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Nach „Katrina“ Kreuzfahrtschiffe als Flüchtlingslager

06.09.2005 ·  Nach „Katrina“ wird die Solidarität der Amerikaner mit den Opfern auf eine lange Probe gestellt. Hunderttausende müssen beherbergt werden, sogar Privatfamilien bieten für begrenzte Zeit Unterkunft an.

Von Katja Gelinsky, Washington
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Ein Aufenthalt auf den Kreuzfahrtschiffen „Ecstasy“, „Sensation“ und „Holiday“ verheißt Urlaub, Spaß und Erholung. Doch opulente Dinners, Massagen und farbenfrohe Cocktails zu karibischen Klängen werden den Gäste, die demnächst an Bord kommen, nicht geboten. Die amerikanische Behörde für Katastrophenmanagement „Federal Emergency Management Agency“ (Fema) hat die Kreuzfahrtschiffe für obdachlose Opfer des Wirbelsturms „Katrina“ gechartert.

Für zunächst ein halbes Jahr sollen Tausende Sturm- und Flutopfer dort beherbergt werden. Die „Holiday“, die gewöhnlich vier- bis fünftägige Fahrten nach Mexiko unternimmt, wird im Hafen von Mobile im wirbelsturmgeschädigten Bundesstaat Alabama andocken. Die anderen beiden Kreuzfahrtschiffe werden im Hafen von Galveston, Texas festmachen. Die Heimatstadt des Präsidenten George W. Bush ist mit der größten Zahl an Flüchtlingen konfrontiert.

Flutopfer auf Bundesstaaten verteilen

Etwa eine viertel Million Flutopfer, vor allem aus Louisiana, sind nach Texas geflohen oder mit Bussen und Flugzeugen dorthin gebracht worden. Dreißigtausend sind in dem Sportstadion „Astrodome“ und im Kongreßzentrum Houstons untergebracht. Hunderttausend wohnen in texanischen Hotels, und Tausende weiterer Flutopfer werden behelfsmäßig in Schulen, Kirchen, Gemeindehäusern, auf Militärstützpunkten und in Fabrikhallen beherbergt.

Gleichwohl wurde der Platz für die Flüchtlinge Ende vergangener Woche so knapp, daß der texanische Gouverneur Rick Perry anordnete, Flutopfer in andere Bundesstaaten wie Pennsylvania, Michigan, West Virginia und Iowa zu fliegen, die sich bereit gefunden haben, Flutopfer aufzunehmen. Zuvor waren Busfahrer, die Flutopfer nach Houston bringen wollten, schon mit großen Schildern auf den Autobahnen angewiesen worden, den Weg nach Dallas und in andere texanische Städte zu nehmen, da die Unterbringungskapazitäten in Houston erschöpft seien.

An erster Stelle steht die medizinische Versorgung

Auch Flugzeuge mit Flutopfern wurden umgeleitet, etwa nach Amarillo im Nordwesten von Texas. Dort wurden die ersten knapp 130 Bewohner aus Louisiana von der Bürgermeisterin begrüßt. „Alle sind glücklich, hier zu sein“, behauptete sie von den Ankömmlingen. Zumindest im Fall von Rayan Folwer hatte sie recht. Der 37 Jahre alte Mann aus New Orleans versicherte nach seiner Ankunft, es sei „großartig“ in der Stadt mit 200.000 Einwohnern. „Alle sind so nett.“

Wie in Amarillo werden die Flutopfer zunächst ärztlich untersucht und gegebenenfalls medizinisch versorgt, bevor sie in Notunterkünfte aufgenommen werden. Viele leiden unter Erschöpfung und Flüssigkeitsmangel. Zahlreiche chronisch Kranke haben zudem tagelang ohne ihre Medikamente auskommen müssen. Für die Wiederaufnahme ihrer medizinischen Versorgung müssen auch bürokratische Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, da jeder Bundesstaat eigene Regeln zur Gesundheitsversorgung hat.

Privatfamilien bieten Flutopfern Unterkunft

Da die Flutopfer häufig nicht mehr besitzen, als sie auf dem Leib und in ein paar ramponierten Plastiktüten tragen, müssen sie außerdem mit Kleidung und Toilettenartikeln, aber auch mit neuen Papieren versorgt werden, etwa um ihre Rente, Sozialhilfe oder Versicherungsleistungen beantragen zu können. Eine genaue Zahl der Menschen, die von „Katrina“ aus ihren Häusern vertrieben wurden, gibt es noch nicht. Nach Schätzungen von Fema könnten es eine Million sein, auch die Zahl 1,5 Millionen wird genannt. Gewiß ist jedenfalls, daß die Vereinigten Staaten zur Zeit den größten inneramerikanischen Exodus ihrer jüngeren Geschichte erleben.

