03.03.2010 · Soldaten überwachen die Nahrungsmittelausgabe an die Erdbebenopfer in Chile. Viele Menschen sind entrüstet, weil sie so lange darauf warten müssen.
Von Josef Oehrlein, Los Ángeles/ChileEs sind oft nur die unscheinbarsten Risse, die die größten Folgen haben. Eine Straßenbrücke, die nur ein wenig aus den Fugen geraten ist, führt zu kilometerlangen Umwegen und Staus. Die Suche nach einer Tankstelle, die noch oder wieder Benzin hat, kann zu einer Odyssee werden. Wer sich durch das Erdbebengebiet in Chile bewegt, braucht Geduld und muss damit rechnen, nicht immer dort zu landen, wo er eigentlich hin will. Und wer sich in einem Gebäude auhällt, muss ständig auf dem Sprung sein. Beim kleinsten Grummeln und Zittern gilt es, alles stehen und liegen zu lassen und auf die Straße oder den Vorplatz hinauszurennen. Die Nachbeben lassen nicht locker. Seit dem großen Beben am vergangenen Samstag gab es mehr als 200.
In Los Ángeles kehren die Leute zur Mittagszeit die Trümmer Scherben zusammen, die ihnen das Erdbeben beschert hat. Fast überall sieht es wieder proper aus. Kleine Villen scheinen die Erdstöße am Samstag und die Nachbeben noch am besten überstanden zu haben. Doch wie es drin aussieht, wissen nur die Bewohner. Das Arbeitsgericht ist voller Risse, die Fensterscheiben sind zerplatzt. Die meisten Hotels sind geschlossen, weil sie entweder beschädigt sind oder die Wasser- und Stromversorgung unterbrochen ist.
Immer heftiger werden die Vorwürfe gegen die Regierung
Los Ángeles wirkt zwar trotz der zahlreichen Beschädigungen, der Versorgungsengpässe und anderer Probleme noch recht beschaulich, doch es ist die Pforte zu einer Region, in der den Bewohnern buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Concepción ist wegen der erweiterten Ausgangssperre nur an wenigen Stunden ereichbar. Omnibusse aus Santiago, die die Stadt zum Ziel haben, fahren morgens früh los, damit sie innerhalb des nachmittäglichen Zeitfensters noch in Concepción eintreffen. Wer im Erdbebengebiet trotz Mauerrissen und Fensterscheibenbruch noch in seinem Haus wohnen kann, hat Glück gehabt.
Betroffene aus Concepción berichten allerdings nicht nur von blindem Vandalismus, sondern auch von überraschend gut funktionierender Nachbarschaftshilfe. Wer erfahren hat, wo Lebensmittel oder andere dringend notwendige Dinge zu erhaschen sind, gibt die Information an andere weiter. Die Not inspiriert auch zu ungewöhnlichen Lösungen. Wer einen Swimmingpool hat, lässt auch andere Wasser daraus schöpfen, damit wenigstens die Toilettenspülung in Gang gebracht werden kann.
Immer heftiger werden die Vorwürfe gegen die Regierung in Santiago, die 72 Stunden lang ausländische Hilfe praktisch blockiert hatte.
Die Ausweitung der Ausgangssperre und die erhöhte Militärpräsenz haben in Concepción für etwas Ruhe gesorgt. Allmählich trudelten am Dienstag, drei Tage nach dem schweren Beben, auch erste Hilfslieferungen in den am schwersten betroffenen Gebieten ein. Grundnahrungsmittel, Wasser, Reis, Öl und Mehl werden nun unter starker Bewachung des Militärs an Bewohner von Häusern verteilt, die noch halbwegs intakt sind. Die Hilfsgüter müssen an einem geheimen Ort aufbewahrt und zusammengepackt werden, damit sie nicht von neuem von Plünderern geraubt werden.
„Diese Hilfe kommt viel zu spät“
„Diese Hilfe kommt viel zu spät und es ist immer noch viel zu wenig“, hört man die Leute im Erdbebengebiet sagen, „das hat die Plünderungen erst ermöglicht.“ Immer wieder wird der Vorwurf laut, die Regierung der nur noch wenige Tage amtierenden Präsidentin Michelle Bachelet habe aus falschem Nationalstolz internationale Hilfe anfänglich zurückgewiesen und das Ausmaß der Katastrophe unterschätzt. Bachelet sagte dazu am Dienstag: „Die Leute werden immer denken, dass wir mehr hätten machen können“. Zu dieser Kritik kommt das Eingeständnis der Marine, eine konfuse Tsunamiwarnung herausgegeben zu haben. Dadurch sind mutmaßlich zahlreiche Personen ums Leben gekommen, die sich bei einem rechtzeitigen Alarm in Sicherheit hätten bringen können. Wie die chilenische Zeitung „El Mercurio“ am Mittwoch berichtete, hat der verantwortliche Marinegeneral Almirez zugegeben, dass Präsidentin Bachelet falsch informiert worden sei. Als die Präsidentin anrief um sich über den mutmaßlichen Fortgang der Naturkatastrophe zu informieren, habe man noch geglaubt, dass sich das Epizentrum des Bebens auf dem Land, nicht im Wasser befinden würde. Darum sei man davon ausgegangen, dass ein Tsunami nicht zu befürchten sei.
Die Bevölkerung begrüßt die Anwesenheit des Militärs in Concepción und Umgebung – in Kürze werden es bis zu 14 000 Soldaten sein. Plünderungen hat es am Dienstag und Mittwoch in Concepción offenbar kaum noch gegeben. Mehr allerdings schätzen die Menschen die Arbeit der Rettungsmannschaften, die noch immer Opfer aus den Trümmern bergen. Die Trinkwasser- und Stromversorgung wird auch in den weniger betroffenen Zonen erst allmählich wiederhergestellt. Inzwischen gebe es im Land keinen Ort mehr, der von der Außenwelt abgeschnitten sei, die Verkehrsverbindungen seien überall wiederhergestellt, sagte Bauminister Bitar. Um so weniger ist verständlich, dass die Bewohner vor allem in den kleinen vom Beben verwüsteten Orten nach wie vor auf sich selbst gestellt sind.
230 Tonnen Hilfsgüter auf dem Weg in die Krisenregion
An internationalen Hilfsangeboten fehlt es inzwischen nicht mehr. Staatsoberhäupter lateinamerikanischer Staaten, zuletzt der Peruaner Alán García, haben sich die Klinke in die Hand gegeben, um Präsidentin Bachelet persönlich medizinische Einrichtungen zur Versorgung der Verletzten, Lebensmittel und andere Hilfsgüter zu übergeben, doch die feierlichen Worte von Brüderlichkeit und Solidarität, die bei der Übergabe fallen, haben bei den Betroffenen im Katastrophengebiet den schalen Beigeschmack einer politischen Show, wenn sie selbst von der „Solidarität“ noch immer nichts zu spüren bekamen.
Unterdessen sind 230 Tonnen Hilfsgüter auf dem Weg in die Krisenregion. Das Hauptproblem sei, angesichts zerstörter Straßen, Brücken und Flughäfen die Hilfe zu den Opfern zu bringen, sagte Bachelet. Die Zahl der Toten stieg auf 796. Nachbeben versetzten die Überlebenden in Angst und Schrecken. Täglich steigt die Zahl der offiziellen Todesopfer, sie liegt nun bei etwa 800.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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