10.07.2004 · Inge Meysel ist tot. Die als „Mutter der Nation“ bekannt gewordene Schauspielerin starb am Samstag im Alter von 94 Jahren. Sie beherrschte den aufrechten Gang, als er noch längst keine Mode war.
Von Stefan NiggemeierSie war immer so fantastisch schlecht gelaunt. In jeder Talkshow, in der sie saß, in jedem Interview, das sie gab, echauffierte sie sich über diverse Ungerechtigkeiten oder Zumutungen und nach kurzer Zeit ganz bestimmt auch über eine Formulierung des Moderators oder Journalisten, und dann brauste sie auf und es war eine Lust. Vielleicht nicht für den Menschen, der ihr gerade gegenüber saß, wohl aber für den Zuschauer und sichtlich auch für sie. So ein gemeinsames, kuscheliges "Na im Grunde sind wir uns doch irgendwie einig", das gab es nicht mit ihr.
Selbst wenn Inge Meysel mit ihrem guten Freund, dem ehemaligen "Tagesschau"-Sprecher Wilhelm Wieben, in Hamburg für einen guten Zweck Weihnachtsgeschichten vorlas, hatte das nicht viel Besinnliches. Er war formvollendet korrekt, und sie hackte auf ihm rum. Und auch das war eine Lust.
Spaß am Streit
Sie hatte einfach Spaß am Streit. Lust daran, die Leute aus ihrer trägen Ruhe zu reißen. Sie fühlte sich sichtlich wohl im Mittelpunkt des ganzen Rummels, als sie mit Alice Schwarzer und anderen den "Stern" wegen seiner sexistischen Titelbilder verklagte. Sie genoß die Aufregung, die sie schon mit der vagen Andeutung einer Liebe zu Frauen hervorrufen konnte. Sie zelebrierte das Vorzeigen der Tablette, mit der sie ihrem Leben notfalls selbst ein Ende setzen könnte, um für die kontroverse "Gesellschaft für Humanes Sterben" zu werben. "Wenn ich etwas beginne, bin ich mutig", hat sie einmal gesagt. Sie hat eine Menge begonnen.
Hans Janke, der stellvertretende Programmdirektor des ZDF, sagt: "Ich habe Inge Meysel wirklich verehrt. So eine außerordentlich couragierte und respektlose Person. Wie alle Außerordentlichen konnte sie auch ein großer Quälgeist sein, aber dem stand ihre Bedeutung für unser Gemeinwesen gegenüber, ihr aufrechter Gang, den sie schon beherrschte als er noch längst keine Mode war. Sie hat sich in allen Fragen der individuellen Selbstbestimmung, ob es um Frauenliebe ging, um Abtreibung oder um selbstbestimmtes Sterben, sehr früh dahin gestellt, wo noch niemand stand."
Das Bundesverdienstkreuz lehnte sie ab. "Einen Orden dafür, daß man anständig gelebt hat?", fragte sie bissig. Vermutlich war ihr auch da die Vereinnahmung zuwider, der Konsens, der alles zudeckt. Andererseits hätte man das natürlich gerne gesehen: Wie sie da steht, neben Bundespräsident und Honoratioren und die Gelegenheit nutzt, noch mal ein neues Faß aufzumachen, einen neuen Streit anzufangen, bis alle anderen ganz rot sind im Gesicht und sich wünschten, sie hätte die Annahme des Preises verweigert.
"Widersprecht! Geht raus! Lebt!"
Ihre Rollen waren auch so. Als "resolut" beschrieb man die Frauen, die sie spielte. Oder "couragiert". Vor allem natürlich die Käthe Scholz aus Robert Strombergers "Die Unverbesserlichen", von denen es ja überhaupt nur sieben Ausgaben gab, die sich aber ins kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt haben, als seien es zehn mal so viele gewesen. Oder auch, von 1966 an, die Schneidermeisterin Gertrud Stranitzki in der gleichnamigen Familienserie. Später wurden ihre Rollen häufiger so wie die der "Mrs. Harris", irgendwie harmloser. Und noch später wurden sie hilfloser, wenn sie sehr alte, verwirrte Damen spielte. Aber eines hatten sie immer alle: Stolz. "Man sollte nichts hinnehmen", hat Inge Meysel gesagt. "Widersprecht! Geht raus! Lebt!"
Es ist ganz erstaunlich und ganz wunderbar, daß ausgerechnet so eine Frau den merkwürdigen Titel "Mutter der Nation" bekam, der scheinbar so gar nicht zu ihr paßte. Hans Janke sagt, er würde den Begriff für sie zurückweisen, weil sie vom folkloristischen Klischee so weit entfernt war, aber in einem anderen Sinne sei er schon treffend: "Sie hat uns erzogen."
Meysel kam im Mai 1910 als Kind einer Dänin und eines jüdischen Tabakwarenhändlers in Berlin zur Welt. Nach dem Besuch der Schauspielschule trat sie Anfang der dreißiger Jahre an Theatern in Zwickau, Leipzig und Berlin auf, bis sie als Halbjüdin Auftrittsverbot bekam. Nach dem Krieg machte sie Karriere am Thalia-Theater in Hamburg und am Deutschen Schauspielhaus, bevor sie 1960 ihre erste große Fernsehrolle spielte: die Portiersfrau in Curt Flatows "Das Fenster zum Flur". Für Experimente war sie zu haben: Ohne zu zögern sagte sie zu, in "Olli, Tiere, Sensationen" die Oma des Hamburger Zuhälters Hansen (Olli Dittrich) zu spielen - und ohne Drehbuch frei zu improvisieren, wie sie, ununterbrochen schimpfend und nörgelnd, mit ihm in der Corvette zum Hamburger Hafen fährt, um dort mit ihm und seiner Freundin eine Schiffsrundfahrt zu machen. Zuletzt war sie im "Polizeiruf 110" zu sehen, in der Folge "Mein letzter Wille".
Am Samstag ist Inge Meysel im Alter von 94 Jahren in ihrem Haus bei Hamburg gestorben. Ihr Betreuer Peter Knuth sagte, sie habe einen Herzinfarkt erlitten und sei friedlich im Schlaf gestorben.