17.02.2012 · Die Politik macht vor dem Karneval nicht Halt: Der Rücktritt des Bundespräsidenten zwingt die Narren vor den tollen Tagen noch einmal zu Nachtschichten.
Von Reiner Burger, Markus Schug, Anne Hähnig, Düsseldorf/Mainz/FrankfurtChristian Wulff war schon fertig modelliert: Er lag auf dem Boden, die grauen Häschenohren standen ab, in seinen Gesichtszügen lag nicht nur die Wulffsche Gleichgültigkeit, sondern auch Angst - vor allem vor dem Fleischer, der sich über ihm aufbaut, bereit, den Bundespräsidenten zu schlachten.
Das Festkomitee des Kölner Karnevals hatte seinen Wulff-Wagen sogar in den vergangenen Tagen schon präsentiert. Der Rücktritt des Bundespräsidenten bringt nicht nur Angela Merkel in Handlungsnot. Er hat auch karnevalistische Sprengkraft. Sigrid Krebs jedenfalls, die Pressesprecherin des Kölner Festkomitees, klingt am Freitagmittag so, als wäre sie es, die nun fix einen Nachfolger für Wulff suchen müsse. Gehetzt würgt sie Anrufer ab. Erst am späten Nachmittag könne der neue Entwurf zu Christian Wulff präsentiert werden.
Immerhin, der Leiter des Kölner Rosenmontagszugs, Christoph Kuckelkorn, meldet sich kurz zu Wort. Selbstverständlich werde man nun schnell den Wulff-Motivwagen umbauen. Man sei gerade in einer kreativen Phase - die allerdings sogleich wieder unterbrochen wurde. Denn die gesamte närrische Führung inklusive Dreigestirn hatte am Freitag zunächst noch ein, wie Sprecherin Sigrid Krebs sagt, „protokollarisch höchst anspruchsvolles“ Mittagessen mit der Stadtspitze zu absolvieren.
Mit dem Rücktritt hat Wulff den Kölner Karnevalisten einen großen Gefallen getan: Sie bekommen eine zweite Chance. Denn ihr Wulff-Motivwagen war auf viel Kritik gestoßen. Die Zeitung „Bild“ ätzte über das Häschenmotiv: „Es wulfft einfach nicht!“ Und der „Kölner Stadt-Anzeiger“ befand in seiner Online-Ausgabe: „Erst wenn man breit genug ist, dass man den Cowboy nicht mehr vom Emir unterscheiden kann, bringt man auch genug Phantasie auf, den arglosen Hasen überhaupt als Christian Wulff zu erkennen.“ Auch Jacques Tilly, der Düsseldorfer Wagenbauer, hatte sich zu Wort gemeldet. Das Problem sei nicht nur, dass der Bundespräsident kaum zu erkennen sei, der ganze Entwurf sei viel zu brav. Was die Kölner gemacht hätten, schädige den Ruf der ganzen Wagenbauer-Branche. Wegen Wulffs Rücktritt wird nun in Köln ein neuer Wagen gebaut, darauf ist Wulff in einem zu großen Mantel dargestellt, aus dem zum Beispiel ein Bobbycar, ein Handy und auch Urlaubsreisen fallen.
Zu seinen eigenen Plänen im Lichte der neuen Entwicklungen will sich Tilly, der als der schärfste Karikaturist und politischste Wagenbauer im Rheinland gilt, am Freitag noch nicht äußern. Er habe noch gar keinen Wulff-Wagen gebaut, beteuert er im Gespräch mit dieser Zeitung. Nachprüfen lässt sich das nicht, weil die Düsseldorfer auch aus juristischen Gründen ihre Motive immer erst am Rosenmontag zeigen. „Ich habe schon vor einem Monat gesagt, der Wulff hält das nicht durch bis Rosenmontag“, sagt Jacques Tilly. Erst im Laufe der Woche habe er dann doch Zweifel bekommen, ob Wulff die Sache nicht doch aussitzen könne.
