03.02.2011 · Seit der Säuretanker „Waldhof“ vor dem Loreleyfelsen kenterte, ist die Rheinschifffahrt flussabwärts gesperrt. Inzwischen warten rund 350 Schiffe auf die Weiterfahrt. Manche Schiffer wärmen sich am Kamin, andere schrubben das Deck.
Von Julia Lauer, MannheimDie Frachtschiffe im Mannheimer Hafen stauen sich in Dreierreihen. Wer mit seinem Schiff direkt am Ufer liegt, hat den kürzesten Weg an Land. Das ist praktisch, wenn man ein Auto an Bord hat und es mit dem schiffseigenen Kran ans Ufer setzen will. Dennoch ist die Stimmung hier schlechter als auf den Booten nebenan. Denn wer an der Hafenmauer anlegen konnte, war zuerst da, wartet also schon am längsten, zum Teil seit Wochen.
Peter und Rika Versluis haben ein Schiff, auf dem es sich aushalten lässt – mit minimalistischem Interieur und Fußbodenheizung. Sie bringen Sand von Basel nach Rotterdam, aber seit dem 15. Januar liegen sie schon im Hafen. Ein Haus an Land haben sie nicht mehr, mit Sohn und Katze leben sie seit eineinhalb Jahren auf der „Vitesse“. Im Wohnzimmer steht ein großer Flachbildschirm, hinter dem Sofa leuchtet ein elektrisches Kaminfeuer im Panoramaformat, das in die Wand eingelassen ist, in der Ecke steht ein schwarz lackiertes Klavier. Der Maschinenraum ist geputzt, der Wohnbereich sowieso.
Kapitänin Rika Versluis sitzt auf der Couch und strickt eine Decke für ihr Enkelkind, dessen Geburt in einem Monat ansteht. Shoppen auf der anderen Flussseite war sie bereits. Das reiche, sagt sie, schließlich bleibe zur Zeit das Geld aus. Die beiden versuchen zwar, die Zeit gut zu nutzen, aber Sorgen machen sie sich schon. Neben dem Verdienstausfall haben sie weitere Kosten. Weil der Rhein zu Beginn ihrer Reise mehr Wasser führte, luden sie mehr Fracht als gewöhnlich. Später fiel der Wasserstand, das Kapitäns-Paar Versluis muss deshalb ein Drittel der Fracht in Ludwigshafen zwischenlagern, 10.000 Euro kostet das im Monat, das zahlen sie selbst. Ihre Versicherung hat zwar Hilfe angekündigt, aber noch haben sie kein Geld bekommen. Seit 32 Jahren befahren sie den Rhein, nur einmal hingen sie so lange fest: 1999, drei Wochen, wegen Hochwassers.
Auf der „Galiya“, die nebenan liegt, hat man den guten Geschmack von Rika Versluis schon gewürdigt. Das Steuerhaus der „Galiya“ lässt sich weit rausfahren, von dort oben hat der Kapitän eine gute Sicht, er schätzt die Orchideen hinter den Fenstern der „Vitesse“. Wechselnde Landschaften sind ihm noch lieber, sie seien das Schöne an der Schifffahrt, sagt Willem Hulsman, der in seiner Familie bereits in siebter Generation Willem heißt und Binnenschiffer wurde.
Essen ist das Highlight des Tages
Auf der „Galiya“ ist die Einrichtung weniger exquisit gewählt. Hulsman transportiert mit vier anderen Männern Methanol, das für die Herstellung von Haarlack und Parfüm benötigt wird. Sie haben das Glück, dass die Reederei den täglichen Verdienstausfall von etwa 2500 Euro trägt und der Mannschaft das normale Gehalt weiter zahlt. Die „Galiya“ liegt erst seit vergangenem Samstag im Mannheimer Hafen, zuvor konnte die Reederei noch ein paar Aufträge zwischen Ludwigshafen und Karlsruhe gewinnen.
Am Abend der Ankunft in Mannheim ging Kapitän Hulsman mit der Mannschaft aus, aber nicht mit der ganzen, einer musste das Schiff hüten. Die anderen vergnügten sich auf der anderen Rheinseite in Ludwigshafen auf einer Ü-25-Party im Musikpalast. Von Sonntag an habe die Mannschaft das Schiff gereinigt und sich um die Buchhaltung gekümmert, im Alltag komme das oft zu kurz. Im Moment sei das Essen das Highlight des Tages, erzählt Hulsman, der am liebsten Gulasch oder Rouladen kocht. Das Technische Hilfswerk, das die Binnenschiffer mit Essen versorgt, hat er noch nicht zu Gesicht bekommen – vielleicht, weil die „Galiya“ nicht mitten auf dem Rhein ankert, sondern so nah am Ufer, dass die Männer nur über die „Vitesse“ steigen müssten, um an Land essen zu können. „Es könnte aber auch daran liegen, dass ich nicht unterernährt aussehe“, sagt Hulsman, dessen Pullover sich über dem Bauch spannt. Langeweile hätten sie jedenfalls nicht, schließlich sei er ja den ganzen Tag damit beschäftigt, von seinem Schicksal als Binnenschiffer zu berichten. Immer wieder erzählt er, dass das Leben zu kurz sei, um sich Sorgen zu machen, dass man jetzt eben nur abwarten könne. Er drehe jedenfalls keine Däumchen und spiele auch nicht „Schiffe versenken“.