Die Solidarität der Amerikaner wird dabei auf eine lange Bewährungsprobe gestellt, denn sicher ist, daß zahlreiche Flüchtlinge für Monate nicht nach Hause zurückkehren können. Doch ist die Hilfsbereitschaft groß. Zahlreiche Amerikaner bieten - vielfach über das Internet - an, Familien von der Golfküste Unterkunft zu gewähren, „solange dies nötig ist“. Auch aus Deutschland kommen solche Angebote. Sie habe ein großes Haus, in dem noch zwei Zimmer frei seien, schreibt eine Mutter aus Sinn.

Auch Amerikas Nordstaaten nehmen Flüchtlinge auf

Das Amerikanische Rote Kreuz beherbergt gegenwärtig in einem Dutzend Bundesstaaten 250.000 Flüchtlinge in Notunterkünften. Mehr als die Hälfte der 50 amerikanischen Einzelstaaten hat bislang Flutopfer aufgenommen oder trifft entsprechende Vorbereitungen. Zehntausende Obdachlose werden zum Beispiel in Arkansas erwartet. Auch Michigan, New Mexico, Tennessee, South Carolina und Florida beherbergen schon Tausende Flüchtlinge und rechnen damit, zahlreiche weitere aufzunehmen.

Selbst in so weit nördlich gelegenen Bundesstaaten wie Minnesota und Massachusetts, die manche Südstaatler wegen der großen Entfernung, der unterschiedlichen Mentalität und der Lebensweise schon fast als Ausland betrachten, werden Flutopfer zumindest für einige Wochen bleiben. Etwa 2.500 Obdachlose aus dem tiefen Süden sollen auf der Ferieninsel Cape Cod auf einem Luftwaffenstützpunkt Unterkunft finden.

Ein Teil wird nicht zurückkehren können

Gouverneur Mitt Romney, ein Republikaner, der die schleppende Katastrophenhilfe aus Washington als „beschämend“ kritisiert hat, erwartet, daß der Stützpunkt mit Unterstützung des Roten Kreuzes, der Heilsarmee, der Nationalgarde und freiwilliger Helfer in einer Art Dorf verwandelt wird, wo die Kinder zur Schule gehen und traumatisierte Opfer „Katrinas“ psychologisch betreut werden können.

Ungewiß ist freilich noch, was nach den 30 bis 60 Tagen geschehen soll, für welche die Flutopfer eigentlich auf dem Militärstützpunkt bleiben sollen. Romney rechnet damit, daß ein Teil von ihnen nicht an die Golfküste zurückkehren möchte, und hat versichert, die Regierung werde ihnen helfen, Wohnung und Arbeit zu finden.

Kreuzfahrtschiff oder Turnhalle mit Lazarettbett

Mehrere Bundesstaaten haben schon damit begonnen, mit der Wirtschaft Jobprogramme für die Flüchtlinge zu vereinbaren, deren Arbeitsplätze an der Golfküste zu einem großen Teil vernichtet worden sind. Um den Verlust ein wenig auszugleichen, hat das Arbeitsministerium in Washington Louisiana, Mississippi und Alabama insgesamt knapp 160 Millionen Dollar versprochen, damit sie für die Aufräumarbeiten 25.000 Flutopfer anwerben. Ferner hat Fema an die Hersteller von Containerwohnungen appelliert, Sonderschichten zu fahren. Selbst in ausrangierten Schiffscontainern soll womöglich Wohnraum für die Flutopfer geschaffen werden. Man müsse „kreative Lösungen“ finden, sagte Fema-Direktor Michael Brown.

Ob die Flüchtlinge auf dem Kreuzfahrtschiff „Ecstasy“ in einem bequemen Hotelzimmer, das sonst für den Preis von 200 Dollar pro Nacht vermietet wird, oder auf dem Lazarettbett in einer Turnhalle Unterkunft finden, können sie nicht selbst bestimmen. Welche Flutopfer wo beherbergt werden, entscheiden die Behörden der einzelnen Bundesstaaten und Gemeinden. Dabei kann es passieren, daß manch einer länger in einer Notunterkunft bleiben muß, als ihm lieb ist. Der „Astrodome“ in Houston ist eigentlich als „Übergangszentrum“ gedacht. Doch vorsichtshalber hat die amerikanische Post für die Flutopfer dort schon eine eigene Postanschrift eingerichtet.

Quelle: F.A.Z., 07.09.2005, Nr. 208 / Seite 9
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