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Nach der Tsunami-Katastrophe Patong ist von der Hilfe nicht verwöhnt

24.06.2005 ·  Das neue Wahrzeichen Patongs steht am Strand, in der Mitte des fast vier Kilometer langen Sandstreifens: der Turm eines Tsunami-Frühwarnsystems. Das gibt Sicherheit, ist aber kein Neuanfang.

Von Jochen Buchsteiner
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Das neue Wahrzeichen Patongs steht am Strand, in der Mitte des fast vier Kilometer langen Sandstreifens. Es ist ein Turm, an dessen Spitze ein Satellitenempfänger, eine Sirene und Lautsprecher befestigt sind. Eineinhalb Kilometer links und rechts des Turmes ragen zwei weitere Anlagen auf Hoteldächern in den Himmel. "Damit sind wir hier ziemlich sicher", sagt Chairat Sukkaban, der stellvertretende Bürgermeister des Ortes. 120 Menschen starben in der Bucht von Patong, als am 26. Dezember 2004 die Flutwelle über Thailand hereinbrach. "Man muß fast von Glück sprechen", meint Chairat. Wäre der Tsunami am Nachmittag gekommen statt am frühen Morgen, hätten an die 20.000 Touristen am Meer gelegen.

An der Strandpromenade sind die Schäden noch zu besichtigen. Fast jedes Haus ist von einem Bauzaun umgeben, kein Hotel, das nicht renoviert würde. Die Einzelschicksale haben keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Hunderte Händler und Kleingewerbetreibende, denen das Wasser den Kiosk, die Rikscha oder das Moped wegriß, sind verschwunden. "Früher lagen hier 80 Fischerboote in der Bucht", sagt Chairat, "heute sind es noch zehn."

Geschäfte laufen schlecht

Eine eingeschränkte Normalität hat in Patong, Thailands wichtigstem Touristenort, Einzug gehalten. Die Geschäfte laufen höchstens auf einem Fünftel des üblichen Niveaus, schätzt Wolfgang Meusburger, der Chef des Holiday Inn. Der größte Teil des Hotels wird wiederhergestellt, die restlichen Zimmer sind leidlich ausgelastet. Meusburger nutzt den Moment für Veränderungen. Die Elektrik wird erneuert und so verlegt, daß ein Hochwasser nichts mehr zerstören kann. Auch Bürgermeister Chairat bemüht sich, die positiven Seiten der "Stunde Null" herauszustellen. In die Liegestuhlreihen am Strand sei Ordnung gekommen, das Parkplatzproblem sei gelöst. Das Vertrauen kehre zurück.

Zweimal schon wurde das neue Warnsystem getestet. Im Lagezentrum des Bürgermeisteramts führt jemand die Anlage vor. Wenn das "Pacific Tsunami Warning Centre" in Hawaii und die "Meteorologische Agentur" in Japan gefährliche Erdstöße wahrnehmen, informieren sie das "Nationale Warnzentrum" in Bangkok, das wiederum über Satellit den Alarm in Patong auslöst. In Thai, Englisch, Deutsch, Japanisch und Chinesisch werden die Badegäste dann aufgefordert, den Strand zu verlassen. Noch läuft nicht alles rund. Eine Diplomatin, die einen der Tests verfolgte, erinnert sich an von Autos verstopfte Straßen. Das Warnsystem von Patong gilt als Provisorium. In diesen Tagen stellt die "Ozeanographische Kommission" der Unesco ein Tsunami-Warnsystem vor, das angeblich bis zum Juni 2006 in Betrieb gehen wird. Es soll alle Anrainerstaaten des Indischen Ozeans mit den nötigen Vorrichtungen ausstatten. Reibungslos verläuft der Prozeß nicht. Geld ist vorhanden, aber nationale Empfindlichkeiten verhindern immer wieder schnelle Entscheidungen.

Spendentöpfe kaum zu überblicken

Das Spannungsverhältnis von Hilfsbereitschaft und Bürokratie prägt auch die humanitären Bemühungen. Die Jahrhundertkatastrophe hat nicht nur mehr als 200.000 Menschen in den Tod gerissen, sie hinterließ ungezählte Waisen, Krüppel, Obdachlose. Dank rascher Unterstützung vor allem aus Asien, Australien und Amerika konnten in den Wochen der größten Not Epidemien verhindert werden. Inzwischen haben auch die meisten ein provisorisches Dach über dem Kopf.

Aber die Wiederaufbauphase gestaltet sich schwierig. Die Spendentöpfe haben eine Größe erreicht, die kaum noch zu überblicken ist. Allein in den Vereinigten Staaten sollen die Bürger eine Milliarde Dollar gesammelt haben, teilte Bill Clinton, der Tsunami-Sonderbotschafter der Vereinten Nationen, dieser Tage mit. In Großbritannien gab der "Disasters Emergency Committee Appeal" bekannt, daß mehr als 400 Millionen Pfund eingenommen wurden. In Deutschland belaufen sich die Privatspenden auf rund 400 Millionen Euro. Das sind nur drei von Dutzenden Ländern, die Spendenaufrufe gestartet haben. Hinzu kommen etwa vier Milliarden Euro, die Regierungen in aller Welt zugesagt haben. Das meiste Geld fließt in die indonesische Provinz Aceh, die am schlimmsten verwüstet wurde.

Sri Lanka: Hilfsgelder verdoppeln die Inflation

Politische Verwerfungen hinterließ die Hilfe in Sri Lanka, wo 38.000 Menschen starben und Hunderttausende obdachlos wurden. Die Hilfsgelder, die überwiegend von der Regierung in Colombo kanalisiert werden, haben mittlerweile die Inflation im Land auf zwölf Prozent fast verdoppelt. Auch in Indien, das zunächst alle Hilfe von sich wies, sind die Folgen des Tsunami noch lange nicht bewältigt. Mehr als 10000 Menschen starben, fast 7000 blieben als Invaliden zurück, 650000 Inder haben ihr Haus verloren. Inzwischen hat die Weltbank Hilfen in Höhe von 450 Millionen Euro angeboten. Delhi wird wohl zugreifen.

Auch der thailändische Regierungschef Thaksin Shinawatra verzichtete zunächst auf internationale Unterstützung. Mittlerweile ist es aber einigen privaten Hilfsorganisationen gelungen, einen Fuß in die Tür zu bekommen. In der deutschen Botschaft wird geschätzt, daß acht bis zehn Millionen Euro in Thailand gebunden werden konnten. Der Wiederaufbau von Häusern hakt oft bei umstrittenen Landtiteln. Weil viele Besitzverhältnisse ungeklärt sind, müssen erst die Anwälte arbeiten, bevor mit dem Wiederaufbau begonnen werden kann. Die Menschen auf Phuket beklagen sich über mangelnde Zuwendungen. Bürgermeister Chairat sagt: "Die Regierung in Bangkok ist zu langsam." Auch von internationaler Hilfe sei er nicht verwöhnt. In Patong sei keine einzige Organisation aus dem Ausland aktiv - "dabei wäre uns deren Unterstützung sehr willkommen". Immerhin, die Satellitenanlage auf dem Strandturm ist die Spende eines deutschen Unternehmens.

Quelle: F.A.Z., 25.06.2005, Nr. 145 / Seite 9
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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