Die Mainzer Fastnachter waren auf Wulffs Rücktritt schon vorbereitet. Es dauert am Freitag keine zwei Stunden, da ist die „Rollende Wulff-Karikatur“ schon dem aktuellen Anlass entsprechend umgeändert. Aus dem angeschlagenen Boxer im Ring wird kurzerhand ein gerade k.o. gegangener Bundespräsident. Dafür brauche es nur einen Pinsel, etwas Farbe und Geschick, wie Hannelore Wenger am Freitag mitteilt. Letztlich sei nur die Augenstellung verändert worden: „Jetzt blickt er statt geradeaus eben ein bisschen schielend nach oben.“ Womit eigentlich alles gesagt sei. Und für all jene, die den Ernst der Lage nicht auf Anhieb erkennen, wird noch eine neue Wagenbeschriftung gedruckt: Statt „Angeschlagen“ ist am Montag in roten Lettern „K.o.“ zu lesen.
Man habe lange überlegt, ob das Thema „Wulff“ überhaupt für einen Motivwagen tauge oder bis Fastnacht nicht doch längst überholt sei, sagt Jürgen Schmidt von der Zugleitung des Mainzer Carneval-Vereins. Andere Motive, wie ein von den Medien erdrückter Bundespräsident in der Gutenbergpresse, seien verworfen worden.
Die Vorbereitungen auf den Rosenmontagsumzug dauern nämlich Monate. Schon vor einem halben Jahr wurde über Motive nachgedacht. In Köln bekamen die Karnevalszeichner im Herbst erste Themen geliefert. Über Poldi und den FC könnten sie nachdenken, hieß es damals. Wulffs Zukunft als ängstliches Häschen war da noch lange nicht abzusehen, der Rubikon zu diesem Zeitpunkt in weiter Ferne.
Wulff ist nun schon der zweite Politiker in Folge, der die Karnevalisten zu Spätschichten zwingt. Am 1. März 2011 exakt um 11.11 Uhr trat Karl-Theodor zu Guttenberg vom Amt als Verteidigungsminister zurück. Das war ein Dienstag, sechs Tage vor Rosenmontag und genau der Tag, an dem zumindest die Kölner und die Mainzer ihre Figuren vorab präsentierten. Schon bei der Vorstellung war das Guttenberg-Motiv nicht mehr aktuell, die Zeichner wurden aufgefordert, über neue Bilder nachzudenken. „Wir haben gleich am Tisch angefangen zu scribbeln“, sagt Gerd Kaspar, einer der Kölner Zeichner. Die Entwürfe wurden schnell weitergereicht. In diesem Jahr aber blieb nicht einmal mehr Zeit, alle Zeichner nach neuen Ideen zu fragen. „Ich habe keinen Auftrag bekommen, über Wulff nachzudenken“, sagt Caspar. Vermutlich sei dieses Mal der „kleine Dienstweg“ notwendig gewesen.
Wulffs letzter Dienstweg als Bundespräsident bringt am Freitag auch den Redenschreibern neue Arbeit. Sie müssen für die am Freitagabend vom ZDF übertragene Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ noch einmal ran an ihre Texte - und die Wulff-Passagen umdichten.
Ohne konkreten Entwurf, das gibt der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly derweil immerhin zu, habe es bei den Karnevalisten in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt eine Diskussion über den „Härtegrad“ der Wulff-Darstellung gegeben. Dabei habe auch Paragraf 90 des Strafgesetzbuchs eine Rolle gespielt, mit dem die Verunglimpfung des Bundespräsidenten unter Strafe gestellt ist. „Aber ehrlich, meine Überlegungen hat dieses Sonderrecht nie bestimmt, denn Narrenfreiheit ist ja wohl das ältere Recht. Einmal im Jahr den Oberen ungestraft die Meinung zu geigen ist ein historisches Recht, und das nehmen wir Düsseldorfer voll und ganz in Anspruch.“ Nach seinem Rücktritt genieße Wulff sowieso keinen wie auch immer gearteten „Welpenschutz“ mehr.
Jetzt aber, sagt Meister Tilly, müsse er endlich arbeiten gehen. „Denn ich weiß wirklich noch nicht, wie Wulff am Montag durch Düsseldorf rollt.“