Die Mannschaft hat Zeit zum Putzen
Noch besser ist die Stimmung nur auf dem nächsten Nachbarschiff. Die „Wilson“ liegt erst seit dem Morgen im Hafen, sie brachte Xylol von Rotterdam nach Ludwigshafen. Vor der Abreise war abzusehen, dass die Rückreise flussabwärts nicht möglich sein würde. Die BASF vergab dennoch den Auftrag, erzählt Kapitän Jan Verhoeff, weil sie die Chemikalie so dringend brauchte, dass sie keine Kosten scheute – Grund für Verhoeff, „besser gelaunt als je zuvor“ zu sein. „Die Jungs tragen alles, ich trage die Verantwortung“, scherzt er, während die Mannschaft das Deck putzt, poliert und streicht. Er beobachtet sie vom Kapitänssessel aus. „Heirate immer einen Schiffer, die können alles“, ist eine der Lebensweisheiten, zu denen ihn die Arbeit an Deck inspiriert. Er hofft, dass die Schifffahrt bald wieder freigegeben wird: „Wir Niederländer sind ein fahrendes Volk.“
Andere nehmen den Stau auf dem Fluss nicht so leicht. „Wir stehen kurz vor dem Bankrott“, sagt Kapitän Hans Robert Bell, der mit dem Frachter „Somnium Vitae“ ein Familienunternehmen betreibt. Bell ist selbständig, arbeitet mit einer Reederei zusammen. Gegen Kommission verschafft sie ihm Aufträge, die möglichst nahtlos ineinander übergehen. Doch niemand haftet für den Verdienstausfall, deshalb stehe ihm nun das Wasser bis zum Hals. „Wenn wir Schiffseigentümer nicht auch einen zinslosen Kredit vom Staat erhalten, können wir mit den Holländern nicht mehr mithalten.“ Neben der „Somnium Vitae“ liegen die deutschen Schiffe „Navigare“ und „Rosa Renate“. So hat jedes Land seine eigene Dreierreihe im Mannheimer Hafen.
Rheinschiffer haben bis zu 4000 Euro Umsatzausfall am Tag
Knapp drei Wochen nachdem das Tankschiff „Waldhof“ vor der Loreley gekentert war, haben am Mittwoch die ersten Schiffe die Unfallstelle flussabwärts passiert. Die Testfahrten wurden möglich, weil die Explosionsgefahr der „Waldhof“ gebannt worden war. Am Mittwoch warteten noch 300 bis 400 Schiffe auf die Talfahrt. (Siehe auch: Nach Havarie bei Loreley: Erste Schiffe dürfen rheinabwärts am Tanker vorbei)
Je nach Schiffstyp und -größe betrage ihr Umsatzausfall je Tag 2500 bis 4000 Euro, sagt Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB). Der Umsatzausfall betreffe vor allem die Partikuliere, selbständige Schiffsführer, denen mehr als zwei Drittel der deutschen Schiffe gehörten und die in der Regel nicht gegen Verdienstausfälle dieser Art versichert seien. Die Reedereien hingegen stünden vor allem vor der Schwierigkeit, die vereinbarten Transporte auf Straßen und Schienen zu verlagern. Viele Partikuliere seien aufgrund der Rheinsperre von Insolvenz bedroht. Der BDB habe die Regierung deshalb auf die Situation der Binnenschiffer aufmerksam gemacht.
Nur ein Drittel der Gütermenge, die auf deutschen Wasserstraßen transportiert wird, entfällt auf deutsche Binnenschiffer. Nach Schwanens Angaben liegt das auch daran, dass sich der Wettbewerbsvorsprung der Niederländer nicht ohne weiteres aufholen lasse, obwohl die Bundesregierung in den vergangenen sechs Jahren die Modernisierung der deutschen Schifffahrt unterstützt habe.
„Die Sperre auf dem Rhein ist ein Hindernis für den gesamteuropäischen Warenverkehr“, sagt Schwanen, denn auf keinem anderen europäischen Fluss würden so viele Güter transportiert. Alleine auf dem deutschen Streckenabschnitt des Rheins werden im Jahr 170 bis 200 Millionen Tonnen Güter befördert, vorrangig Bau- und Brennstoffe, Mineralöl, Metalle und Chemikalien. Der Schiffsverkehr in der Gegenrichtung läuft bereits seit zwei Wochen wieder. (jula.)