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Drittes Reich : Basteln an Hitlers Bombe

Wie nahe waren die Deutschen an der Atombombe? Der Historiker Rainer Karlsch hat in eine besonders dunkle Ecke der Geschichte der Kernforschung geleuchtet. Er stieß auf überraschende Dokumente. Deutet er sie auch richtig?

          Außergewöhnliche Behauptungen verlangen außergewöhnliche Beweise. Mit diesem Grundsatz versuchte der amerikanische Astronom Carl Sagan einst ein heikles Problem forschungslogisch in den Griff zu bekommen: Sagan war einerseits ein angesehener Wissenschaftler (und wollte das auch bleiben), interessierte sich aber andererseits brennend für mögliche Radiosignale außerirdischer Lebewesen. Kein Signal, so Sagan, dürfe aber als echt gelten, das sich auch weniger spektakulär interpetieren läßt.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein laufender Kernreaktor im Dritten Reich, ein Kernwaffentest der SS - so etwas hat für nüchterne Zeitgenossen durchaus den Rang kleiner grüner Männchen. Dies um so mehr, als die Wunderwaffen-Propaganda des Hitlerreiches bis heute in einer Art Nazi-Esoterik nachwirkt, die munter über unterirdische SS-Labors, fliegende Untertassen mit Hakenkreuz-Emblemen oder eben deutsche Atombomben schwadroniert.

          „Hitlers Bombe“ ist irreführend

          Damit möchte Rainer Karlsch sicher nichts zu tun haben. Der Berliner Privatgelehrte ist immerhin ein anerkannter Wirtschaftshistoriker. Dennoch war es wohl kaum zu vermeiden, daß die Ankündigung seines Buches „Hitlers Bombe“, das bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen ist und morgen in den Handel kommt, teilweise heftige Entrüstung auslöste.

          Dabei ist der Titel irreführend. Karlsch behauptet an keiner Stelle, das Dritte Reich hätte das Rennen um die Nutzung der Kernspaltung doch gewonnen oder die Wehrmacht habe über eine Kernwaffe verfügt. Er sagt nicht, daß es „Hitlers Bombe“ gab. Er sagt nur, daß an ihr gebastelt wurde. Aber schon das ist starker Tobak.

          Nun geht Karlsch noch ein Stück weiter, indem er behauptet, jene Bastelei sei erschreckend weit gediehen gewesen. Demnach wurde um die Jahreswende 1944/45 im Dorf Gottow bei Kummersdorf südlich von Berlin ein Kernreaktor zum Laufen gebracht.

          Außerdem habe es Anstrengungen gegeben, Fusionsreaktionen - wie sie in Wasserstoffbombenexplosionen stattfinden und dort mit Atombomben gezündet werden - durch sogenannte Hohlladungen auszulösen. Das sind speziell geformte konventionelle Sprengladungen, wie sie etwa in einer Panzerfaust verwendet werden.

          Schließlich seien im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen Explosionen gezündet worden, bei denen zumindest in einem Fall Kernenergie frei wurde. Dabei sollen Hunderte ums Leben gekommen sein.

          All dies steht ziemlich quer zu dem, was man bis dato über die Kernforschung im Hitlerreich zu wissen glaubte. Das hört sich so an: In dem Land, in dem Otto Hahn 1938 die Kernspaltung entdeckt hatte, arbeitete man zwar an einem Reaktor, brachte ihn aber nie so weit, daß er „kritisch“ wurde, daß also eine selbsterhaltende Kettenreaktion zustande kam. Die Idee, noch zu Kriegszeiten eine Kernwaffe zu entwickeln, habe man bald beerdingt. Niemand habe ernsthaft eine Bombe bauen wollen.

          Außergewöhliche Beweise?

          Wirklich nicht? „So ein Schmarrn“ - dieser oder ähnliche Ausrufe dürften so ziemlich jedem entfahren sein, der in den letzten Wochen von Rainer Karlschs Buch hörte. Und es ist keineswegs so, daß dieser Eindruck bei der Lektüre sofort verfliegt. Wer mit einschlägigen Veschwörungstheorien vertraut ist, trifft im Buch auf gute Bekannte: Auch in der Nazi-Esoterik kursieren Ohrdruf und die Ostsee als Schauplätze von Atomwaffentests der SS.

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