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Nach dem Schneechaos Am Abend soll der Strom zurück sein

29.11.2005 ·  Nach dem Schneechaos im Münsterland hat sich die Lage weiter entspannt. Am Dienstag sind die Haushalte von etwa 45.000 Menschen wieder an das Stromnetz angeschlossen worden. Aber rund 10.000 Betroffene warten weiter. FAZ.NET-Spezial.

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Die seit Freitag andauernden Stromausfälle im Münsterland sollen an diesem Mittwoch ein Ende haben. Der Energiekonzern RWE kündigte an, daß ab Mittwoch abend die Versorgung weitgehend wieder hergestellt werden solle. Am Morgen seien noch rund 2.000 Menschen in der Region ohne Strom gewesen, sagte ein Sprecher der Bezirksregierung Münster. „Wir hoffen, daß im Laufe des Tages alle wieder am Netz sein werden.“ Auch für das bisherige „Sorgenkind“ Ochtrup könne nun Entwarnung gegeben werden. In der Innenstadt seien bereits am Morgen 80 Prozent der Haushalte wieder mit Strom versorgt. „Es sieht alles ganz gut aus“, betonte der Sprecher. Nur bei einzelnen in der Region verstreuten Bauernhöfen sei die Lage noch problematisch.

Bei den Betrieben der Region hat der andauernde Stromausfall nach ersten Schätzungen der Industrie- und Handelskammer Münster einen Schaden von über 100 Millionen Euro verursacht. Die Kammer gehe von einigen tausend Betrieben aus, die einen wirtschaftlichen Schaden erlitten hätten, hatte IHK-Geschäftsführer Wieland Pieper gesagt. Allein beim Lkw- Anhängerhersteller Schmitz Cargobull ist nach Angaben eines Sprechers durch Produktionsausfälle ein Schaden von rund sechs Millionen Euro entstanden. RWE hatte bereits am Wochenende Haftungsansprüche seiner Kunden für die Folgen des Stromausfalls ausgeschlossen.

Zurück ans Stromnetz

Bereits am Dienstag wurden die Haushalte von etwa 45.000 Menschen wieder an das Stromnetz angeschlossen worden. „Wir gehen davon aus, daß das Netz in Borkhorst und Burgsteinfurt jetzt wieder hergestellt ist“, sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung.

In diesen beiden Orten mußte die Stromversorgung am Montag abend abgeschaltet werden, weil ein Strommast im nahegelegenen Horstmar einzustürzen drohte. 500 Einwohner von Horstmar wurden am Montag nachmittag vorsorglich in Sicherheit gebracht, konnten aber noch in der Nacht in ihre Häuser zurückkehren, nachdem Bundeswehrsoldaten und Feuerwehrleute den Strommast gesichert hatten.

90.000 verbrachten die Nacht zum Dienstag ohne Strom

Mehr als 90.000 Menschen im Münsterland hatten nach dem Schneechaos vom Wochenende die Nacht zum Dienstag abermals ohne Strom verbracht. Für viele von ihnen war es bereits die vierte Nacht ohne Heizung, Licht und Strom.

Unterdessen hat in Politik, Wirtschaft und Kommunen die Aufarbeitung des folgenschwersten Stromausfalls in der deutschen Nachkriegsgeschichte begonnen. Politiker verlangten vom Stromversorger RWE Aufklärung, die Bundesregierung will einen Erfahrungsaustausch organisieren. „Es ist zu klären, wie es zu einer solchen Lage kommen konnte“, sagte der hessische Innenminister Volker Bouffier (CDU). RWE lehnte eine Haftung für die Kosten des Debakels ab. Es handele sich um einen Fall von höherer Gewalt. Diese Einschätzung teilten auch NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) und die Westfälische Provinzial, die die Anlagen versichert.

Warnung vor einer Überalterung des Stromnetzes

Der Netzbetreiber RWE bekam Rückendeckung von Experten aus der Wissenschaft. „Für so extreme Wetterbedingungen kann man die Anlagen kaum auslegen“, sagte am Montag Dr. Heiko Neus vom Institut für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen. Auch der Karlsruher Professor für elektrische Energien und Hochspannungstechnik, Thomas Leibfried, sieht angesichts der Lage im Münsterland keine konkreten Versäumnisse der Stromversorger. „Naturkatastrophen gibt es immer wieder“, sagte der Experte. Allerdings warnte er vor einer schleichenden Überalterung des Stromnetzes.

Die RWE-Techniker mußten am Montag nachmittag mehrere Rückschläge wegstecken. Sie hatten fieberhaft ganze Wohngebiete mit Notstromaggregaten und Ersatzleitungen versorgt. Teilweise brachen diese provisorischen Netze jedoch wieder zusammen, sagte ein Sprecher des Krisenstabes bei der Bezirksregierung Münster. So verringerte sich die am Mittag erreichte Zahl von 50.000 Menschen ohne Strom bis zum Abend nicht weiter. Am Wochenende hatten bis zu 250.000 Menschen in den Kreisen Steinfurt, Borken und Coesfeld im Dunkeln gesessen.

Versicherer werden kaum zahlen

Die betroffenen Bürger können nach Ansicht von Versicherern kaum auf die Regulierung ihrer Schäden hoffen. Sturm- und Schneeschäden an Gebäuden würden nur durch eine Elementarversicherung gedeckt, erklärte die Verbraucherzentrale NRW. Ob verdorbenes Gefriergut erstattet werde, hänge von den jeweiligen Policen ab, sagte ein Sprecher der Westfälischen Provinzial.

Aus dem Kreis der Rettungskräfte wurde erste Kritik am Krisenmanagement laut. „Wir stehen uns hier die Beine in den Bauch“, hatten Feuerwehrleute aus dem Hessischen berichtet. Mitgebrachte Notstromaggregate stünden nutzlos herum. Der Sprecher des Krisenstabes bei der Bezirksregierung Münster, Stefan Bergmann, wies die Kritik als unbegründet zurück. Es werde jedoch eine Manöverkritik geben.

Die Behörden in den vom Schneefall der vergangenen Tage besonders stark betroffen Gebiete warnten am Montag vor Dachlawinen in den Städten und vor Schneebruch in den Wäldern. Von den Waldschäden ist am stärksten das bergische Städtedreieck Remscheid, Solingen und Wuppertal betroffen. In einigen Kreisen wurde den Eltern auch für Dienstag freigestellt, ihre Kinder zur Schule zu schicken. In der Regel sollte der Unterricht aber wieder aufgenommen werden. Der Verkehr auf Straße und Schiene in Nordrhein-Westfalen hatte sich am Montag nach stundenlangen Verspätungen bei der Bahn am Wochenende, kilometerlangen Staus und gesperrten Autobahnen wieder normalisiert. Allerdings gab es vereinzelt noch Straßensperrungen wegen gefährlich tief hängender Stromkabel.

(Siehe auch: Reportage: Stromlos im Münsterland)

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