm, ein Kind zu haben?“
Als er das Neugeborene seiner Schwester im Arm hielt, fragte die Verwandtschaft allerdings spitz: „Ist das jetzt so schlimm, ein Kind zu haben?“ Dabei hätte Stübner gerne eine Familie. Albers auch. Stübner spricht von der Herausforderung, den Verzicht auf die „wunderbare Erfahrung“ eigener Kinder und gelebter Sexualität in die Persönlichkeit zu integrieren. „Ich kann ein zölibatäres Leben nicht nur in Kauf nehmen. Ich muss es wollen“, sagt er. Schon jetzt ahne er immerhin, dass diese „Leerstelle“ die Exklusivität der Beziehung zu Gott bereichern könne. „Man muss abwägen“, sagt Albers. Und: „Der Zölibat wird immer so hochgehängt.“ Er hält die Pflicht zum Gehorsam für die schwierigere Bürde. Denn Jesuit zu sein bedeute auch: Man darf zwar einen Berufswunsch haben. Albers interessiert sich etwa für das Engagement des Ordens in Afrika oder sieht sich als Lehrer. Aber es gibt keine Garantie dafür, je auf diesen Feldern zu arbeiten. Vorgesetzte entscheiden, wer wo der Gemeinschaft am besten dient.
Beim Mittagessen in der Mensa treffen sich Pater Müller, Stübner und Albers an einem Tisch. Der Priester hat seine Frühlingsrolle aufgegessen. Zum Nachtisch packt er einen chinesischen Glückskeks aus. „Alles, was Sie anfangen, wird Ihnen gelingen“, steht auf einem Zettel. Der Pater schnaubt: „Blödsinn!“ Stübner merkt an: „Das ist ein gewisser Kontrast zur Predigt.“ Pater Müller lacht schallend. Es hat etwas Befreiendes. Hinter ihnen liegen zwei turbulente Wochen. Der Skandal um den Missbrauch von Kindern durch Jesuiten ist allgegenwärtig, und er kam wie ein Schock. „Mich hat das sehr mitgenommen. Gerade in diesen Paradedisziplinen des Ordens, in den Schulen, da passiert so was - das tut weh“, sagt Stübner. Albers sagt: „Diese Seite von dem Orden kannte man nicht.“
Besonders aufgewühlt haben sie die Taten des Mannes, der in derselben Wohngemeinschaft wie Pater Müller zu Hause ist. Sie kennen ihn und haben gemeinsam an einem Tisch gegessen. Albers sagt: „Man muss sich überlegen, dann lebt man vielleicht mit Leuten zusammen, die entsprechende Fehler begangen haben in der Vergangenheit - möchte man das?“ Am letzten Gruppenabend haben sie lange mit ihrem Pater über das Thema gesprochen, sehr offen und ehrlich, so Albers. Der Pater selbst sagt: „Die Situation zerreißt einen. Wie gestaltet man das tägliche Frühstück?“ Eigentlich ist Albers überzeugt, dass es sich um Taten Einzelner handelt und man den Orden nicht unter Generalverdacht stellen darf. Was seine Entscheidung für oder gegen die Jesuiten angeht, sagt er trotzdem: „Ich weiß selbst noch nicht, inwiefern mich das beeinflussen wird.“ Leopold Stübner unterdessen hat Anfang des Jahres um Aufnahme in den Orden gebeten. Wenn alles gutgeht, ist er im Herbst Novize.
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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